1. Startseite
  2. Management
  3. Ukraine: Fünf Tipps, wie Sie mit Ihrem Team über Krieg reden können

KommunikationDen richtigen Ton treffen: Fünf Wege, wie Sie mit Ihrem Team über Krieg reden können

Konzentriert weiterarbeiten, wenn gerade in Europa gekämpft wird – das können die wenigsten. Drei Experten zeigen, wie sich Führungskräfte jetzt empathisch verhalten.Lazar Backovic 05.03.2022 - 16:26 Uhr Artikel anhören

Die Nachrichtenlage beschäftigt uns auch am Arbeitsplatz – und wirkt sich auf unsere Psyche aus.

Foto: Getty Images / iStockphoto [M]

Düsseldorf. Wie sollen wir über Krieg reden? Viele Unternehmen sind verunsichert, wie sie auf die Lage in der Ukraine angemessen reagieren können. Die Supermarktkette Edeka erntete mit einem Social-Media-Posting in Blau-Gelb und dem Spruch „Freiheit ist ein Lebensmittel“ trotz vieler Likes einen Shitstorm.

Andere Unternehmen entscheiden sich, direkt zu handeln, etwa indem sie Spenden sammeln wie der Chemieriese BASF oder der Softwarekonzern SAP, die beide Standorte in der Ukraine unterhalten. SAP kündigte sogar an, sein Russlandgeschäft zu stoppen; eine Reaktion auf eine direkte Bitte der ukrainischen Regierung. Andere Konzerne sind ähnliche Schritte gegangen.

Fest steht: „Wenn sich die Ereignisse wie jetzt in der Ukraine überschlagen, geht das auch am eigenen Kollegenkreis und Teamspirit nicht spurlos vorbei“, sagt Wolfgang Jenewein, Betriebswirtschaftsprofessor an der Hochschule Sankt Gallen. Manche hätten Verwandte, Freunde oder Bekannte in Russland oder der Ukraine. Andere fürchteten, dass der Krieg weitereskalieren könnte und letztlich auch unsere Art zu leben bedroht. Konzentriert weitermachen falle da schwer.

„Die meisten Menschen spüren in der aktuellen Lage vor allem eins: Überforderung“, sagt der Berliner Kommunikationsberater Joachim Haupt. Und die könne schnell in zwei Extreme münden: übereifrigen Aktionismus oder Lethargie, also Nichtstun. „Beides ist Gift für die Dynamik in Teams.“

Was also ist die richtige Art, im Team über den Krieg in der Ukraine zu sprechen? Was lässt sich sonst tun? Fünf Expertentipps:

1. Eine Rundmail hilft – wenn auch nicht lange

Gefühle oder Standpunkte zur aktuellen Lage zu formulieren fällt vielen Managern in Schriftform leichter als im direkten Gespräch. „Eine Rundmail ist deshalb ein erster guter Schritt, um sich zu sortieren. Ein Ersatz für das direkte Gespräch ist sie aber nicht“, sagt Kimberly Breuer, Psychologin und Gründerin des Start-ups Likeminded, das mentale Gesundheitstrainings und psychologische Hilfe für Unternehmen anbietet.

Viele Unternehmen wie Chiphersteller Infineon, Pharmakonzern Boehringer-Ingelheim oder Maschinenbauer Trumpf haben Memos an ihre Belegschaft veröffentlicht, in denen sie den Krieg klar verurteilen. Für Trumpf, die gerade einmal ein Prozent ihres Umsatzes in Russland machen, war bei der Formulierung des Texts die Frage wichtig: Besäßen wir auch dieselbe Konsequenz, ginge es um China oder die USA, wo wir deutlich mehr Geschäft machen? Deshalb habe man sich Zeit gelassen und erst am Montag einen Text veröffentlicht, erklärt ein Sprecher.

Das ergibt auch psychologisch Sinn. „Eine wichtige Eigenschaft von widerstandsfähigen Führungskräften ist, dass sie eine gute Impulskontrolle haben – umgangssprachlich würde man sagen: Sie haben sich im Griff“, erklärt Leadership-Professor Jenewein. Das sei entscheidend – gerade in einer unsicheren Lage wie jetzt.

2. Gefühlen einen Raum geben – und diesen nach Bedarf erweitern

Auch wenn es wegen der Pandemiebedingungen nur virtuell geht: „Wer als moderne Führungskraft wahrgenommen werden möchte, sollte den Krieg nicht tabuisieren, sondern ein Forum schaffen, um darüber zu reden“, sagt Kommunikationsberater Haupt. Regelmäßige Meetings wie ein Jour fixe ließen sich zum Beispiel gut nutzen, um das Thema anzusprechen. Bei Teams von einer Größe zwischen 30 und 40 Köpfen rät er, mindestens eine halbe Stunde Zeit einzuräumen, „besser wäre eine Stunde“. Je nach Betroffenheit und Größe des Teams könnten Manager die Zeit anpassen und ein separates Meeting aufsetzen. „In der Regel sinken Stress, Belastung und Druck, wenn man sie klar benennt“, sagt Haupt. Die Meetings sind also durchaus geschäftsfördernd.

