Proven Oil Canada: Putsch im Öl-Imperium
Bewegte Zeiten bei Proven Oil Canada.
Foto: imago/Larry MacDougalBerlin. Als Edmund Kockartz im Hafen von Norddeich von einer Fähre steigt, bleiben nur noch wenige Wochen, bis sich entscheidet, ob seine Revolte gelingt. Er hat seinen Urlaub auf der Insel Norderney unterbrochen, wie so oft im Juni 2017. Die Bank, der Insolvenzverwalter, Tausende Anleger: Alle wollen etwas von ihm. Er zuckt mit den Schultern. So sei das eben, sagt er. Immerhin gehe es um 300 Millionen Euro.
Edmund Kockartz hat ein Jahr zuvor einen Putsch bei Proven Oil Canada (POC) angezettelt und sich zum Geschäftsführer machen lassen. Und er hat eine goldene Regel der Kapitalanlage gebrochen: die Anleger gebeten, dem schlechten Geld gutes Geld hinterherzuwerfen. „Für den Restart brauchen wir ungefähr 15 Millionen Euro frisches Kapital“, rechtfertigt er sich bei dem Gespräch im Juni. Denn im Oktober muss Kockartz ein Darlehen bei der Bank in Kanada ablösen. Nur dann gibt sie verpfändete Ölquellen, Pipelines und Fördergeräte frei. Viele Investoren haben zugestimmt. Nun kommt es darauf an, dass sie wirklich neues Geld überweisen.
Kockartz wirkt wie ein Tourist. Ein 74 Jahre alter Herr mit dichten Augenbrauen und sonorer Stimme, der in einem Café an der Mole sitzt. „Wenn Sie mir vor einem Jahr gesagt hätten, dass ich einmal Öl fördern würde, ich hätte sie gefragt, was sie geraucht haben“, sagt er. Als POC-Geschäftsführer muss er schaffen, woran die Vorgänger gescheitert sind: in Kanada profitabel Öl und Gas zu pumpen.
Bei den Anlegern schrillen die Alarmglocken
Zu diesem Zweck hatten Fonds der POC-Gruppe in den Jahren 2008 bis 2012 rund 300 Millionen Euro bei 14.000 Anlegern in Deutschland eingesammelt. Bis zu zwölf Prozent Ausschüttung versprachen die Emittenten der geschlossenen Fonds. Geschlossene Fonds sind Unternehmensbeteiligungen in Form von Kommanditgesellschaften. Die Anleger sind Kommanditisten, die mit ihrer Einlage für Schulden haften.
Zweistellige Renditen lassen bei Anlegerschützern die Alarmglocken schrillen, denn sie sind meist mit dem Risiko des Totalverlusts verbunden. Kockartz kannte das Risiko. Er hatte 18 Jahre als Anlageberater gearbeitet. „Ich bin mit einem Kollegen nach Kanada geflogen, um mir die Personen, Firmen und Quellen vor Ort anzusehen“, sagt er. Das Geschäftsmodell sah vor, in bereits produzierende Quellen zu investieren. Vor deren Kauf sollten unabhängige Gutachten den Marktwert feststellen. Das Konzept schien schlüssig. Und weil POC-Fonds bereits Ausschüttungen vornahmen, stieg Kockartz in den Vertrieb ein und investierte auch selbst. Das war 2010.
Drei Jahre später knirschte es, was sich auch in Bilanzen abzeichnete. Wie die Fonds in Schieflage gerieten, dazu gibt es verschiedene Versionen. „Das ursprüngliche Geschäftsmodell war in Ordnung, jedenfalls handelte es sich nicht um ein Schneeballsystem“, sagt Kockartz. In einem typischen Schneeballsystem finanzieren Neuanleger Auszahlungen an Beteiligte, die früher eingestiegen sind. Reißt der Zufluss neuer Gelder ab, kollabiert das System.
