Gastkommentar: Klima retten mit Verzicht? Funktioniert nicht!
Der Autor ist Unternehmer, Digitalexperte und Vizepräsident der Bergischen Industrie- und Handelskammer (IHK).
Foto: privatUnd da war sie wieder, die Verbotsrhetorik, die die Grünen schon mit dem „Veggie-Day“ um Wahlchancen gebracht hat. Nun das Eigenheim. Sogar Co-Parteichef Robert Habeck rollte mit den Augen, als er geschwind versuchte, klarzustellen, dass die Grünen den Familientraum vom Eigenheim nicht antasten wollen. Weitere Beispiele dürften folgen.
Es liegt schon etwas zurück, aber es war für mich ein Schlüsselmoment in der Klima-Debatte: Transformationsforscherin Maja Göpel bemühte sich hartnäckig, mit RBB-Moderator Jörg Thadeusz in seiner Talkshow vergangenen November, die Welt neu zu denken, doch der wollte sie nicht so denken wie sie.
Er habe persönlich noch kein Tier verdrängt, sehe bei den Umweltschützern eine Verherrlichung der Natur und vermisse die Fähigkeit der Klimawissenschaftler, ihr Wissen zu relativieren. Sein Anspruch: Er wolle zum neuen Denken inspiriert und motiviert werden – mit einem Lächeln.
Man kann Thadeusz‘ Angriff abtun als späte Abrechnung eines mittelalten weißen Mannes, der als Schüler Mitglied der Grünen war und die Partei nicht freiwillig verließ, doch das wäre zu kurzsichtig. Denn wer die Welt neu denken und retten will, muss die SUV-Fahrer überzeugen und nicht diejenigen, die es immer schon gewusst haben.
In Meinungsumfragen ist sich Deutschland einig: Unser Landwirtschaftssystem ist krank und hat erheblichen Reformbedarf, Tiere müssen endlich besser behandelt und Produkte möglichst biologisch hergestellt werden. Mittlerweile sind im Land der „Autonarren“ sogar stabile Mehrheiten für ein Tempolimit und den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs möglich.
Doch den Bekenntnissen fehlen die Taten: weil wir Menschen sind, die in einem reichen Land leben und uns an Komfort (und Luxus) gewöhnt haben. Weil es einen Status zu verteidigen gibt, den man nur schwer aufgeben will.
Es wäre sinnvoll, wenn wir ein Volk von Fahrradfahrern, Veganern und Energie-Experten würden. Wenn wir auf unseren Dächern eine Solaranlage hätten, kein Fleisch mehr verzehrten und einen großen Teil unserer Mobilität ohne private Autos organisieren würden.
Widerspruch zwischen Bekenntnissen und Taten
Doch die Realität ist eine andere: 47 Millionen Menschen in Deutschland nutzen einen Pkw, am beliebtesten sind SUVs, die durchschnittlich 23,5 Stunden täglich in der Gegend herumstehen. Autos werden nur rund fünf Prozent unserer Zeit genutzt, dabei sind sie eine der teuersten Anschaffungen unseres Lebens.
Wir fordern den Ausbau der erneuerbaren Energien und organisieren uns zu Protesten, wenn es um den Ausbau der dringend benötigten Netze und Windenergieanlagen vor unserer Haustür geht.
Wir bemitleiden die armen Viecher in der industriellen Massentierhaltung und kaufen trotzdem billigstes Fleisch beim Discounter.
Es fällt mir schwer, es auszusprechen: Wir sind bequem, inkonsequent und ignorant. Menschen halt … Doch mit einer Verzichtslogik, wie sie die Göpels, Thunbergs und Neubauers propagieren, überzeugen wir den Großteil der Bevölkerung nicht. Verzicht ist die falsche Strategie.
Alternativen auf allen Ebenen sind notwendig
Wir werden die Probleme nur lösen, wenn wir auf allen Ebenen Alternativen schaffen, umweltschonend zu leben, ohne den eigenen Komfort erheblich einschränken zu müssen. Vieles ist bereits möglich.
Mit der „In-Vitro“-Stammzellentechnologie können wir beispielsweise zeitnah im industriellen Maßstab Fleisch aus dem Reagenzglas produzieren. In gleicher Qualität, ohne dass Tiere leiden müssen und bei gleichzeitig starker CO2-Reduktion. Die Zahl der Fleischersatzprodukte steigt ständig, so wie deren Qualität.
Zahlreiche Studien belegen, dass wir in 15 bis 20 Jahren unseren Energiebedarf durch erneuerbare Energien im eigenen Land decken können. Die meisten Hausbesitzer werden freiwillig und gerne Solaranlagen auf ihren Dächern montieren, wenn es nicht nur sinnvoll, sondern wirtschaftlich attraktiv ist und von einer Bundesregierung unbürokratisch flankiert wird.
Schlechtes Gewissen und Verzicht reichen nicht
Wer die Bereitschaft für eine neue Mobilität wecken will, muss den SUV-Fahrern entgegenkommen und echte Alternativen bieten: mit breiten und flächendeckenden Radwegen, mit Mobilitätshubs für vielfältige Sharing-Modelle, einem bundesweit gültigen digitalen Ticketsystem für sämtliche ÖPNV-Systeme, bis hin zu ausreichender Ladeinfrastruktur und Akkuleistung für Elektroautos und attraktiven Anschaffungskosten. Innerdeutsche Flugverbindungen werden übrigens nicht politisch, nicht wegen Corona, sondern erst mit zuverlässigen und hochwertigen Bahnverbindungen obsolet.
Wir besitzen bereits heute das Wissen und die Technologien, um die gewaltigen Herausforderungen des Klimawandels zu bestehen. Die Schere zwischen Theorie und Praxis wird woanders geschlossen: Wer Menschen vom Denken zum Handeln bringen will, darf sie nicht nur mit schlechtem Gewissen und der Hingabe zum Verzicht überzeugen wollen. Gelingen könnte es mit der positiven Emotion, einen eigenen Beitrag leisten zu können und zu wollen. Es kann tatsächlich Spaß machen, die Welt zu retten.