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Gastkommentar In sieben Schritten aus der Coronakrise

Die Coronakrise legte die Autoindustrie lahm. Wenn wir jetzt richtig handeln und unsere Kräfte bündeln, kann sie gestärkt aus der Krise hervorgehen.
  • Elmar Degenhart
18.06.2020 - 19:23 Uhr Kommentieren
Elmar Degenhart ist Vorstandsvorsitzender der Continental AG.
Der Autor

Elmar Degenhart ist Vorstandsvorsitzender der Continental AG.

Ein Champion ist, wer gut spielt, wenn es schlecht läuft. Und zurzeit läuft es besonders schlecht für die Autoindustrie. Die Coronavirus-Krise konnte für sie unpassender kaum kommen. Inmitten der gravierendsten Transformation in ihrer Geschichte hat das Virus sie plötzlich lahmgelegt.

Noch nie standen wir vor einer solch herkulischen Aufgabe: Eine gesamte Industrie weltweit nach erzwungener Vollbremsung zeitgleich koordiniert wieder in Gang zu bringen.
Bei allen zurzeit verständlichen, emotionalen Vorbehalten gegenüber der Autoindustrie muss besonders uns in Deutschland bewusst bleiben: Sie ist der Motor, der unsere Wirtschaft zieht.

Wie keine andere Branche bezieht sie mit ihrer tiefen, durchgängigen Wertschöpfungskette ihre Vorprodukte aus dem eigenen Land. Ein für das Auto ausgegebener Euro hat daher größte positive Folgeeffekte für die Wirtschaft.

Deshalb handelt klug, wer diesen Motor nach der Krise schnell auf Touren bringt und damit gleichzeitig wichtige, von ihm angetriebene Industrien wie Chemie, Stahl und Maschinenbau.

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    Es bleibt abzuwarten, was das Berliner Konjunkturpaket hierfür tatsächlich bewirkt. Die verringerte Mehrwertsteuer und die Förderung von Forschung und Entwicklung sind positive Ansätze.

    Der verdoppelte staatliche Anteil am Umweltbonus für den Kauf von Elektroautos wird angesichts ihrer noch eingeschränkter Verfügbarkeit die Gesamtnachfrage kaum beleben. Wer die Umweltbilanz der kommenden fünf bis zehn Jahre verbessern will, hätte jetzt ideologiefrei auch den Kauf von sauberen Verbrennern fördern müssen.

    Für die deutsche Autoindustrie muss die weltweite Champions-League das Ziel bleiben. Das heißt: ein maximal wettbewerbs- und zukunftsfähiger Leitanbieter von Spitzentechnologien für ein gesundes Ökosystem der Mobilität.

    Dann – und nur dann – kann sie dauerhaft wertschaffende Beschäftigung bieten und Wohlstand sichern.
    Auf diesem Kurs gilt es jetzt aus der Krise heraus schnell zu starten. Mit den folgenden sieben Gängen bringen wir unseren Motor wieder in Schwung.

    1. Gang: Eigene Kosten senken, Liquidität sichern

    Die Volumenrückgänge in der Automobilindustrie sind dramatisch. Keines der Unternehmen unserer Industrie ist auf einen kurzfristigen Umsatzrückgang um 30 Prozent eingerichtet. Im ersten Gang aus der Krise heißt daher für alle: Kosten runter.

    Die meisten in unserer Branche halten die momentane Anspannung finanziell nicht länger als fünf Monate durch. Ende Mai waren schon drei vorbei. Jetzt müsste der Markt spürbar anziehen. Das ist insbesondere in Europa nicht zu erwarten. Stattdessen rechnen wir mit einem langsamen Steigflug.

    Verschärfte und beschleunigte Strukturanpassungen sind daher unvermeidlich und schon absehbar. Als direkte Folge der Coronavirus-Krise steht beginnend in den nächsten Monaten der Verlust industrieller Beschäftigung zu befürchten.

    Allein dabei stehen schätzungsweise zehn Prozent der 2,5 Millionen direkt oder mittelbar vom Automobil abhängigen Arbeitsplätze auf dem Spiel. Die berechtigten Sorgen der Betroffenen wirken als zusätzliche Absatzbremse. Denn wer um sein Einkommen fürchtet, wird sein altes Auto wohl noch eine Weile länger fahren.

    2. Gang: Konsequente Digitalisierung, Industrie 4.0

    Was wir zusätzlich tun: Prioritäten setzen. Die Autoindustrie kann jetzt nicht mehr gleichzeitig mit voller Kraft in alles investieren. Die konsequente Digitalisierung ihrer Produkte, Geschäftsprozesse und Lieferketten ist künftig ein wesentlicher Schwerpunkt.

    Dabei steckt in der Digitalisierung der Lieferkette einschließlich der Produktion das höchste Potenzial für Produktivitätszuwachs. Ob Elektro-Antriebe, Assistenzsysteme für mehr Verkehrssicherheit oder vernetzte Mobilität – überall spielt Software die entscheidende Rolle.

    Software ist der Sauerstoff unserer Industrie. Er wird zur Überlebensfrage. Rund 90 Prozent der Software für das Auto stammen derzeit von Zulieferern.