Bei POC stellt sich die Situation anders dar. Eine Mischung aus grober Misswirtschaft in dem undurchsichtigen kanadischen Firmengeflecht und dem Ölpreisverfall habe wohl die Anlegergelder in kürzester Zeit verbrannt, sagt Kockartz. „Die hatten Ahnung vom Pipeline-Business, aber vor allem von der Pipeline ins eigene Portemonaie“, kritisiert ein Anleger die Managementvergütung.
Wer trägt die Verantwortung?
Einige Investoren machen Monika Galba, die Ex-Geschäftsführerin der POC-Fonds in Deutschland, für die Misere verantwortlich. Sie weist die Kritik zurück: „Die Probleme waren maßgeblich dem dramatischen Ölpreisverfall geschuldet.“ Ohnehin habe die operative Verantwortung beim kanadischen Management gelegen.
Der Ölpreis war in der zweiten Hälfte des Jahres 2014 von mehr als 100 Dollar pro Barrel (159 Liter) auf knapp über 50 Dollar abgestürzt. Es gibt Hinweise, dass es bei POC schon vorher nicht rundlief. Zunächst hatte jeder der Fonds eine kanadische Fördergesellschaft. Im Sommer 2013 sollte eine Poolgesellschaft – genannt COGI – überraschend Synergien und Sparpotenziale heben. Aber schon Ende 2013 müssen die Ölbarone so tief in Schwierigkeiten gewesen sein, dass sie bald alle Auszahlungen stoppten.
Für Wirbel sorgten Enthüllungen der „Wirtschaftswoche“, dass im POC-Umfeld der deutsche Milliardenpleitier Jürgen Hanne mitmischen könnte, der sich einst nach Kanada abgesetzt hat. Galba ist mit einem ehemaligen Geschäftspartner von Hanne verheiratet. Der Ehemann arbeitete überdies im Marketing für POC. „Jürgen Hanne hat mit den Fondsgesellschaften nichts zu tun“, wehrt Galba ab. Ein Kontakt bestehe seit Jahren nicht mehr.
Im Juli 2015 platzte die Bombe: Galba forderte von den Anlegern Ausschüttungen des Jahres 2013 zurück. Einige Wochen später war die COGI zahlungsunfähig. Einem Vermögen mit 131 Millionen kanadischen Dollar (aktuell 86 Millionen Euro) Buchwert standen Bankschulden in Höhe von 49 Millionen und Verbindlichkeiten von 25 Millionen Dollar gegenüber. Die Anleger waren geschockt.
Anleger stemmten sich gegen das Ende
Auf dem grauen Kapitalmarkt verlaufen Pleiten oft so ähnlich. Erst sammeln Emittenten mit viel Tamtam und hohen Auszahlungsversprechen Millionen ein und kassieren fleißig ab – und sei es nur Provisionen. Das operative Geschäft kann die Erwartungen zur Überraschung der Anleger später häufig nicht erfüllen. Wenn die Renditehoffnungen platzen, ist das Anlegerkapital verschwunden oder stark geschmolzen. So geschehen etwa bei den Finanzskandalen von Prokon und S&K.
Die POC-Fonds bekamen eine zweite Chance, weil sich einige Anleger gegen das Ende stemmten. Aus kritischen Wortführern auf der Gesellschafterversammlung im Herbst 2015 wurden Revolutionäre. Noch im Saal gründeten sie die Interessengemeinschaft IG POC. Sie sammelten Adressen. Kockartz nahm Kontakt zu der Gruppe auf. Ihn trieb die Hoffnung, die Geschäftsführung auszutauschen, um die Fonds noch zu retten. Mehrfach hatte er sich mit dem Geschäftsführer der kanadischen COGI ausgetauscht. Den Widerstand bekam Galba nun zu spüren. Die Anleger wählten Beiräte, verweigerten Entlastungen der Geschäftsführerin und die Freigabe der Bilanzen. Heimlich bastelten Kockartz und seine Mitstreiter am Sanierungskonzept, das sie „Restart“ tauften. Ihr Problem: Als einfache Anleger waren sie für den kanadischen Insolvenzverwalter Victor Kroeger von der Beratungsgesellschaft MNP kein offizieller Ansprechpartner.
