Gastkommentar: Europa braucht seine eigene KI-Infrastruktur
Die Abfolge globaler Schocks hat zu einem europaweiten Wiederaufleben der Industriepolitik geführt. Der zusätzliche Schock durch die Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus hat gezeigt, wie wichtig es ist, die Widerstandsfähigkeit der Binnenwirtschaft zu stärken und nationale sowie regionale Sicherheitsprioritäten in die Wirtschaftspolitik zu integrieren.
Ein zentraler Schwerpunkt für die Europäische Union und das Vereinigte Königreich muss die digitale Wirtschaft sein. Die Herausforderung besteht darin, die starke Abhängigkeit Europas von den großen US-Tech-Unternehmen zu verringern. Für Europa ist „business as usual“ keine Option mehr.
Elon Musks Bereitschaft, Starlink-Verträge mit europäischen Regierungen zu brechen, hat Bedenken hinsichtlich der Zuverlässigkeit amerikanischer Plattformen geschürt. Das Gleiche gilt für die Bemühungen anderer US-Firmen, Handelsspannungen auszunutzen, um Lobbyarbeit gegen europäische Tech-Vorschriften wie den Digital Markets Act der EU zu betreiben.
Da chinesische Technologieplattformen ebenso problematisch sind, wird es immer offensichtlicher, dass die europäischen Regierungen mit der Entwicklung eines unabhängigen digitalen und KI-Ökosystems beginnen müssen.
Öffentlich-private Modelle als Basis für KI-Systeme
Die Politik schreckt oft vor notwendigen Entscheidungen zurück, die zu schwierig oder kostspielig erscheinen. In einem neuen Kurzdossier argumentieren Joshua Tan, Brandon Jackson und ich jedoch, dass ein öffentlich-privates kommerzielles Modell für den Aufbau groß angelegter europäischer KI-Systeme – sogenannter Basismodelle – technisch und finanziell machbar ist und sich schnell in die Wege leiten ließe.
Obwohl europäische Forschungslabore und Institute bereits zusammenarbeiten, fehlt es ihnen immer noch an einer koordinierten Produktstrategie und einem klaren Weg von der Innovation bis zum Markt. Airbus sollte als Blaupause dienen.
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Das Unternehmen wurde 1970 gegründet, als die europäischen Regierungen erkannten, dass ihre nationalen Luftfahrtunternehmen zu zersplittert waren, um mit Boeing konkurrieren zu können. Frankreich und Deutschland – denen sich später Großbritannien und Spanien anschlossen – bildeten ein Konsortium, das Fachwissen, Ressourcen und Finanzmittel bündelte, um innovative, dem neuesten Stand der Technik entsprechende Flugzeuge zu entwickeln.
Obwohl beim Airbus-Projekt von Anfang an die kommerzielle Rentabilität im Vordergrund stand, wurde es auch durch öffentliche Kredite und industriepolitische Instrumente wie Vorab-Kaufverpflichtungen, Forschungsinvestitionen und technische Schulungen unterstützt. Innenpolitische Erfordernisse wurden berücksichtigt, indem die Vorteile durch die Spezialisierung der Lieferkette auf die beteiligten Länder verteilt wurden.
Staatliche Förderung bedeutet nicht nur Geld
Die Entwicklung einer KI für das 21. Jahrhundert wird ähnlich große Infrastrukturinvestitionen und nachhaltiges politisches Engagement erfordern. Zum Glück sind die Bausteine für ein derartiges Modell bereits vorhanden und würden sich von einer ausgewählten Gruppe europäischer Regierungen rasch mobilisieren lassen.
Viele investieren bereits in nationale öffentliche Recheneinrichtungen, und mehrere führende europäische Labors haben begonnen, hochmoderne Grundlagenmodelle herauszubringen, die die Grenzen der KI-Forschung ausweiten.
Die Koordinierung dieser Bemühungen wird für das Erreichen der nötigen Größe von entscheidender Bedeutung sein. Dies schafft nicht nur einen Mehrwert für die Steuerzahler, sondern wird den europäischen Alternativen zudem helfen, sich von den dominierenden US-Tech-Firmen abzuheben – eine wichtige Voraussetzung für ihren wirtschaftlichen Erfolg.
Angesichts des First-Mover-Vorteils der etablierten US-Unternehmen bedarf jede europäische Initiative erheblicher öffentlicher Förderung. Diese muss jedoch nicht ausschließlich durch eine direkte Finanzierung erfolgen.
Sie kann auch in Form von Zugang zu öffentlichen Rechenressourcen erfolgen; via Steuervorteilen, die an Verpflichtungen im öffentlichen Interesse gebunden sind; einem bevorzugten Zugang zu Regierungsdatensätzen, die US-Unternehmen nicht zur Verfügung stehen; und Abnahmeverpflichtungen von öffentlichen Institutionen.
Darüber hinaus lässt sich die Marktnachfrage gezielt zusätzlich ankurbeln. So könnte etwa die EU-Initiative AI Champions, die sich auf industrielle Anwendungen mit hoher Wertschöpfung konzentriert, als starker Katalysator dienen, sobald ein europäisches Konsortium die erforderliche Technologie liefern kann.
Die Argumente für die Entwicklung einer Alternative zur amerikanischen und chinesischen KI sind überzeugend. Doch eine öffentlich-private, kommerziell getriebene europäische KI-Initiative sollte mehr leisten, als nur industriepolitische und sicherheitsrelevante Ziele zu verfolgen.
Sie muss auch die Kultur und Werte der mittelgroßen Mächte des Kontinents widerspiegeln. In den USA entwickelte KI-Modelle projizieren zunehmend eine US-zentrierte Weltanschauung – eine, die sich schnell und möglicherweise unwiderruflich von der Europas entfernt. Es ist an der Zeit, dass europäische Länder ihren eigenen Kurs bestimmen.
Die Autorin: Diane Coyle ist Professorin für Public Policy an der Universität Cambridge.