Gastkommentar: Den Energiehunger von KI ohne neue Kraftwerke stillen
Uwe Peter ist Geschäftsführer von Cisco Deutschland.
Foto: HandelsblattDigitalisierung und Energieverbrauch müssen zusammen gedacht werden. Das starke Wachstum von Anwendungen von Künstlicher Intelligenz (KI) erhöht den Energiebedarf gerade in Rechenzentren exponentiell – inklusive steigender CO2-Emissionen.
In den vergangenen fünf Jahren hat sich der weltweite Internetverkehr mehr als verdreifacht. Auch dadurch sind Rechenzentren heute für vier bis fünf Prozent des weltweiten Energieverbrauchs verantwortlich.
Expertinnen und Experten des Hasso-Plattner-Instituts (HPI) gehen davon aus, dass dieser Anteil in den nächsten Jahren auf bis zu 30 Prozent steigen kann. Ein zentraler Treiber werden wohl die enormen Rechenanforderungen von KI sein.
Unternehmen sind noch nicht auf einen höheren Stromverbrauch durch KI vorbereitet
Einer von uns in Auftrag gegebenen Civey-Umfrage zufolge sehen 25 Prozent der Bundesbürger KI als Treiber des Klimawandels. 22 Prozent erhoffen sich von KI eine Chance für mehr Umweltschutz und 41 Prozent glauben, das KI beide genannten Kriterien fördern kann.
Das gemischte Bild setzt sich in der Wirtschaft fort: Nur 44 Prozent der Unternehmen weltweit sind laut dem Cisco AI Readiness Index 2023 gut auf den höheren Stromverbrauch durch KI vorbereitet. In Deutschland sind es nur 39 Prozent.
>>>Lesen Sie hier: Warum die Zukunft der KI vor allem energieeffizient sein sollte
Wie lässt sich der Energiehunger von Digitalisierung und KI in Deutschland stillen? Kaum zu glauben, aber wahr: Manche Cloud-Unternehmen haben kleine Nuklearreaktoren für Rechenzentren ins Spiel gebracht.
Ich denke, wir sollten stattdessen dafür sorgen, dass deutlich weniger Strom benötigt wird – und das bei gleichzeitig höherer Leistung der IT-Komponenten. Damit Digitalisierung und KI energiesparender und nachhaltiger werden, gibt es vier pragmatische Ansätze.
Erstens: Grüne Rechenzentren sind möglich. Nachhaltige Lösungen werden häufig unter dem Begriff „Green-IT“ zusammengefasst. Gerade in der Technologie für Rechenzentren wurden in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte erzielt. Insgesamt kann ein Rechenzentrum fast zwanzig Prozent effizienter sein, wenn man moderne, optimal aufgesetzte Datacenter-Technologien nutzt.
Einen noch größeren Hebel für CO2-Einsparung gibt es durch die Wahl der Energieart. Ein modernes Rechenzentrum braucht heute erneuerbare Energien, die zuverlässig und lokal verfügbar sind.
Grüne Rechenzentren sind in Deutschland also neben der verbauten Technik vor allem eine Standortfrage – zukünftig womöglich in Mecklenburg-Vorpommern oder Niedersachsen.
Chips und Halbleiter mit höchster Effizienz sind die Zukunft
Zweitens: Wir brauchen mehr Effizienz bei Chips und Halbleitern. Sowohl im Rechenzentrum als auch im Netzwerk und bei Endgeräten sind Chips mit höchster Effizienz gefragt. Wenn die Halbleiterindustrie wie früher etwa alle zwei Jahre die Energieeffizienz verdoppelt, kommen wir wieder auf den richtigen Weg.
Dafür haben sich beispielsweise in den USA über zwanzig große Unternehmen in einer Halbleiter-Initiative zusammengeschlossen. Innovative Lösungen sind also vorhanden, wir brauchen aber eine konsequente Implementierung.
Drittens: Kreislaufwirtschaft in der IT stärken. In 36 Monaten können sich inzwischen IT-Investitionen allein durch die Energieeinsparungen amortisieren. Angesichts der kürzeren Innovationszyklen dürfen „Altgeräte“ nicht einfach im Müll landen.
Insbesondere wegen der enthaltenen Schwermetalle müssen sie möglichst vollständig wiederverwertet werden. Wir brauchen in allen Branchen Programme für Kreislaufwirtschaft, um nachhaltiger zu werden.
Viertens: „Nachhaltigkeit by Design“ und Fokus auf Cloud-Architekturen. Schon bei der Entwicklung müssen Energieeffizienz und Nachhaltigkeit in der IT verankert werden. Das gilt sowohl für die Vermeidung von giftigen Stoffen als auch für energieintensive Herstellungsprozesse.
Vor allem aber sind in der IT ein modularer Aufbau, gute Reparaturfähigkeit und der Einsatz regenerierbarer Ressourcen wichtig. Hierfür kann es gern klarere Vorgaben geben. Aber Nachhaltigkeit zählt auch in der Art, wie Lösungen konsumiert werden. Cloud-Architekturen, egal ob in eigenen Rechenzentren oder in öffentlichen Clouds, weisen hier aufgrund von Skalierungseffekten und starker Virtualisierung deutliche Vorteile auf.
Kurzum: Wir werden langfristig nicht gut leben, wenn unsere IT nicht nachhaltig und ressourcenschonend ist. Zweifellos sind bereits viele innovative Lösungen vorhanden, sodass wir KI und Digitalisierung hoffentlich auch ohne neue Kraftwerke nutzen können. Wir müssen aber weiter konsequent auf nachhaltige Innovationen setzen.
Der Autor:
Uwe Peter ist Geschäftsführer von Cisco Deutschland