Insolvenzverwalter, Bank und Aufständische zogen an einem Strang
Irgendwann muss sich der Insolvenzverwalter entschieden haben, die Putschisten trotzdem anzuhören. „Wir haben ihm erklärt, die fehlenden Entlastungen auf den Gesellschafterversammlungen zeigen doch, dass die Anleger kein Vertrauen zur Geschäftsführung mehr haben“, sagt Kockartz. Neben der Hartnäckigkeit der Anleger könnte ein zweiter Grund den Sinneswandel des Insolvenzverwalters erklären. Monika Galba sagt, im Mai 2016 habe Kroeger sie aufgefordert, frühere Ausschüttungen in zweistelliger Millionenhöhe von den deutschen Fonds nach Kanada zurückzuüberweisen. „Wir haben diese Forderungen vehement zurückgewiesen.“ Dem Insolvenzverwalter gehe es in erster Linie darum, Gelder für die kanadischen Gläubiger aufzutreiben. Ein Riss verlief nun durch das alte POC-Firmengeflecht.
Im Sommer 2016 trafen sich Kroeger, Kockartz, einige Anleger und Anwälte heimlich in einer Berliner Kanzlei. Dann reiste der Deutsche mit einem Mitstreiter nach Kanada, um mit der Bank zu verhandeln. „Wir hatten keine Funktion in den Fondsgesellschaften, keine Vollmacht und kein Scheckheft, das hätte fürchterlich schiefgehen können“, erinnert sich Kockartz. Nicht einmal die Mehrheit der Anleger wussten die Putschisten hinter sich. Doch die Bank ließ mit sich reden. Der Ölpreis war auf unter 30 Dollar abgestürzt. Das Geldhaus wollte Quellen, Pipelines und Fördertechnik offenbar schnell loswerden. Das drückte den Preis, der bis heute geheim gehalten wird.
Insolvenzverwalter, Bank und Aufständische zogen jetzt an einem Strang. Krueger ernannte Kockartz und einen zweiten Anleger zu Geschäftsführern neben Galba. Gegen die beiden konnte sie keine Entscheidung mehr durchsetzen.
Am 24. Januar um 10.05 Uhr stürmten die Putschisten am Kurfürstendamm in Berlin durch ein Marmor-Foyer. Sie gingen die Treppe hinauf in die stuckverzierten POC-Büros. Dort legten sie notarielle Dokumente vor, die sie als neue Chefs auswiesen. Nach Darstellung mehrerer Beteiligter wurde es laut und ruppig. Galba rief Anwälte hinzu und schließlich die Polizei. Weil die Büros mit der POC-Zentrale von einer anderen Galba-Firma gemietet waren, mussten die Aufrührer nach ein paar Stunden wieder abziehen. Ihr wichtigstes Ziel hatten sie jedoch erreicht: Wenige Tage später legte Galba ihre Ämter nieder.
Anleger müssen überzeugt werden
Nun standen die Putschisten vor dem nächsten großen Problem. 14.000 Anleger mussten von ihrem Konzept überzeugt werden. Sie benötigten 15 Millionen Euro neues Kapital für den Restart. „Das waren schlaflose Nächte“, sagt Kockartz. Vor rund 2 000 Investoren warben Kockartz und seine Leute für ihr Konzept. Vorab verschickten sie ihre Hochrechnung: Selbst bei einem Ölpreis von 30 Dollar sollten die Quellen einen niedrigen Ertrag abwerfen. Im Optimalfall könne bis 2021 der Sanierungsbeitrag refinanziert sein, danach sollten die Zins- und Kapitalrückzahlungen anlaufen.
