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GastkommentarWarum die Renaissance der Atomkraft ein Mythos ist

Weltweit sinkt der Anteil von Nuklearenergie. Für den Klimaschutz taugen neue Minireaktoren nicht, da ihr Bau viel zu lange dauert, mahnt Bundesumweltminister Carsten Schneider. 01.08.2025 - 04:08 Uhr
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146 Gastkommentar, ET: 01.08.2025, Carsten Schneider Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa, picture alliance/Cover Images

Zur Nutzung der Atomkraft ist eigentlich alles gesagt, sollte man meinen. Insbesondere in Deutschland, wo nach jahrzehntelanger Diskussion ein breit getragener Atomausstiegskonsens gefunden wurde. Dennoch hören wir regelmäßig wieder die süße Melodie von einer Renaissance der Atomkraft.

Die Verheißungen lauten: neuartige Reaktoren, niedrige Stromkosten, mehr Sicherheit und vor allem Klimaneutralität. Ist da etwas dran, und vor allem könnte die Atomkraft tatsächlich einen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel leisten?

Zunächst muss klar sein, dass jedes Land über seinen Strommix selbst entscheidet. Das wird gegenseitig respektiert. Deutschland hat sich in einem langen Prozess entschieden, auf saubere und sichere Energie zu setzen, die keine strahlenden Abfälle hinterlässt. Verschiedene Bundesregierungen und Parteien haben daran mitgewirkt. Inzwischen sind die letzten Reaktoren vom Netz gegangen.

Aber ich bin auch niemand, der andere missioniert. Wenn andere Länder ihren Strombedarf mit Atomkraft decken möchten, dann ist das ihr Recht, solange höchste Sicherheitsstandards eingehalten werden. Denn eine Reaktorkatastrophe würde immer viele Länder treffen.

Zum Respekt vor den Entscheidungen souveräner Staaten gehört aber auch, dass daraus kein Anspruch auf europäische Subventionen und damit auf das Geld der deutschen Steuerzahler entstehen darf.

Anteil der Atomkraft am weltweiten Strommix sinkt

Bis heute ist nur eine Minderheit von Staaten weltweit überhaupt in die Atomkraft eingestiegen. 1996 betrug ihr Anteil an der weltweiten Stromerzeugung rund 17 Prozent. Heute sind es unter zehn Prozent. 2024 hatten erneuerbare Energien rund  90 Prozent Anteil am weltweiten Kapazitätsausbau. Diese Zahlen sprechen für sich.

Unterdessen dauert es immer länger, begonnene Atomkraftwerke fertigzubauen. Die Kosten explodieren. Stattdessen wird die Laufzeit bestehender Reaktoren auf 50, 60 oder sogar 80 Jahre verlängert.

Das ist garantiert kein Sicherheitsgewinn. Und diese Kraftwerke produzieren weiterhin radioaktiven Müll, der noch viele Generationen nach uns belasten wird.

Die vermeintlichen Hoffnungen ruhen auf Small Modular Reactors (SMR). Klein, sicher, kostengünstig und serienreif sollen sie sein. Die wenigen konkreten Projekte basieren im Wesentlichen auf derselben Technologie wie bei großen Reaktoren. Es muss bezweifelt werden, dass viele kleine Reaktoren weniger Probleme machen als ein paar große.

Immer öfter wird über eine neue Generation von sogenannten Advanced Modular Reactors (AMR) berichtet, die etwas anderes als Wasser als Kühlmittel nutzen. In der Wirklichkeit sind sie aber ungefähr so selten wie ein Yeti. Es wird viel geforscht, teilweise seit Jahrzehnten. Aber einen serienreifen AMR bestellen, kaufen und in Betrieb nehmen kann man bisher nicht.

Wir wissen also nicht, ob diese hochfliegenden Ideen jemals Wirklichkeit werden. Für den globalen Klimaschutz taugen sie schon deshalb nicht, weil wir keine Zeit mehr haben zu warten. Wir brauchen Lösungen, die jetzt verfügbar sind und die jetzt die Sicherheit gewährleisten. Dazu gehört übrigens auch die Sicherheit, dass gefährliches Material nicht in die falschen Hände gerät.

Deutsche Energiewende ist eine Bürgerbewegung

Europa will bis 2050 klimaneutral werden, Deutschland bereits bis 2045. Die Bauzeiten neuer Atomkraftwerke sind zu unsicher und viel zu lang: Der Bau von Olkiluoto 3 in Finnland begann 2005, und die Inbetriebnahme war 2023. Flamanville 3 in Frankreich wurde 2007 begonnen. Die kommerzielle Inbetriebnahme steht erst jetzt bevor.

An Hinkley Point C in Großbritannien wird bereits seit fast zehn Jahren gebaut, und die Fertigstellung wurde auf 2030 verschoben. Der Strom aus diesen Anlagen ist ein Mehrfaches teurer als aus erneuerbaren Energien und nur durch staatliche Subventionen und Preisgarantien verkäuflich.

Deutschland hat sich vor 25 Jahren mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) auf den Weg in eine klimaneutrale Stromproduktion gemacht. Es gab Warnungen, dass das Stromnetz nur wenig volatile Energien vertragen würde. Diese Probleme konnten gelöst werden.

Der Ausbau schreitet weiter voran. Mehr als eine Million Balkonkraftwerke machen aus der Energiewende eine große Bürgerbewegung. Auch künftige Herausforderungen können gemeinsam von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gelöst werden.

Über die Atomkraft ist wirklich alles gesagt. Außer, wohin der Atommüll soll. Niemand meldet sich freiwillig, wenn es um Zwischen- und Endlager geht.

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Dass die vermeintliche Renaissance der Atomkraft nicht existiert, ist zum Glück nicht weiter schlimm. Denn wir bauen die kostengünstigen erneuerbaren Energien weiter aus und sichern damit die Energieversorgung einer erfolgreichen Volkswirtschaft von morgen. Ohne das Klima weiter anzuheizen und die Lebenschancen unserer Kinder und Enkel zu gefährden.

Der Autor: Carsten Schneider ist Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit.

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