    3. Gang: Mehr Sicherheit durch assistiertes und autonomes Fahren

    Kein Technologiebereich der Autoindustrie wächst momentan schneller als das assistierte, automatisierte und autonome Fahren. Fahrerassistenzsysteme sind der Schlüssel zu null Unfällen im Straßenverkehr.

    Darüber hinaus steigt mit der Automatisierung der Fahrkomfort. Das Bedürfnis nach mehr Sicherheit und die daraus folgenden steigenden Ausrüstungsraten treiben das Marktwachstum. Das gilt vor allem für Systeme mit Kameras, Radar- und künftig verstärkt Laser-Technologien.

    4. Gang: Elektromobilität, Brennstoffzelle und saubere Antriebe

    Keine Frage: Saubere Antriebe sind eines der Wachstumsfelder der Zukunft. Der Elektroantrieb ist dabei vor allem in Europa durch strengste Emissionsvorgaben eine quasi politisch erzwungene Technologie.

    Ohne Elektro- oder Hybridantriebe in der Herstellerflotte drohen hohe Strafzahlungen. Den Marktteilnehmern in Asien und Amerika wird eine solche Zusatzlast derzeit nicht aufgebürdet.

    Statt Strafen wäre das Fördern von wettbewerbsfähigen Technologien sinnvoll, die der Markt abnimmt und die zugleich dem Klimaschutz dienen.
    Eine künftige Leittechnologie dieser Art könnte neben dem batterieelektrischen Antrieb die Brennstoffzelle werden.

    Sie bietet sich an für längere Strecken, schwerere Fahrzeuge und das Fahren in urbanen und ländlichen Räumen mit dünner Infrastruktur. Vorteil: größere Reichweite bei vergleichbar wenig Emissionen in ihrer Gesamtbilanz ähnlich dem auf Batterie angewiesenen Elektroantrieb.

    Darüber hinaus sind die für Brennstoffzellen erforderlichen Technologien, Kompetenzen und Wertschöpfungsanteile eng mit der bekannten Verbrennertechnologie verwandt. Eine große Chance für Deutschland!

    5. Gang: Wachsen mit Dienstleistungen und Software

    Dienstleistungen rund um die Mobilität sind ein echtes Zukunftsfeld. Richtig interessant wird es aber erst, wenn es um die Software geht. Wenn neue Programme aufgespielt werden, Apps und Updates.

    Die Fahrzeughersteller erwarten schon in wenigen Jahren je für sich dreistellige Millionenumsätze mit Dienstleistungen – vorausgesetzt, es gelingt der Automobilindustrie, in der neuen Datenwelt zwischen den Datengiganten und Start-ups eine eigenständige Position zu erobern.

    Beispiel: Ein mit Sensoren ausgestatteter, mit der Cloud vernetzter „intelligenter Reifen“ regelt auf diese Weise selbstständig seinen Luftdruck, denn er spürt die Beschaffenheit der Fahrbahn und kennt aus dem Internet die Wetterlage.

    Diese Technologien sind für Privatkunden ebenso interessant wie für Flottenkunden. Denn sie erhöhen Sicherheit, Komfort und Effizienz.

    6. Gang: Nachhaltigkeit und Klimaschutz in der Produktion

    Nachhaltigkeit und Klimaschutz gelten für unsere Produkte und Leistungen genauso wie für die Art unserer Produktion und unsere Lieferkette. Deshalb sagen wir klar: Continental wird bis 2040 klimaneutral produzieren.

    Bis 2050 werden wir sogar über alle unsere Lieferketten hinweg ohne CO2-Emissionen auskommen. Und schon ab diesem Jahr kaufen wir an allen Werksstandorten weltweit ausschließlich Strom aus nachweislich regenerativen Quellen. Unser gesamter Strombezug wird damit auf einen Schlag CO2-neutral.

    7. Gang: Bildung und Forschung fördern

    Der siebte Gang ist für die Langstrecke: Bildung, Forschung und die Fähigkeit zur Innovation. Auf diesen drei Rohstoffen gründet unser Wohlstand. Und ausgerechnet diese größten Stärken setzen wir derzeit massiv aufs Spiel.

    Jüngstes Beispiel: Der Bundeshaushalt 2020. Von elf Ressorts liegt der für Bildung und Forschung mit einer Steigerung von 0,1 Prozent auf dem vorletzten Platz. Immerhin steht ein Teil von den 130 Milliarden im aktuellen Berliner Konjunkturpaket der öffentlichen und industriellen Forschung zur Verfügung. Unsere Schulen und Universitäten haben viel davon dringend nötig.

    Die Förderung der MINT-Fächer ist eine gemeinsame Aufgabe von Industrie und Politik. Insbesondere Software- und IT-Kompetenzen sind kritische Wettbewerbsfaktoren. In unserer Continental-Software-Academy stärken wir die Kompetenzen unserer Mitarbeiter, die für unsere Zukunftstechnologien erforderlich sind.

    Heute bilden sich hier mehr als 8000 Mitarbeiter weiter. Mehr als 13.000 haben Zugriff auf diese weltweite Lernplattform. Für unsere Fahrt an der Spitze braucht es ein neues Selbstverständnis für die künftige strategische Zusammenarbeit von Wirtschaft und Politik. Besser und moderner als sieben Gänge wäre freilich dann die stufenlose Automatik.

    Mehr: Die deutsche Wirtschaft kann durch Abschottung nur verlieren

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