Seit dem Putsch wird bei POC eine neue Bescheidenheit gelebt. Heute residiert die Geschäftsführung im Gewerbegebiet des rheinländischen Langenfeld. Hier teilt sich POC ein kleines Bürohaus mit einer Autovermietung. Stuck und Marmor gibt es nicht, dafür hat der Vormieter Möbel und Teppich kostenlos überlassen. Im Oktober verkündet Kockartz einen Etappensieg. „Die Rechte an allen Vermögenswerten (Quellen, Förderanlagen, Grundstücke, Werke, Lizenzen etc.) gehören nun wieder unseren Fonds und nicht mehr der kanadischen Bank“, teilt er den Anlegern mit.
Ein Nebensatz im Rundbrief verrät, dass einer der Hauptverschwörer auf der Strecke geblieben ist. In der Restart-Broschüre wurde Thomas Ruf aus Starnberg als Ölexperte angepriesen. Er hatte die Prognose erstellt, die für 2018 bis zu 13 Millionen Euro Ertrag nahelegt. Dafür musste Ruf Hunderte Quellen-Akten prüfen. Er ist 9.000 Kilometer durch Kanada gefahren, um Ölpumpen zu besichtigen. Einige sind nur mit Satellitenortung zu finden. Als Mitbegründer der IG POC sollte Ruf das operative Geschäft in Kanada leiten. Im Rundbrief heißt es nun, er werde das Unternehmen wegen „veränderter Lebensplanung“ verlassen.
Frisst die POC-Revolution ihre Kinder? Die Personalie beunruhigt viele Anleger, auch weil – zum Teil umstrittene – Internetportale für Kapitalanleger sie prominent thematisieren. Sie feuern die Gerüchteküche an. Mal stehen angeblich hohe Spesenrechnungen des Managements im Zentrum der Spekulationen. Mal die Vertriebsfirma für Ölexploration, die Ruf gerade gründete, als es mit POC zu Ende ging. Die Anleger wittern überall Indiskretionen und Verschwörungen.
Geschäftsführer gibt sich optimistisch
Thomas Ruf möchte sich zum Ausscheiden nicht äußern. Nur so viel sagt er: Im Sommer habe es unterschiedliche Ansichten zu Tagesgeschäft und Investitionen gegeben. Zum Zahlenwerk aus der Restart-Broschüre steht er weiterhin. „Ich bin fest davon überzeugt, dass die Wende möglich ist“, sagt er, „sofern ein technisches und betriebswirtschaftliches Management der Quellen betrieben wird.“
Mitte Dezember herrscht im POC-Büro in Langenfeld gute Laune. Der Ölpreis ist auf fast 60 Dollar geklettert. Das macht Hoffnung. POC habe sich von unrentablen Quellen getrennt. Die Ölförderung sei gesteigert worden. Pumpen und Controlling wurden in andere Hände vergeben. „Wir haben jetzt richtige Profis am Werk“, versichert Kockartz.
Genaue Daten lassen noch auf sich warten, aber der Geschäftsführer gibt sich optimistisch. „Über das ganze Jahr 2018 werden wir so gut verdienen, dass wir die Kosten in Deutschland und Kanada decken sowie die Zinsen für das Sanierungskapital leisten können“, kündigt Kockartz an. POC werde auch beginnen, eine Rücklage für die Rückzahlung an die Anleger zu bilden. Für die gebeutelten Investoren sind das große Versprechen.
Wahr ist aber auch: Der neue Chef braucht dringend gute Nachrichten. Ein Jahr nach dem Putsch ist Edmund Kockartz der starke Mann im Ölimperium. Erste Skeptiker flüstern, er vereine mehr Macht auf sich als Monika Galba je hatte. Ihm bleibt nur eine Chance, es allen zu beweisen. Er muss Öl fließen lassen und möglichst bald auch Geld.