1. Startseite
  2. Meinung
  3. Gastbeiträge
  4. Deutschland und China: Ein Plädoyer für Zusammenarbeit

GastkommentarDeutschland und China: Ein Plädoyer für Zusammenarbeit

Der Kampf gegen den Klimawandel gelingt nur mit der Volksrepublik. Deutschland sollte deshalb das Narrativ ändern und mit China eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe anstreben, fordert Georg Kell. 06.09.2022 - 04:00 Uhr Artikel anhören

Der Autor ist Chef des Fintech Arabesque, Sprecher des Nachhaltigkeitsbeirats von Volkswagen und Gründungsdirektor der UN-Initiative Global Compact für nachhaltig handelnde Konzerne.

Foto: Dominik Butzmann [M]

Wie wir die Beziehungen zu China definieren wird weitreichende Auswirkungen auf die Zukunft Deutschlands und Europas haben. Die Rivalität der Großmächte nährt aktuell ein Narrativ, das China als Feind und Bedrohung darstellt.

Das Narrativ könnte zur selbst erfüllenden Prophezeiung werden, sodass eine Konfrontation am Ende unvermeidlich ist. Aus Angst vor einem Kontroll- und Einflussverlust in der Welt wird unter dem Vorwand moralischer Überlegenheit und einer Systemrivalität für eine wirtschaftliche Entkopplung argumentiert.

Natürlich muss auf der Einhaltung von Menschenrechten bestanden werden. Doch das vorherrschende Narrativ der Spaltung ist nicht nur falsch, es ist auch gefährlich.

Falsch ist das Narrativ, weil die uralte Machtbesessenheit als Selbstzweck die Tatsache ignoriert, dass es in unserer modernen und von gegenseitigen Abhängigkeiten geprägten Welt keine Alternative zur Zusammenarbeit gibt, wenn wir Frieden und Wohlstand sichern möchten.

Wir haben einen neuen gemeinsamen Feind: Der Klimawandel ist die größte Herausforderung, mit der sich die Menschheit je konfrontiert gesehen hat. Er bedroht ganz unabhängig von Glauben oder Sprache die Existenzgrundlage der Weltbevölkerung.

Wir verdanken einen Großteil unseres Wohlstands dem Handel mit China

Gegen den Klimawandel haben wir nur gemeinsam mit China eine Chance. Noch ist das Land sehr abhängig von Kohlestrom. Es ist gut, wenn der Kampf der Wirtschaft gegen den Klimawandel global geführt wird.

So lassen sich auch im Chinageschäft der nötige Druck zur Dekarbonisierung aufbauen und internationale Benchmarks austauschen. Die Dekarbonisierung von Wertschöpfungsketten und Prozessen kann nur durch unternehmerisches Handeln – insbesondere im technologischen Bereich – und durch Zusammenarbeit erfolgen.

Der Klimawandel muss zur außenpolitischen Toppriorität werden und Politiker müssen sich von althergebrachten Machtgedanken verabschieden, die auf geografischen Einflussbereichen und der Kontrolle über Völker basieren.

Gefährlich ist die Idee eines Rückzugs aus China aber deshalb, weil er den wirtschaftlichen Niedergang und soziale Unruhen zur Folge haben kann. Unser Wohlstand ist nicht vom Himmel gefallen. Vielmehr ist er in großen Teilen auf den Handel mit, und Investitionen in China zurückzuführen.

In China sind dadurch Hunderte Millionen von Menschen der extremen Armut entkommen. China ist und bleibt ein wichtiger Markt und entwickelt sich zu einer immer stärkeren Innovationsquelle.

Und der Markt sichert Arbeitsplätze in Deutschland. Bei Volkswagen in Deutschland sind viele Arbeitsplätze direkt und indirekt mit dem Chinageschäft verbunden. Die drei Milliarden Euro des anteiligen operativen Gewinns aus dem Markt stützen auch Investitionen in Europa sowie die Transformation zur Elektromobilität.

Gleichzeitig baut Volkswagen das Geschäft in den USA weiter aus und ist in Europa und Südamerika stark. Aber China ist Deutschlands wichtigster Handelspartner und wird es auf lange Sicht bleiben.

Rund 40 Prozent seiner Fahrzeuge hat der Volkswagen-Konzern im vergangenen Jahr in China verkauft. Verwehrt man westlichen Unternehmen den Zugang zu China, schnürt das Umsatz- und Innovationsströme ab, was wiederum mit weitreichenden Folgen für den Arbeitsmarkt und die Konjunktur einherginge, gerade auch in Deutschland und Europa. Deutsche Unternehmen wären nicht mehr in der Lage, ihre ambitionierten Dekarbonisierungsziele zu finanzieren.

