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Gastkommentar Wir brauchen mehr, nicht weniger Globalisierung

Auch die Coronakrise zeigt, dass eine globale Vernetzung uns stärkt und nicht schwächt. Weltoffene Gesellschaften werden sich als robuster erweisen.
  • John Pearson
09.06.2020 - 17:22 Uhr 1 Kommentar
John Pearson ist CEO von DHL Express. Quelle: Reuters
Der Autor

John Pearson ist CEO von DHL Express.

(Foto: Reuters)

Es wird zurzeit viel spekuliert. Über einen Rückzug der Globalisierung. Über kürzere Lieferketten und eine Produktion, die zurück nach Hause kommt. Auch über die Ausweitung nationaler Schlüsselindustrien. Natürlich wundert es nicht, dass aktuell Globalisierungskritiker und Pessimisten Auftrieb verspüren. Wer die weltweite Vernetzung schon immer skeptisch sah oder ihr düstere Aussichten attestierte, hat nun vermeintlich neue Gründe gefunden.

Wir befinden uns in einer ernsten Krise. Der Einbruch der Weltwirtschaft infolge der Covid-19-Pandemie sieht gravierend aus. Laut Welthandelsorganisation (WTO) könnten die weltweiten Handelsströme in diesem Jahr um bis zu einem Drittel sinken.

Die Vorhersagen für Kapitalströme gehen in dieselbe Richtung – ausländische Direktinvestitionen könnten 2020/21 um 30 bis 40 Prozent zurückgehen. All das und vieles Weitere führt zu schweren Belastungsproben für viele Menschen und Wirtschaftszweige.

Trotz dieser schwierigen Aussichten glaube ich nicht, dass wir nach der Krise einen massiven Rückzug der globalen Vernetzung erleben werden. Zum einen erwarten selbst die pessimistischen Szenarien keinen Kollaps der Handels- und Kapitalströme. Zum anderen erleben wir gerade in dieser Pandemie an vielen Stellen, wie wichtig Globalisierung für unser wirtschaftliches und gesellschaftliches Immunsystem ist.

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    Viele global tätige Unternehmen sind momentan weit besser gerüstet als Firmen mit rein nationalem oder regionalem Fokus. Dies leuchtet ein: Wer jetzt nur in einem Land aktiv ist, der ist der Situation vor Ort völlig ausgeliefert.

    Internationale Unternehmen zeigen mehr Resilienz

    Zu Beginn der Krise galt etwa das Chinageschäft vieler Unternehmen als Belastung. Nun entpuppt sich der anfängliche Nachteil als Vorteil. Die dortige Wirtschaft erholt sich und gibt Firmen, die vor Ort sind, Rückenwind. Natürlich ist in jeder Branche die Situation anders gelagert. Aber tendenziell gilt: Internationale Unternehmen zeigen mehr Resilienz in dieser Krise.

    Aus ähnlichen Gründen halte ich auch viele Äußerungen zu mehr Produktion im eigenen Land für unzutreffend. Je nach Notlage sind nationale Lieferketten nicht unbedingt widerstandsfähiger. Wenn schon, dann müssten Supply Chains künftig noch stärker diversifiziert werden.

    Also mehr, nicht weniger Globalisierung. Natürlich spricht überhaupt nichts dagegen, Vorsorge zu treffen und für Notsituationen eine strategische Reserve kritischer Güter anzulegen. Doch vergessen wir dabei nicht: Weltweite Arbeitsteilung bleibt für prosperierende Gesellschaften unerlässlich. Es wäre auf Dauer nicht bezahlbar, wenn alle Länder nun etwa ihre Medizinprodukte jeweils selbst fertigen.

    Ich habe keinen Zweifel, dass sich weltoffene Gesellschaften am Ende als robuster in der Krise erweisen werden. Um das Virus unter Kontrolle zu bekommen, brauchen wir global vernetzte Forschung, die besten medizinischen Erkenntnisse aus aller Welt und mehr gegenseitige Hilfe.

    Umgekehrt können nun vor der Krise errichtete Hürden, etwa Zölle auf Medizinprodukte, Versorgungsengpässe verschärfen. Es ist geradezu paradox, dass das Dickicht an Exportbeschränkungen und Importzöllen viele Güter für medizinische Versorgung und Basishygiene erfasst, die jetzt entscheidend sind.

    Von mehr Offenheit profitieren auch die ärmeren Regionen

    Von mehr Offenheit profitieren auch die ärmeren Regionen, die teilweise erst noch von der Krise erfasst werden. Auch hier ist der Zugang zu den Weltmärkten ein stärkender Faktor. Etwa für die vielen Kleinunternehmer.

    Wo der Verkauf vor Ort zum Erliegen kommt, kann E-Commerce – auch der grenzüberschreitende Warenversand – zu einem Hoffnungsschimmer werden. Dies setzt allerdings ein förderliches Umfeld voraus, vor allem modernere Zollverfahren und Bürokratieabbau an der Grenze.

    Nicht nur Unternehmen und Gesellschaften, sondern auch jeder Einzelne erlebt in diesen Tagen, wie sehr das Wohlergehen von Handel, Logistik und globaler digitaler Vernetzung abhängt. Es ist gar nicht auszudenken, wie diese Pandemie noch vor wenigen Jahrzehnten abgelaufen wäre. Ohne hochentwickelte E-Commerce-Systeme, ohne leistungsfähige weltweite IT-Infrastruktur und ohne digital vernetzende Plattformen oder Smartphones.

    Auch aus dem Homeoffice heraus können Teams zusammenarbeiten oder Kunden beraten werden. Führungskräfte können Entscheidungen treffen, ohne dass die Verantwortlichen physisch an einem Ort sind. Familien und Freunde können in engem Kontakt bleiben, ohne sich persönlich zu sehen. Trotz der Isolation haben wir Zugriff auf unendlich viel digitales Wissen, Information und Unterhaltung.

    Ich bin überzeugt, dass die globale Vernetzung unsere Welt in dieser Krise stabiler und weniger verletzlich gemacht hat. Wir müssen im Interesse unserer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Abwehrkräfte darauf achten, dass sie jetzt keine irreparablen Schäden davonträgt. Je besser uns dies gelingt, desto leichter wird es uns fallen, nach der Krise wieder Fahrt aufzunehmen.

    Mehr: Der Begriff „Wiederaufbau“ in der Coronakrise greift zu kurz. Es geht um einen Umbau unseres europäischen Wirtschafts- und Wachstumsmodells.

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    1 Kommentar zu "Gastkommentar: Wir brauchen mehr, nicht weniger Globalisierung"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Ihr Kommentar ist sehr nachvollziehbar und voller Dynamik geschrieben - aber lassen Sie bitte das relativ unbedeutende Corona-Virus als Begründung da raus.
      Der Lockdown macht der Wirtschaft zu schaffen und nicht der Virus.
      Es ging doch schon vorher bergrunter mit der globalen Wirtschaft aufgrund politischer Inkompetenz und einer riesigen Verschuldungsblase aller großen Player (USA, China, EU, Japan, usw.).
      Keiner hält sich mehr an globale Verträge, das Gegeneinander wird groß geschrieben und Misstrauen verbreitet sich wie ein wirklich gefährlicher Virus.
      Auf diesem Nährboden kann kein globaler Handel wachsen und gedeihen.

      Das böse Virus wars - für wie dumm hält man uns eigentlich.

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