Gastkommentar – Global Challenges: Die Attraktion des Autoritären: Das westliche Demokratiemodell droht zu erodieren
Prof. Bert Rürup ist Chefökonom des Handelsblatts und Präsident des Handelsblatt Research Institute. Dr. Michael Brackmann ist Journalist und betreut die Serie Global Challenges.
Foto: HandelsblattLeben wir bereits in der „Dämmerung der Demokratie“, wie die Pulitzer-Preisträgerin Anne Applebaum in ihrem neuen Buch „Die Verlockung des Autoritären“ befürchtet? Der aktuelle Bertelsmann Transformations-Index, der alle zwei Jahre die Entwicklung von unterentwickelten Staaten und Schwellenländern in Richtung rechtsstaatlicher Demokratie misst, weist jedenfalls in diese Richtung: Erstmals werden dort weltweit mehr Autokratien als Demokratien aufgelistet – 70 autoritären Regimen stehen derzeit 67 demokratisch legitimierte Regierungen gegenüber.
Nicht minder alarmierend wirkt, dass nach Angaben der Nichtregierungsorganisation Freedom House der demokratische Kapitalismus global betrachtet schon das 15. Jahr in Folge auf dem Rückzug ist. Man beobachte, so die Organisation, einen eindeutigen „Trend in Richtung Tyrannei“. Offenbar gibt es eine sich ölfleckartig ausbreitende Sehnsucht nach „reinigender“ Gewalt und Zurückdrängung des „dekadenten“ Westens. Hinzu kommt, dass sich Fake News und Verschwörungstheorien wie digitale Lauffeuer ausbreiten.
Russlands Präsident Wladimir Putin, der in Teilen der Ukraine einen Vernichtungsfeldzug führt wie vor 80 Jahren die Nationalsozialisten, deutet seine Aggression in einen „Befreiungskampf“ gegen die das Bruderland regierenden „Nazis“ um – und beschwört gleichzeitig den „Stolz auf unser starkes Russland“. Moskau mag die Osterweiterung der Nato nach dem Kollaps der Sowjetunion zu Recht als Bedrohung russischer Sicherheitsinteressen sehen.