Unternehmen können und sollten die Staatsmacht nicht ersetzen. Der Instrumentalisierung von Wertesystemen, insbesondere von Menschenrechten zur Ausübung von Machtpolitik, muss Einhalt geboten und die zugrunde liegende Problematik offengelegt werden.

Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Daher müssen globale Unternehmen, um erfolgreich zu sein, die höchsten Standards einhalten, ganz unabhängig vom Umfeld, in dem sie agieren.

Menschenrechte dienen dem Schutz von Menschen und ein Rückzug aus bestimmten Regionen ist nur dann gerechtfertigt, wenn die Mitarbeitenden vor Ort von der Einstellung des Betriebs profitieren würden.

Westliche Unternehmen sind in der Xinjiang-Region aktiv und können erst so ihre Werte und Standards vor Ort leben. Präsenz bringt dort mehr als Rückzug. Auch die Auswirkungen auf Mitarbeitende vor Ort sind zu berücksichtigen.

Moralische Überlegenheit ist ein Ausdruck von Arroganz

Außerdem ist die Vorstellung, der Westen habe so etwas wie ein Monopol auf moralische Überlegenheit, schlicht und ergreifend falsch. Die europäischen Politiker von heute sind in der Regel nicht in extremer Armut aufgewachsen und haben nie einen Krieg erlebt.

Wir alle sind in der glücklichen Lage, Teil dieser Generation zu sein. Die Annahme, unsere Erfahrungen auf andere projizieren zu können, ist arrogant und töricht. Jedes Land, jede Kultur hat eine eigene Geschichte und eigene Herausforderungen.

Wir müssen uns nur fragen, warum so viele asiatische, afrikanische und lateinamerikanische Länder sich nicht gegen das Putin-Regime stellen, um zu verstehen, dass unsere unterschiedlichen Vergangenheiten zu unterschiedlichen Interpretationen führen.

Moralische Überlegenheit ist der Ausdruck der Arroganz unserer Interpretation und zeigt, wie wenig wir von der Geschichte anderer Länder wissen. Wenn wir unserem Führungsanspruch gerecht werden möchten, müssen wir Bescheidenheit und Respekt an den Tag legen.

Das soll nicht heißen, dass der politische Diskurs zu Menschenrechten und deren Schutz durch Staaten gescheitert ist oder nicht fortgeführt werden sollte. Aber Sachverhalte, die die Politik nicht zu lösen vermag, auf Unternehmen abzuwälzen ist nicht zielführend und wird einen noch größeren Schaden anrichten.

Die deutsche Regierung muss mit China eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe suchen

Zum umsichtigen Walten gehören die Vermeidung von extremen Abhängigkeiten, eine gewisse Risikovorsorge und die Durchsetzung robuster Regularien. Eine selbsterklärte moralische Überlegenheit und das Ignorieren der durch den Klimawandel hervorgerufenen Bedrohungen zeugen von einer Wiederholung von Fehlern aus der Vergangenheit.

Klar geregelter Wettbewerb bei gleichzeitiger Förderung der Zusammenarbeit gegen den Klimawandel ist der einzige Weg in eine sichere Zukunft.

Deutschland und Europa müssen sich am Riemen reißen und mit Innovation und sozialer Integration führen. Nur so lassen sich andere inspirieren.

Die deutsche Regierung hat eine historische Chance, mit der künftigen Chinastrategie das Narrativ zu verändern und auf eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe zu drängen. Eine Zusammenarbeit, die von dem Wissen um die gegenseitige Abhängigkeit und von gegenseitigem Respekt geprägt ist.

Verwandte Themen
Deutschland

Wir haben zweifelsohne eine historische Verantwortung, beim wichtigen Kampf gegen den Klimawandel die Führungsrolle zu übernehmen und aufzuzeigen, dass die Dekarbonisierung der Wirtschaft bei Erhaltung des gesellschaftlichen Friedens nicht nur möglich, sondern auch erstrebenswert ist.
Der Autor:
Georg Kell ist Chef des Fintech Arabesque, Sprecher des Nachhaltigkeitsbeirats von Volkswagen und Gründungsdirektor der UN-Initiative Global Compact für nachhaltig handelnde Konzerne.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt