Bonds: Deutschland stellt inflationsgeschützte Bundesanleihen ein
Frankfurt. Deutschland zieht sich überraschend aus dem seit 2006 aufgebauten Markt für inflationsgeschützte Anleihen zurück. Ab 2024 sollen keine weiteren an die Inflationsrate gekoppelten Bundeswertpapiere mehr neu ausgegeben werden. Das hat die für Deutschlands Schuldenmanagement zuständige Finanzagentur angekündigt.
Auch bereits ausgegebene Papiere sollen nicht mehr aufgestockt werden. Bei den vor allem von Staaten begebenen, auch „Linker“ genannten Anleihen richten sich die Zinszahlung und die Tilgung nach der Teuerungsrate. Damit übernehmen die Emittenten das Inflationsrisiko, das sonst beim Investor liegt.
Finanzagentur-Chef Tammo Diemer begründete den Stopp in einem Interview mit der „Börsen-Zeitung“ so: „Langfristig gesehen werden aus Sicht des Staates die wirtschaftlichen Vorteile inflationsgeschützter Bundeswertpapiere als weiteres Finanzierungsinstrument durch die damit verbundenen Risiken konterkariert.“
Dies gelte „sowohl hinsichtlich der Planungssicherheit als auch hinsichtlich des Finanzierungsrisikos des Bundes in einzelnen Jahren.“ Im Klartext bedeutet das: Die inflationsindexierten Anleihen sind dem Bund angesichts der gestiegenen Inflation zu teuer geworden.
Im Oktober stieg die Inflationsrate in Deutschland gegenüber dem Vorjahresmonat noch um 3,8 Prozent. Damit lag sie erstmals seit August 2021 wieder unter der Marke von vier Prozent. Ihr Hoch hatte sie im November 2022 mit 8,8 Prozent erreicht.
Hohe Zinsen für den Bund
Bereits im Juni 2022 sprach Finanzminister Christian Lindner mit Blick auf die Zinslast des Bundes von „einer Steilwand, die sich vor uns auftut“, und machte dafür auch ausdrücklich die Ausgabe inflationsgesicherter Staatsanleihen durch frühere Regierungen verantwortlich. „Da haben wir früher Geld mit verdient, jetzt zahlen wir Milliarden dafür“, sagte er damals.
Deutschland hatte im März 2006 nach fast zweijähriger Prüfung erstmals inflationsindexierte Anleihen begeben. Länder wie die USA, Großbritannien, Frankreich und Italien hatten Linker damals schon lange für sich entdeckt, später folgte Spanien. Inflationsindexierte Anleihen sind aber eine Nische.
In Deutschland sind nur etwa 3,5 Prozent der ausstehenden Bundeswertpapiere an die Inflationsrate gekoppelt. Insgesamt stehen vier deutsche Linker mit einem Gesamtvolumen von gut 66 Milliarden Euro und einer Restlaufzeit zwischen rund 2,5 und 22,5 Jahren aus. Global gibt es nach Berechnungen der UBS Linker für umgerechnet gut 2,8 Billionen Dollar, fast die Hälfte davon kommt aus den USA.
Ökonomen können nachvollziehen, dass Deutschland künftig auf inflationsindexierte Anleihen verzichtet. „Ein Risiko für den Bundeshaushalt stellen inflationsindexierte Anleihen immer dar - zur Risikoverminderung ist die Beendigung derartiger Emissionen also sicherlich richtig“, meint zum Beispiel Bernd Krampen von der NordLB.
Kritik von Investoren
Investoren wie Bernhard Matthes, der das Asset-Management bei der Bank für Kirche und Caritas (BKC) leitet, sehen das kritischer. „Um Staaten den Inflationsanreiz zu nehmen, sollten Staatsschulden grundsätzlich inflationsindexiert ausgestaltet sein“, sagt er. Für Anleger bleibe jedoch nun die Erkenntnis, dass Staaten entgegen ihrer offiziellen Rhetorik meist ein Interesse an fortgesetzter Inflation haben.
Damit spielt er darauf an, dass Staaten von hoher Inflation profitieren, weil dadurch nicht nur die Preise steigen, sondern auch das nominale Bruttoinlandsprodukt. Das wiederum lässt den Schuldenstand im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt weniger hoch aussehen.
Mit Material von Reuters