Zwei Dinge sollten Führungskräfte dabei beachten:

  • Erstens: Jedes Teammitglied bringt einen anderen Kontext mit. „Es gibt Menschen, die sind unmittelbar betroffen, weil sie in der Ukraine oder Russland geboren sind oder dort Familie haben. Andere mögen sich an die Kriegsgeschichte in ihrer eigenen Familie oder die Zeiten des Kalten Kriegs erinnert fühlen“, sagt BWL-Professor Jenewein. Es sei an der Führungskraft, die verschiedenen Biografien und Bedürfnisse im Hinterkopf zu haben, während das Meeting laufe.
  • Zweitens: Die Teilnahme an dem Gesprächskreis muss freiwillig sein – „sonst leidet das Engagement in der Runde“, sagt Haupt. Man könne Leuten nicht auferlegen, über ihre Gefühle zu sprechen. Es müsse und dürfe in Ordnung sein, nur als stiller Teilnehmer das Angebot zu nutzen.

3. Empathie zeigen – am besten gleich in den ersten Sätzen

Wie in jedem Meeting gilt: Die ersten Minuten in der Teamsitzung prägen den Ton für den weiteren Gesprächsverlauf: Wer einen empathischen Dialog zur Lage in der Ukraine starten möchte, könne ein virtuelles Treffen so einleiten, sagt Psychologin Breuer: „Es herrscht Ausnahmezustand in einem sehr nahe gelegenen Land. Manche von uns sind davon direkt betroffen, andere indirekt. Gut geht es wahrscheinlich keinem von uns damit. Ich möchte euch einen Raum geben, genau darüber zu sprechen.“ 

Wichtig sei in jedem Fall, dass Führungskräfte selbst Einblick in ihre Gefühlslage geben und diese benennen, sagt Breuer. So signalisierten Manager Betroffenen, dass sie nicht allein sind, und begäben sich auf Augenhöhe. „Mir ist klar, dass das für die meisten Führungspersönlichkeiten keine leichte Aufgabe ist“, sagt Breuer.

Aber: Wer einerseits Gefühle benenne und andererseits einen klaren Plan oder Ideen aufzeige, die dem Team Struktur und Halt geben, wirke eher stark als schwach in seiner Rolle.

4. In Aktion treten – und Produktivitätstiefs ertragen

Damit die Gesprächsteilnehmer nicht nur in ihrer aktuellen Gefühlslage verharren, müssen Führungskräfte konkrete Unterstützungsmaßnahmen anbieten, die über die Runde hinausgehen. Eine Möglichkeit seien anonyme Einzelgespräche oder psychologische Unterstützung. Breuers Unternehmen Likeminded hat etwa 20 seiner Kunden eine Art Gruppentherapie für betroffene Mitarbeiter aus der Ukraine angeboten. Auch Unternehmen, die noch nicht Kunde seien, könnten sich in der jetzigen Lage kostenlos beraten lassen, wenn sie unmittelbar betroffen sind, sagt Breuer.

Die schrecklichen Nachrichten und die oft noch schrecklicheren Bilder aus der Ukraine können aber auch hierzulande Menschen davon abhalten, konzentriert ihrem Job nachzugehen. Das Jobportal Indeed hat deshalb seinen Mitarbeitern in diesen Zeiten die Möglichkeit eingeräumt – je nach Bedarf, Befindlichkeit und Betroffenheit –, den Rechner ausgeschaltet zu lassen. Das Unternehmen verdoppelt zudem Spenden seiner Mitarbeiter für ausgewählte Initiativen, die Betroffenen helfen sollen. Sich aktiv einzubringen helfe, „aus dem Gefühl der Hilflosigkeit in das Gefühl der Kontrolle“ zurückzukommen, sagt Psychologin Breuer. Das sei auch der Grund, warum in solchen Lagen allgemein die Spendenbereitschaft steige.

5. Werte stärken – und Diskriminierung klare Grenzen setzen

Verwandte Themen
Ukraine
Russland
SAP
Edeka

Gespräche über so ernste Themen wie Krieg in großer Runde sind immer auch ein Lackmustest für die bestehende Unternehmenskultur. „In solchen Meetings zeigt sich: Fühlen sich Teammitglieder psychologisch so sicher, dass sie sich öffnen und trauen zu erzählen, wie es ihnen wirklich geht?“, sagt Haupt. Sei das noch nicht der Fall, könnten Führungskräfte in die Analyse gehen, warum das so ist und daraus für die Zukunft lernen. Immerhin: Durch Corona hätten viele von uns gelernt, mit Durststrecken und Unsicherheiten zurechtzukommen. Haupt: „Das hat die Widerstandsfähigkeit von vielen Teams über die letzten Monate definitiv trainiert.“

Wer sowohl russisch- als auch ukrainischstämmige Mitarbeiter in der Belegschaft hat, sollte außerdem bestehende Werte wie Vielfalt und Toleranz hervorheben und so Diskriminierung oder Stigmatisierung vorbeugen, rät Breuer – und gibt auch hier eine Musterformulierung: „Ich möchte euch noch einmal daran erinnern, dass wir Diversität leben und ein Team sind. Das macht unseren Erfolg aus, und ich möchte jeden von euch bitten, dass wir uns weiterhin mit Respekt und Toleranz begegnen.“ Sätze, die man derzeit nicht nur gern im Arbeitskontext hören würde.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt