Gastkommentar: Politische Debatten gehören ins Büro
Judith Borowski ist Geschäftsführerin beim deutschen Uhrenhersteller Nomos Glashütte.
Foto: NomosRettungsschirme, Kurzarbeit oder Maskenpflicht: Nicht nur Coronazeiten bieten politischen Gesprächs- und Zündstoff; Politik ist immer und überall und durchaus auch in den Teeküchen unserer Unternehmen. Und damit stellt sich die Frage: Wollen wir das – im Büro? Na klar wollen wir das.
In einer aktuellen Studie von YouGov Deutschland wurden über 1000 Berufstätige befragt. Ergebnis: Nur 30 Prozent der Angestellten in Deutschland sprechen in Büro und Werkhalle über Politik, 44 Prozent der Berufstätigen in Deutschland empfinden es aber als „unangebracht“. Bei Letzteren ist die Tendenz steigend; jeder zweite Beschäftigte gibt an, in dieser Hinsicht in den vergangenen fünf Jahren deutlich zurückhaltender geworden zu sein.
Das könnte im Sinne von Führungskräften und Unternehmern sein. Denn was ist schon gewonnen, wenn Frau Müller künftig nicht mehr mit Herrn Meyer spricht, weil sie nicht gut findet, wo dieser sein Kreuzchen macht? Sollten Mitarbeiter nicht besser über Excel-Tabellen, Formeln, Verhandlungen sprechen?
Nein, nicht nur. Denn wir alle – auch Unternehmen und Unternehmer, auch Mitarbeiter – sollten uns einmischen. Gern unparteiisch im Hinblick auf Rot, Grün, Schwarz oder Gelb, aber doch parteiisch, wenn es um unsere Freiheit, um Demokratie, Verteilung und viele Sachfragen geht: Woher kommt das Fleisch in der Kantine, wie geht gute Dienstreisepolitik, wie steht es um Gleichberechtigung, Umwelt- und Sozialstandards bei Lieferanten oder auch die Weitergabe der Mehrwertsteuersenkung? Wie es der Wirtschaft geht, hängt nicht zuletzt ab von den Rahmenbedingungen, die von der Politik gesetzt werden – in Berlin wie landespolitisch oder im Ortschaftsrat.