Doppelinterview: Wie gelingt der Sprung vom Pitch in die Praxis?
Herr Krietenstein, Herr Boermann, Start-ups gelten als Treiber von Innovationen im Gesundheitswesen. Wo sehen Sie die größten Potenziale?
Krietenstein: Start-ups bringen echten Pioniergeist mit. Sie sind schnell und meist sehr experimentierfreudig und fordern den Markt heraus. Das befruchtet sich im Idealfall gegenseitig und kann dann zu innovativen Entwicklungen führen.
Boermann: Ich sehe Start-ups als wichtige Impulsgeber, die Versorgungslücken schließen können – etwa mit KI-basierten Anwendungen oder telemedizinischen Angeboten. Ihre Skalierbarkeit und Flexibilität sind ein Vorteil gegenüber etablierten Playern.
Wie hat sich das Zusammenspiel zwischen Krankenkassen und jungen Unternehmen in den vergangenen Jahren verändert?
Boermann: Früher war der Zugang zur Kassenwelt eher verschlossen. Heute öffnen wir Türen, etwa über unser Innovationsportal, in dem Start-ups innovative Ideen vorstellen können, oder durch Scoutings vor Ort. Wir begleiten Start-ups frühzeitig und helfen, ihre Ideen versorgungsreif zu machen.
Krietenstein: Wir haben ein hohes Interesse an der Zusammenarbeit mit jungen innovativen Unternehmen, um ihre Lösungen in die Versorgung zu bringen. Dafür gehen wir aktiv auf Start-ups zu, um innovative Ideen frühzeitig zu scouten. Das Ziel ist es, gemeinsam Angebote zu entwickeln, die unsere Versicherten im Selbstmanagement unterstützen.
Die Zusammenarbeit einzelner Leistungserbringer, beispielsweise Start-ups, mit einer gesetzlichen Krankenkasse kommt über sogenannte Selektivverträge zustande. Was ist nötig, um so einen Vertrag zu schließen?
Krietenstein: Wichtig ist eine Medizinproduktezertifizierung, die Einhaltung von Vorgaben zur IT-Sicherheit und zum Datenschutz, die Wirtschaftlichkeit sowie die Realisierbarkeit von Einschreibe- und Abrechnungsprozessen mit der Krankenkasse. Zusätzlich spielt der Nutzen für die Versorgung eine wesentliche Rolle. Wer eine neue Idee hat, muss zeigen, dass sie den bisherigen Ansätzen überlegen ist.
Boermann: Wir schließen häufig Selektivverträge für sechs bis zwölf Monate ab, die zunächst eine ausschließliche Zusammenarbeit mit uns vorsehen. So können wir Innovationen frühzeitig und gezielt in die Versorgung bringen. Nach Ablauf dieser Phase steht es den Start-ups frei, zusätzlich mit weiteren Kassen zu kooperieren. Diese Erfahrungen unterstützen die Start-ups dabei, den Markt erfolgreich zu erschließen.
Welchen Anteil leisten Initiativen wie zum Beispiel Health-i in diesem Kontext?
Krietenstein: Der Award ist eine wunderbare Gelegenheit für Start-ups, sich zu zeigen und zu vernetzen. Die Jury sichert ein wertvolles Feedback und kann der Türöffner in die Versorgung sein. Es ist für das Image von Start-ups sehr gut, wenn man einen solchen Preis gewinnt beziehungsweise unter den ausgezeichneten Teilnehmenden ist.
Herr Boermann, Sie arbeiten im Innovationsscouting der TK. Welche konkreten Start-up-Innovationen haben in den vergangenen Jahren den Sprung in die Versorgung geschafft – und was können andere Gründer daraus lernen?
Boermann: Drei Beispiele aus den vergangenen Jahren: Neolexon, Health-i Gewinner aus dem Jahr 2020, die eine Logopädie-App entwickelt haben. Sympatient, eine Digitalklinik für Psychotherapie, und TimeTeller, eine App, die sich mit der inneren Uhr des Stoffwechsels befasst. Diese Lösungen sind erst durch großes Durchhaltevermögen und dem Lernen aus Fehlschlägen so gut geworden, wie sie heute sind. Neben einem langen Atem empfehle ich Start-ups, sich zu vernetzten und aktiv Kontakte zu suchen. Zudem ist es wichtig, das eigene Produkt stets weiterzuentwickeln und zu prüfen, ob es noch zu den Marktanforderungen passt.
Viele Start-ups scheitern am Marktzugang, oft an regulatorischen oder finanziellen Hürden. Welche Stolpersteine sehen Sie am häufigsten?
Boermann: Viele unterschätzen die Komplexität des Gesundheitsmarkts. Datenschutz, Zertifizierungen, Schnittstellenkompatibilität – all das muss sitzen. Und: Wer für eine Krankenkasse pitcht, sollte den Patientennutzen in den Vordergrund stellen und zeigen, wie die Idee die Versorgung für Versicherte besser macht.
Krietenstein: Neben der Krankenkasse und den Versicherten nehmen die Leistungserbringer, also beispielsweise Ärztinnen und Ärzte, Sanitätshäuser, Kliniken oder Pflegeheime eine Schlüsselrolle ein. Es lohnt sich, sie mitzudenken und frühzeitig einzubinden, da viele Versicherte auf den Rat ihrer Ärztin oder ihres Arztes hören.
Herr Krietenstein, wie entscheiden Sie, welche neuen digitalen Angebote tatsächlich in die Versorgung kommen?
Krietenstein: Die TK hat dafür einen klaren Prüfprozess. Zentrale Kriterien sind, ob es sich um ein Medizinprodukt handelt – das garantiert einen gewissen Qualitätsstandard – und welche Bedarfe unsere Versicherten haben. Zudem prüfen wir, bei welchen Erkrankungen digitales Selbstmanagement sinnvoll ist und welche Angebote es bereits gibt. Dabei gilt: Leistungen müssen aufeinander abgestimmt sein, um Versorgungslücken zu schließen und die Effizienz zu erhöhen.
Boermann: Und ganz wichtig ist uns natürlich auch die Nutzungsfreundlichkeit für die Patientinnen und Patienten.
Wie sieht es im Bereich der Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) mit dem Angebot und der Nachfrage aus? Welche Trends bestehen und erwarten Sie?
Krietenstein: Die Nachfrage wächst sowohl bei Patientinnen und Patienten als auch bei Leistungserbringern. Das sehen wir positiv, wobei es im Kosten-Nutzen-Verhältnis noch teils großes Optimierungspotenzial gibt. Die meistverordneten DiGAs betreffen derzeit Adipositas, Rückenschmerzen und Tinnitus. Wir erwarten, dass diese Nachfrage auch weiterhin wächst.
Welche Bedingungen müssen sich aus Ihrer beider Sicht ändern, um die Gesundheitsversorgung attraktiver für Start-ups zu machen?
Boermann: Wir brauchen klarere Strukturen bei Zertifizierungen, flexiblere Vertragsmodelle und vor allem Interoperabilität der Systeme. Nur so können gute Ideen schnell in die Versorgung gelangen. Auch die Kommunikation zwischen Start-ups und den relevanten Institutionen muss einfacher und direkter werden – viele Start-ups scheitern daran, die richtigen Ansprechpartner zu finden.
Krietenstein: Bürokratische Hürden verlangsamen Innovationsprozesse. Hier brauchen wir Pragmatismus, Transparenz und Geschwindigkeit.
Vielen Dank für das Gespräch.