Rohstoffe: Russland hat erstmals mehr Gold als Gas exportiert
Das Edelmetall wird für Russlands Staatseinnahmen immer wichtiger.
Foto: BloombergBerlin. Zwei Monate genügten: Allein in den Monaten April und Mai nahm das Kremlreich 3,6 Milliarden Dollar mit dem Export von Gold ein. Das ergibt der Blick in die Zahlen des Föderalen Zolldienstes (FCS) und der Zentralbank (ZB) der Russischen Föderation.
Nach den Daten des FCS verkaufte Gazprom, das ein Monopol auf den Pipeline-Gasexport hat, in diesen beiden Monaten Erdgas im Wert von 2,4 Milliarden Dollar ins Ausland. Nach der vorläufigen Einschätzung der Zentralbank brachten die Pipeline-Gasexporte im zweiten Quartal Russland Einnahmen in Höhe von 3,5 Milliarden Dollar – also weniger als die Goldexporte in nur zwei Monaten.
Dies hat vor allem zwei Gründe, einer davon ist für Russlands Staatsfinanzen verheerend.
Zum einen sind die Goldexporte rasant gestiegen: Im April und Mai vergangenen Jahres exportierte Russland noch das Edelmetall im Wert von 247 Millionen Dollar. Das hat zum einen mit dem deutlich gestiegenen Goldpreis zu tun, aber auch mit der drastisch auf 66,4 Tonnen in den Monaten vier und fünf des laufenden Jahres gestiegenen Ausfuhrmenge.
„Diese Situation ist erstmalig in der Geschichte unseres Landes“, sagte Maxim Chudalow von der Moskauer Ratingagentur AKRA. Seinen Angaben zufolge bringt der Gasexport mindestens seit 1994 mehr Einnahmen als der Goldexport für das größte Land der Erde.
Warum die Goldexporte steigen, hat seinen Grund in der Coronakrise und den westlichen Sanktionen gegen Russland. Beides hat laut Analysten dazu geführt, dass der russische Staatshaushalt unter Druck geraten ist und die ZB, die traditionell stark in die Erhöhung der staatlichen Reserven investiert hat, ihre Politik lockern musste.
Zentralbank stoppt Goldaufkäufe für die Staatsreserven
Deshalb, so Chudalow, habe die ZB entschieden, vorerst kein Gold mehr für die staatlichen Gold- und Devisenreserven aufzukaufen. Zudem seien die meisten Goldminenunternehmen aufgrund von Kreditverträgen verpflichtet, Gold an die Banken zu verkaufen, die sie finanzieren.
Die völlige Absage der ZB, Gold einheimischer Produzenten aufzukaufen und die nach der Schneeschmelze in Sibirien voll einsetzende Schürfsaison seien die Hauptgründe des starken Anstiegs der Goldexporte, meint auch Alexej Saizew, Vizepräsident der Bank Otkrytie. Um den ZB-Ausfall als Abnehmer auszugleichen, seien Goldminen und Raffinerien erstmals bei den Exportrechten den Banken gleichgestellt worden.
Zuvor durften sie nicht eigenständig Gold ins Ausland ausführen. Auch die Banken mussten erst die ZB fragen vor Auslandsgeschäften, doch Russlands Notenbank fällt nun als Nachfrager aus.
Die steigenden Goldexporte sind der eine Grund, doch die Gasseite ist ebenso entscheidend für die neue Export-Realität in Russland: Nach Schätzungen der Zentralbank fielen die Einnahmen von Gazprom aus Gasexporten im zweiten Quartal 2020 im Vergleich zum ersten Quartal um die Hälfte und im Vergleich zum gleichen Zeitraum 2019 um das 2,6-fache auf nur noch 3,5 Milliarden Dollar.
Erdgaspreis ist im freien Fall
Im April und Mai lieferte Gazprom 24 Milliarden Kubikmeter Gas ins Ausland, das sind 21 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Und der Exportpreis für russisches Gas fiel im Mai auf 94,4 Dollar pro 1.000 Kubikmeter – und damit unter das Rentabilitätsniveau. Im Mai 2019 lag der Gasexportpreis noch bei 183,87 Dollar. Die Gründe für den Gaspreisverfall im Gefolge des Ölpreisabsturzes sehen Analysten in der geringeren Energie-Nachfrage aufgrund der Corona-Pandemie, den vollen Gasspeichern im Westen wegen eines relativ warmen Winters und der Erderwärmung.
„Wir erwarten, dass die Gasexporte nach Europa im Jahr 2020 auf 163 Milliarden Kubikmeter sinken werden, verglichen mit etwa 200 Milliarden Kubikmetern in den Jahren 2018-2019“, sagte Dmitri Marintschenko, Direktor für Natural Resources and Commodities bei der Ratingagentur Fitch. Seiner Einschätzung zufolge könnte der durchschnittliche Exportpreis im Jahr 2020 auf ein Rekordtief der letzten 15 Jahre fallen.
„Wir erwarten, dass es etwa 120 Dollar pro 1.000 Kubikmeter sein werden“, so Marintschenko. In den Jahren 2006 bis 2009 betrug der durchschnittliche Exportpreis 294 Dollar. Laut der Forschungsdirektorin von Vygon Consulting, Maria Belowa, lag der Negativrekord inmitten der Rubel-Krise 1999 bei 57,5 Dollar pro 1.000 Kubikmeter. Damals lag aber auch der Ölpreis bei 12,72 Dollar pro Barrel gehandelt.
Überraschung: Wohin das meiste russische Gold geht
Überraschend ist, wohin der Großteil des exportieren russischen Goldes inzwischen geht: Der Hauptimporteur von russischem Gold bleibt Großbritannien mit etwa 80 Prozent der russischen Exporte.
Schon 2019 hat Russland seine Exporte auf die Insel – trotz der massiv gestiegenen Spannungen infolge der Affäre um die versuchten russischen Mordanschläge auf den nach England übersiedelten Spion Sergej Skripal und seine Tochter – um das Zwölffache auf gut 5,3 Milliarden Dollar gesteigert. Im Zeitraum Januar bis Mai 2020 entfielen auf Großbritannien vier Milliarden der Gesamtausfuhren von 5,1 Milliarden Dollar.
Gründe sind natürlich auch, dass London ein Zentrum des globalen Goldhandels ist, an dem die Metallvorräte physisch gelagert werden. Aber dort sitzen auch viele internationale Fondsanbieter, insbesondere Gold-ETFs. Der Zufluss von Gold in diese Fonds habe in der ersten Hälfte des Jahres 2020 ein Rekordniveau erreicht, erklärte der World Gold Council (WGC). Der habe bisher 734 Tonnen für 39,5 Milliarden Dollar betragen.
Russlands Goldexport-Wachstum wird jedoch den Rückgang seiner Einnahmen aus den Öl- und Gaslieferungen ins Ausland nicht ausgleichen können, warnte Yegor Susin von der Gazprombank. Seinen Schätzungen zufolge könnten die Goldexporte im Jahr 2020 weniger als zehn Prozent der entgangenen Einnahmen aus Öl- und Gasverkäufen decken.
„Auf jeden Fall ist es ein Plus für Handelsbilanz und Zahlungsbilanz“, sagt der Experte. Aber: In den besten Jahren habe Russland jährlich 60 bis 70 Milliarden Dollar aus Gasexporten erhalten, und alle Goldexporte würden selbst bei den derzeit sehr hohen Preisen 13 Milliarden Dollar nicht überschreiten.