Globale Trends: Ausländische Gründer würden Wachstum bringen – wenn man sie ließe
Berlin. Europas Volkswirtschaften sind auf der Suche nach Wachstum. In Deutschland ist der Bedarf besonders hoch. Die Diskussion über mögliche Ansätze läuft aber seit Jahrzehnten gleich: Abbau von Sozialleistungen, Steuersenkungen, spätere Rente sagen die einen. Mehr Staatsausgaben wollen die anderen.
Dabei gibt es Potenziale, die recht leicht zu heben wären, ohne dass der Staat dafür tief in die Taschen der Bürger greifen müsste.
Eines davon sind qualifizierte Zuwanderer, die gern ein Unternehmen gründen würden. Lange Zeit lag die Gründungsbereitschaft in Deutschland unter zugewanderten Menschen über der einheimischen. Seit der Coronapandemie ist sie nur leicht darunter gesunken.
Angaben der OECD zufolge liegt Deutschland innerhalb der EU am unteren Rand, was die Selbstständigkeit von Zugewanderten angeht. Grund dafür seien bestimmte Hürden für gründungswillige Menschen aus dem Ausland in Deutschland, sagt Kristina Coric vom Mentoren-Programm „The Migrant Accelerator“. „Auch wenn die Förderer sich bemühen, sind viele Angebote noch stark an deutschen Gründungsteams orientiert.“
Ein Problem sei die Sprache. Hierzulande müsse fast alles auf Deutsch abgewickelt werden. Ein anderes sei die mangelnde Vorbereitung von Ämtern auf die spezifischen Rechts-, Visums- und Förderfragen von nicht deutschen Staatsbürgern. Auch ein erschwerter Zugang zur Finanzierung behindere migrantische Gründer, wie der Start-up-Verband in einem Bericht schreibt, der die wichtigsten Nachteile für „Migrant Founders“ auflistet.
Kontakt zu Investoren herstellen
Der Migrant Accelerator versucht, speziell hochqualifizierte ausländische Gründer bei diesem Hindernislauf zu unterstützen. Die Gründungsberater Laila Zohaib und Bartosz Kajdas haben das Programm initiiert. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Vernetzung mit Mentorinnen und Mentoren, auf der Hilfe im Umgang mit Ämtern und auf dem Kontakt zu Investoren.
Seit diesem Jahr unterstützt das Bundeswirtschaftsministerium die Arbeit des Accelerators. Bei der Finanzierung von Gründern mit schwachem Eigenkapital will die KfW mit ihren Programmen helfen. Im Idealfall sollen Unternehmen mit hoher Wachstums- und Beschäftigungsdynamik entstehen.
Denn Beispiele wie der Medikamentenentwickler Biontech oder das Übersetzungstool DeepL zeigen, was möglich ist. Bei 60 Prozent der deutschen Start-ups, die mindestens eine Milliarde Euro wert sind – sogenannte Einhörner –, stamme zumindest einer der Gründer aus dem Ausland, zeigen Zahlen des Start-up-Verbands.
USA machen vor, wie es geht
Während Deutschland die Hürden für sie zu langsam abbaut, prosperieren in anderen Volkswirtschaften Unternehmen zugewanderter Gründer. In den USA etwa formten zwischen 2005 und 2010 dem Massachusetts Institute of Technology zufolge 0,83 Prozent der Zugewanderten ihr eigenes Unternehmen, während es bei den Einheimischen nur 0,46 Prozent waren.
Eine vom US-Medium Axios zitierte neuere Studie kommt zu einem noch größeren Abstand zwischen den beiden Gruppen. Dem Wirtschaftsmagazin „Forbes“ zufolge wurden in den USA 55 Prozent der am höchsten bewerteten Start-ups von Menschen aus dem Ausland gegründet.
Laut Zahlen der Förderbank KfW gründeten in Deutschland im Schnitt der Jahre 2009 bis 2019 nur 0,16 bis 0,18 Prozent der Migrantinnen und Migranten ein Unternehmen. Mit diesem Wert liegen sie aber immer noch über dem Wert der Einheimischen.
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Wenn die Bedingungen stimmen, sind Migranten eine Wachstumsmaschine und keine Belastung, das ist die eine Lehre. Die andere: Deutschland hat gute Ansätze, aber noch viel Spielraum nach oben, um die ehrgeizigen Gründer für sich zu gewinnen und zu fördern.
Fest steht aber auch: Die seit Jahren angeschwollene Rhetorik gegen Zuwanderer ist ein noch effektiveres Mittel als Bürokratie, um sie abzuschrecken.