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Expertenrat – Prof. Dr. Curt DiehmHokuspokus Homöopathie

Weiße Kügelchen mit wundersamer Wirkung: Viele Menschen schwören auf Homöopathie, Tausende Ärzte in Deutschland bieten entsprechende Behandlungen an. Aber bringen Globuli und andere Mittelchen wirklich etwas?Curt Diehm 20.10.2017 - 15:16 Uhr Artikel anhören

Keine nachweisbare Wirkung.

Foto: imago stock&people

Ich habe mich bei so manchem Beitrag gewundert, wie man das Thema Homöopathie im 21. Jahrhundert überhaupt ernsthaft diskutieren kann. Sind wir nach Jahrhunderten des wissenschaftlichen Fortschritts und des Rationalismus wieder in einem Zeitalter der Wunderheilung angelangt? Sie erahnen es: Homöopathie gehört für mich ins Reich der Märchen. Aus medizinischer Sicht ist es Hokuspokus, und wenn der Einsatz bei ernsthaften Erkrankungen andere Verfahren blockiert, ist Homöopathie sogar gebündelter Schwachsinn.

Und doch gibt es Meinungen und Fakten, die mich fassungslos machen: Die weißen Kügelchen, Globuli genannt, gelten vielen Menschen als Wunderwaffe bei nahezu allen Krankheiten – von der Neurodermitis bis zum Fieber, vom Bluthochdruck bis zum Krebs. In den Augen der Homöopathen sind die Globuli die wichtigsten Mittel in der Allgemeinmedizin überhaupt.

Die Hälfte der niedergelassenen Ärzte in Deutschland bietet heute homöopathische Behandlungen und andere alternative Heilmethoden an. 7.000 Ärzte besitzen die Zusatzbezeichnung Homöopath. Doch nur die Hälfte dieser Ärzte glaubt selbst an die Wirksamkeit der Kügelchen. Es gibt drei Stiftungsprofessuren an deutschen Universitäten, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Zwei davon werden von Pharmafirmen bezahlt, die homöopathische Mittel herstellen.

Homöopathika werden sogar in Apotheken vertrieben. Für mich ist das ein Witz. Da nichts Wirksames in den Präparaten enthalten ist, gehören homöopathische Extrakte und Globuli in den Supermarkt, am besten neben das Schnapsregal oder die Haarwaschmittel.

Kleine Geschichte der Homöopathie

Wie, bitte, soll Homöopathie auch funktionieren? Bei der Beantwortung dieser Frage hilft ein Blick zurück in die Entstehungsgeschichte. Die Homöopathie wurde um 1800 erfunden. Zu diesem Zeitpunkt gab es in der Medizin noch den Aderlass, das Schwitzenlassen und das Erbrechenlassen und den therapeutischen Durchfall. Die Sterblichkeit war hoch, die Lebenserwartung erschreckend gering. Das einzige Verdienst des deutschen Arztes Christian Friedrich Samuel Hahnemann, des Begründers der Homöopathie, war, dass er die Scharlatane von deren brachialen Methoden abbrachte, indem er sie mit seiner neuen Therapie indoktrinierte. In der Tat rettete er damit viele Menschen vor dem Tod.

Die Thesen Hahnemanns waren: Ähnliches mit Ähnlichem heilen; durch Reiben und wiederholtes Schütteln in Wasser und Alkohol aus Pflanzen, Tieren, Schwermetallen und Giften Heilkräfte freisetzen und verstärken; das Potenzieren der Wirkung mit Hilfe geistartiger Arzneikräfte. All das kann man natürlich heute nicht mehr wirklich ernst nehmen.

Es bleibt die Frage, warum so viele Menschen an die Wirksamkeit von Substanzen glauben, die in so verdünnter Form eingenommen werden, dass sie gar nicht mehr wirken können. Eine Hauptursache dürfte in der Unzufriedenheit mit der etablierten Medizin liegen. Selbstverständlich können Ärzte mit ihren modernen Methoden und Medikamenten nicht alle Krankheiten heilen. Und jedes herkömmliche Medikament hat zweifellos Nebenwirkungen. In dieser Reihe habe ich auch bereits auf die Übertherapie in der heutigen Medizin hingewiesen, die manche Patienten skeptisch stimmen mag. Ein weiterer Grund für die Hinwendung zur Homöopathie könnte der Wunsch nach mehr Spiritualität sein, der aktuell ein Revival erlebt. In einer kalten Welt der Vernunft sehnt sich so mancher nach Formen des Unerklärlichen. Hinzu kommt das verlorene Gefühl, sich selbst heilen zu können, zum Beispiel mit Hilfe der Hausapotheke der eigenen Familie. Zudem glauben Menschen vermutlich auch gerne an Erzählungen anderer, die mit harmlosen Globuli vermeintlich gute Erfahrungen gemacht haben. All diese Erklärungen bewegen sich auf der Ebene des Gesellschaftlichen.

Hilft der Placeboeffekt?

Wenn aus meiner Sicht Homöopathie Hokuspokus ist, bleibt zu klären, warum so viele Menschen dennoch sagen, die Einnahme der kleinen Kügelchen hätte ihnen geholfen, Leiden gelindert und Krankheiten bekämpft. In diesem Zusammenhang spielt der Placeboeffekt eine große Rolle.

Es gibt spannende neue Erkenntnisse, dass Scheinmedikamente auch bei echten Schmerzen wirken können. Laut einer jüngst veröffentlichten Studie der Universität Basel und der Harvard Medical School kann ein Placeboeffekt sogar eintreten, wenn Patienten darüber aufgeklärt sind, dass sie ein wirkungsloses Präparat anwenden. Die Quintessenz der Studie: Die bisherige Annahme, dass Placebos nur wirken, wenn sie mittels Täuschung verabreicht werden, sollte überdacht werden, so einer der Studienleiter. Allerdings erzeugte das offen als Placebo verabreichte Präparat in der Studie nur dann einen positiven Effekt, wenn es von den Ärzten begleitend erläutert wurde. Es kommt also auf die „Story“ des Arztes an.

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Genau das könnte also auch beim Heilpraktiker passieren, der seinem Patienten die Präparate in homöopathischer Dosierung näherbringt. Der Glaube versetzt dann gelegentlich sogar Berge. Nun sind wir bei der Rolle der Psyche bei der Heilung von Krankheiten angelangt. Und dies ist ein weites Feld, das ich grundsätzlich nicht in Abrede stellen möchte.

Curt Diehm ist ärztlicher Direktor der auf Führungskräfte spezialisierten Max-Grundig-Klinik. Der Internist lehrt zudem als außerplanmäßiger Professor an der Universität Heidelberg und ist Autor von über 200 wissenschaftlichen Originalpublikationen sowie vielen Sachbüchern. Foto: Handelsblatt

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