Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Profifußball Werder Bremen kämpft per Fußball-Anleihe um das Comeback

Mit dem Geld von Anlegern will Absteiger Werder Bremen die Corona-Schäden in der Bilanz verkraften – und zurück in die Bundesliga. Das Timing ist miserabel.
26.05.2021 - 13:38 Uhr Kommentieren
Den Bremern versagten im Saisonfinale gänzlich die Nerven, sie fielen kurz vor dem Abpfiff der Saison auf einen direkten Abstiegsplatz. Die Probleme häufen sich, auch auf finanzieller Seite. Quelle: Pool via REUTERS
Trauer an der Weser, während der Gegner jubelt

Den Bremern versagten im Saisonfinale gänzlich die Nerven, sie fielen kurz vor dem Abpfiff der Saison auf einen direkten Abstiegsplatz. Die Probleme häufen sich, auch auf finanzieller Seite.

(Foto: Pool via REUTERS)

Düsseldorf, München Lärm ist etwas für Sieger, Verlierer leiden in aller Stille. Und es war verdammt still am vorigen Samstag im Bremer Weserstadion. 2:4 verloren gegen Mönchengladbach, seit zehn Spieltagen kein Sieg mehr, Abstieg aus der Fußball-Bundesliga nach 41 Jahren. Das ist das ganze Drama des SV Werder Bremen, zuletzt 2004 Deutscher Meister und 2009 DFB-Pokalsieger.

Der sportliche Wettbewerb ist für den Traditionsklub erst einmal verloren – und der wirtschaftliche noch lange nicht gewonnen. Denn ausgerechnet mitten in die Tristesse des Nach-unten-gereicht-Werdens fällt die Zeichnungsfrist für eine Anleihe, die dringend benötigte Millionen in die Kasse bringen soll.

Ein außerordentlich problematisches Timing: Das Rennen um das Geld der Investoren muss erfolgreicher sein als der Kampf um Punkte in der Liga. Immerhin zeigt der Zwischenkonzernabschluss Ende 2020 einen Fehlbetrag von insgesamt 30,6 Millionen Euro, der nicht durch das Eigenkapital gedeckt ist.

Der jähe Sturz in die Zweitklassigkeit hebt die Probleme an der Weser mit einem Mal auf ein neues Niveau. Er steigert die ohnehin vorhandene wirtschaftliche Unsicherheit: Die Erlöse sinken zwangsläufig, aufgelaufene Schulden wirken wie ein Mühlstein – und wenn es ganz schlecht läuft, droht dem Verein auch noch eine Negativspirale.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Viele prominente Absteiger aus der ersten Liga wie der Hamburger SV oder der 1. FC Nürnberg tun sich schwer, wieder hochzukommen. Mal fehlt es am Geld für wichtige Spieler, mal am Team-Spirit. Vorbild für Bremen ist derzeit der VfB Stuttgart, der ein recht schnelles Comeback schaffte.

    Werder-Anleihe bringt deutlich weniger als erhofft

    In dieser Lage muss eine klassische, börsennotierte Mittelstandsanleihe, die Anleger noch bis zum 1. Juni zeichnen können, in Bremen ein finanzielles Glückserlebnis schaffen. Der Bond läuft über fünf Jahre, die fixe Verzinsung zwischen 6,0 und 7,5 Prozent wirkt in Niedrigzinszeiten wie ein Siegtor in der Nachspielzeit – wenn da nicht das erhöhte Risiko wäre.

    Auch deshalb wird das Papier vermutlich weniger Geld bringen als erhofft. Statt bis zu 30 Millionen Euro sind es nun eher 15 Millionen. „Unser sportlicher Misserfolg hat natürlich auch direkte Auswirkungen“, räumt der Vorsitzende der Werder-Geschäftsführung, Klaus Filbry, im Gespräch mit dem Handelsblatt ein: „Es wäre falsch, diesen Einfluss zu verneinen.“

    Als Werder das von der Luxemburger Wertpapieraufsichtsbehörde geprüfte Finanzprodukt zusammen mit dem Bankhaus Lampe konzipierte, wirkte der Klub noch immun gegen die Abstiegsgefahr. Inzwischen haben institutionelle Investoren für 11,5 Millionen Euro gezeichnet.

    Nur ein kleiner Teil aus diesem Kreis habe sein Angebot nach dem Abstieg reduziert oder gar zurückgezogen, ist aus Finanzkreisen zu hören. Die Kombination aus wirtschaftlichem und sportlichem Risiko war für manche dann doch zu groß. Nun sollen private Anleger weitere Millionen in den Klub stecken.

    Er wirbt aktuell öffentlichkeitswirksam für die neue Anleihe. Die Bereitschaft der Anleger hält sich allerdings in Grenzen. Quelle: dpa
    Werder-Geschäftsführer Klaus Filbry

    Er wirbt aktuell öffentlichkeitswirksam für die neue Anleihe. Die Bereitschaft der Anleger hält sich allerdings in Grenzen.

    (Foto: dpa)

    Die „Finanzialisierung“ greift im Profifußball immer stärker um sich. Renditehungrige Großfinanciers aus den USA haben sich beispielsweise Klubs in England und Frankreich gesichert, in Deutschland stieg US-Investor David Blitzer mit seiner Bolt-Holding mittelbar mit 45 Prozent beim Erstligisten FC Augsburg ein.

    Die „50+1-Regel“ sorgt derzeit in Deutschland noch dafür, dass Vereinsmitglieder in großer Anzahl die Mehrheit halten, doch es gibt bereits Ausnahmen: Leipzig (Red Bull), Wolfsburg (Volkswagen), Hoffenheim (Dietmar Hopp), Leverkusen (Bayer). Um im Sog des Geldes mitzuhalten, erschließen sich die Klubs notgedrungen neue Finanzierungswege.

    Das Risiko für Investoren ist verhältnismäßig hoch

    Anleihen genießen dabei im Fußball bislang keinen besonders guten Ruf. Das Risiko für Investoren ist, ähnlich wie bei Fußball-Aktien, verhältnismäßig hoch. Die Rendite hängt stark von der sportlichen Performance ab. Derzeit werden Anleihen des Hamburger SV, von Hertha BSC sowie des FC Schalke 04 an der Börse gehandelt.

    Die Schalker, neben Werder der zweite direkte Absteiger aus der ersten Liga, müssen im Juli ihre alte Anleihe zurückzahlen, angesichts von mehr als 200 Millionen Euro Schulden ein schwieriges Projekt. Also will man die Last einfach mit einer neuen Anleihe refinanzieren. Details gab der Klub am Mittwoch bekannt: Das Zielvolumen liegt bei knapp 16 Millionen Euro, der neue Zins bei 5,75 Prozent.

    Bei klassischen Fan-Anleihen ist das Ausfallrisiko noch höher. Sie sind ein emotionales Investment und gelten als letzte Option vor einer Insolvenz. Vereine wie Alemannia Aachen, der 1. FC Kaiserslautern, Arminia Bielefeld oder auch der 1. FC Köln haben solche Anleihen in der Vergangenheit auf den Markt gebracht – gelohnt haben sie sich für Anleger in den seltensten Fällen.

    Beim Drittligisten Kaiserslautern, der in die Insolvenz gerutscht war, bat die Klubführung die Geldanleger-Fans sogar, auf ihre fünf Prozent Zinsen zu verzichten. Doch weil die nötigen 50 Prozent des Kapitals auf der Gläubigerversammlung nicht zu erreichen waren, wurde daraus nichts.

    Grafik

    So versucht denn Werder-Bremen-Chef Filbry alles, sein Produkt von einer klassischen Fan-Anleihe abzugrenzen. Man wolle „nicht mit den Emotionen der Menschen in einer Krise spielen“, betont der frühere Adidas-Manager.

    Das Problem ist: Die Differenzierung fällt mitunter schwer, da auch Werder-Fans das neue Produkt kaufen – die Mindestsumme für private Anleger liegt bei 1000 Euro. Immerhin hat Bremen zunächst bei institutionellen Investoren geworben. Doch auch längst nicht alle Profis sind renditegetrieben. Auch in ihrem Kreis hat sich ein Teil allein aus emotionalen Gründen beteiligt.

    Filbry erwartet, dass Fußball-Anleihen in Zukunft ein interessantes Instrument werden – „um sich die notwendige Beinfreiheit zu erarbeiten“, wie er sagt. Der Sportökonom Daniel Weimar, der an der Universität Duisburg-Essen lange unter anderem zu Insolvenzen im Fußball geforscht hat, erkennt hier auch den Einfluss der Coronakrise: „Die gegenwärtige Situation mancher Vereine könnte dazu führen, dass dieser eher unpopuläre Schritt einfacher zu kommunizieren ist.“ Sein Urteil jedoch fällt negativ aus: Weimar sieht in derartigen Ansätzen nur einen „Liquiditätsboost ohne strukturelle Investition“.

    Werder Bremen braucht dringend Liquidität

    Auf das Geld aus der Anleihe ist Werder zwingend angewiesen. Die Corona-Pandemie hat zu Mindereinnahmen von insgesamt 35 Millionen Euro geführt, allein bei jedem Heimspiel vor leeren Rängen entgeht ein Bruttoerlös von 1,5 Millionen Euro.

    Hinzu kommen geringere Erträge aus dem Sponsoring und der TV-Vermarktung. Die Verbindlichkeiten bewegen sich um die Marke von 75 Millionen Euro. Der Werder-Verlust lag im Geschäftsjahr 2019/20 bei rund 23 Millionen Euro; weitere 17 Millionen verlor der Verein in der Hinrunde 2020/21.

    Und doch kündigt CEO Filbry vergleichsweise bessere Zahlen fürs gesamte Geschäftsjahr an. Er begründet das mit Sparaktionen, einem Immobilienverkauf für zwei Millionen und vor allem mit anstehenden Transfererlösen: Wichtige Stammspieler verlassen den Verein, allerdings ist Corona-bedingt die Lust an Deals in der Branche noch schwach ausgeprägt.

    Grafik

    Ein Spielerausverkauf würde zudem sportliche Substanz rauben. Die Emittentin der Anleihe werde in der Zweiten Bundesliga „einem hohen Konkurrenzdruck um einen sofortigen beziehungsweise zeitnahen Wiederaufstieg ausgesetzt sein“, heißt es im Wertpapierprospekt. Auch deshalb hält Sportökonom Weimar die versprochene Rendite für zu gering. „Sie entspricht keinesfalls dem tatsächlichen Risiko.“

    In ebenjenem Kapitel „Risiken“ des Prospekts steht, dass der Abstieg bei Werder zu 40 Prozent weniger Umsatz führt, vor allem wegen reduzierter TV-Erlöse. Der Spieleretat solle um 40 bis 60 Prozent sinken, rechnet Filbry vor – der Abstieg sei nicht das größte Risiko für Anleger. Immerhin sorgten etwa das Lizenzierungsverfahren der Liga, ein stabiler TV-Vertrag sowie Partner rund um den Hauptsponsor Wiesenhof für Sicherheit, gerade erst habe man einen Vertrag mit Mercedes geschlossen. Kritischer sei vielmehr eine fortgesetzte Gefahr durch Corona, mit leeren Stadien und den daraus fehlenden Einnahmen: „Das ist irgendwann nicht mehr durch Liquidität abzufedern.“

    Der Erlös aus der Anleihe soll gemäß Prospekt der „Schaffung von Liquidität“ dienen sowie „gegebenenfalls zum Ausgleich von Mindereinnahmen im Falle eines Abstiegs in die Zweite Bundesliga“. Wenn vieles gut laufe, „kann es sein, dass die Erlöse auch nur für das Wachstum des Vereins ausgegeben werden“, skizziert Filbry.

    Hier hat der Verein drei Felder ausgemacht: vor allem die Aus- und Weiterbildung potenzieller Profis, die später teuer zu verkaufen sind, sowie Nachhaltigkeitsprojekte (grüner „Werder-Strom“) und Digitalisierung.

    Der klassische Bankkredit genügt vielen Klubs nicht mehr

    Der von Werder Bremen gewählte Schritt über eine Anleihe ist im deutschen Profifußball noch ungewöhnlich. Doch er zeigt, wie sehr die Coronakrise die Wirtschaftlichkeit bedroht und vorhandene Strukturschwächen unbarmherzig aufdeckt. Es wird ungemütlich.

    Filbry bemüht das Bild von einer „Zwiebel“, bei der man Schicht um Schicht freilegt. Die Bremer hatten sich zunächst, ganz klassisch, von der Norddeutschen Landesbank – im Verbund mit der Sparkasse Bremen und der Oldenburgischen Landesbank – 20 Millionen Euro geliehen, abgesichert per Bürgschaft durch das wie ehedem sozialdemokratisch regierte Land. Im nächsten Schritt, ähnlich wie beim Häuten der Zwiebel, folgten Fremdkapital-Instrumente, die mit höheren Kosten verbunden sind, so Filbry. Und schließlich bliebe am Ende noch der Einstieg eines klassischen Investors.

    Der Werder-Chef bestätigt, dass der Verein derzeit Gespräche mit einem möglichen „strategischen Partner“ führt. Der müsse ein Interesse haben, langfristig den Verein weiterzuentwickeln. Eine Entfremdung im Verhältnis zu den Fans sieht er nicht, man sei mit allen zum Thema „Fußball 2030“ im Gespräch, so Filbry – auch wenn es in einer Phase sportlichen Misserfolgs natürlich Kritik am Verein gebe. Schließlich haben Klubs wie Freiburg, Bielefeld oder Union Berlin mit geringeren Spieleretats die erste Liga gehalten.

    Zur Frage nach dem ökonomischen Wert des Absteigers äußert sich der Fußball-Manager nicht. Andere schätzen ihn auf rund 250 Millionen Euro. Die Situation insgesamt würde er, so sein Fazit, nicht „existenzbedrohend“ nennen. Sie sei nur „herausfordernd“.

    Mehr: Venture-Capital, Private Debt, Schuldscheine: Unternehmen können heute zwischen einer Reihe von Finanzierungsoptionen wählen. Ein Überblick.

    Startseite
    Mehr zu: Profifußball - Werder Bremen kämpft per Fußball-Anleihe um das Comeback
    0 Kommentare zu "Profifußball: Werder Bremen kämpft per Fußball-Anleihe um das Comeback"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%