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Gastbeitrag Die Sprachbarriere zwischen Politik und Medizin muss in der Coronakrise überwunden werden

Politik und Medizin sprechen oft eine andere Sprache. Was wir jetzt brauchen, sind nicht noch mehr Aktionismus oder Restriktionen, sondern eine gemeinsame Verständigung.
22.04.2020 - 14:49 Uhr 1 Kommentar
Verwaiste Kirchen und verbotene Gottesdienste sind nur ein Beispiel dafür, wie massiv Bund und Länder bei der Bekämpfung von Covid-19 die Grundfreiheiten beschränkt haben. Quelle: dpa
Kirche in Zeiten des Coronavirus

Verwaiste Kirchen und verbotene Gottesdienste sind nur ein Beispiel dafür, wie massiv Bund und Länder bei der Bekämpfung von Covid-19 die Grundfreiheiten beschränkt haben.

(Foto: dpa)

In ganz Deutschland sind die Kirchbänke leer, von der kleinsten Dorfkapelle bis zum Kölner Dom. Nicht etwa, weil den Gotteshäusern die Gläubigen davongelaufen wären, sondern aufgrund einer staatlichen Kontaktsperre. Verwaiste Kirchen und verbotene Gottesdienste sind nur ein Beispiel dafür, wie massiv Bund und Länder bei der Bekämpfung von Covid-19 die Grundfreiheiten beschränkt haben.

In 70 Jahren bundesrepublikanischer Geschichte haben wir noch nie eine solche Machtfülle der Exekutive erlebt, noch nie eine derartige Zurückdrängung von Wirtschaft, Religion und Kultur. Diese Einschränkungen kommen keinesfalls aus dem Nichts, sie berufen sich auf epidemiologisch-statistischen Zahlen.

Doch bleibt eine drängende Frage für die Zukunft des liberalen Rechtsstaats bestehen: Hat die Politik diese Zahlen richtig verstanden, und zieht sie aus ihnen die richtigen Schlüsse? Zweifel sind angebracht. Täglich werden weit über hundert Todesfälle im Zusammenhang mit Corona durch das Robert-Koch-Institut gemeldet.

Doch was bei diesen besorgniserregenden Ziffern auf der Strecke bleibt, ist die Abgrenzung von der Sterblichkeit durch den natürlichen Lebensverlauf und andere Erkrankungen. Zudem gilt: Sowohl Sterbefälle als auch Neuinfektionen werden gängigerweise in kumulativen Häufigkeitsformaten dargestellt und nicht etwa durch Grafiken, die den Neuinfektionen die Gesamtzahl der wieder gesundeten Patienten an die Seite stellen.

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    Damit entsteht bei Laien – und dies umfasst sowohl Bürger als auch Politiker – der Eindruck eines katastrophalen, ja apokalyptischen Verlaufs. Kein Wunder also, dass Entscheidungsträger in einer solchen Situation mit der Losung „Leben und Tod. So einfach ist das“ antreten und sie zur absoluten Richtschnur ihres Handelns erheben.

    Medizin und Politik sprechen verschiedene Sprachen

    Dabei ist nichts einfach. Medizin und Politik sprechen zwei vollkommen verschiedene Sprachen, und sie beruhen auf vollkommen verschiedenen Logiken. Wo erstere mit der Selbstverständlichkeit ihrer Zunft Begriffe wie „Exzessmortalität“, „lokales Herdgeschehen“ und „Herdenimmunität“ im Munde führen, rekurrieren letztere auf das Vokabular der Verwaltungswissenschaft, der gesellschaftlichen Ethik und vor allem der Bürgerkommunikation.

    Bei der Debatte über medizinepidemiologische Modellen zur Ausbreitungsprognostik – und deren extrem voraussetzungsreiche, nicht selbstevidente Axiome – wird das Sprachenwirrwar auch noch um die Facette der Mathematik erweitert. Ein gemeinsames Krisenverständnis? Lost in translation.

    Die Steigerung staatlicher Eingriffe in alle Lebensbereiche, die inzwischen zum politischen perpetuum mobile geworden scheint, sie ist auch das Ergebnis einer verheerenden Sprachlosigkeit zwischen Politik und Medizin. Effektive Brücken- und Transmissionsprozesse, wie sie zwischen Wirtschafts- und Volksvertretern seit Dekaden bewährt sind, existieren größtenteils nicht. Die wenigen, die es gibt, haben kaum funktioniert.

    Die Exekutive interpretiert die (weiterhin überschaubare) medizinische Datenlage mit dem fachfremden Blick des Praktikers und nach der Maxime „Besser zu viel Schutz als zu wenig“; das medizinische Fach- und Führungspersonal sieht dem Treiben mit ebenso großem Erstaunen wie Unverständnis für die zugrunde liegenden Entscheidungsprozesse zu.

    Eingeständnis von Sprachbarrieren

    Was wir jetzt brauchen, sind deshalb nicht noch mehr Aktionismus oder Restriktionen, sondern eine Überwindung der Sprachlosigkeit: erstens durch das überfällige Eingeständnis einer Sprachbarriere und das offene Benennen ihrer Herausforderungen; zweitens durch eine neue, allseitige Lernbereitschaft, um Missverständnisse beizulegen und den Risiken der Panikmache ebenso vorzubeugen wie denen der Verharmlosung; und drittens durch das Hinzuziehen von Brückenbauern zwischen Medizin und Politik, die Begriff und Grundprinzipien beider Felder verstehen und als Übersetzer fungieren können.

    Nur durch einen reflektierten und moderierten Austausch zwischen Entscheidungsträgern und humanbiologischen Experten können wir sowohl aus der gefährlichen Logik der ethischen Vereinfachung („Leben oder Tod“, „Schutz- oder Rechtsstaat“) und der Eskalationsspirale exekutiver Machtakkumulation aussteigen. Wir brauchen eine brückenbauende Exitstrategie – bevor sich Staub auf die Kirchbänke legt.

    Dominik Meier ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Politikberatung (Degepol) und Inhaber von [email protected] Consulting.

    Mehr: Die Vereinten Nationen habe eine Resolution zur medizinischen Zusammenarbeit unterzeichnet. Die USA stören sich an der Formulierung zur WHO.

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    1 Kommentar zu "Gastbeitrag: Die Sprachbarriere zwischen Politik und Medizin muss in der Coronakrise überwunden werden"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • "voraussetzungsreiche, nicht selbstevidente Axiome"
      Da herrscht Begriffsverwirrung. Die WP definiert inmeinem Sinne: "Ein Axiom ist ein Satz, der nicht in der Theorie bewiesen werden soll, sondern beweislos vorausgesetzt wird."
      Also: entweder selbstverständlich (beachte das Wort!) oder es ist kein Axiom.

      Randbedingungen sind eben KEINE Axiome.

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