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Prüfers Kolumne Bleiben wir auch nach Corona auf Distanz und essen nur noch Nudeln?

Die Epidemie hat starke Nebenwirkungen: Viele Menschen halten enormen Abstand und decken sich mit haltbaren Lebensmitteln ein. Wie lange hält der Zustand an?
05.03.2020 - 11:34 Uhr Kommentieren
Handelsblatt: Prüfers Kolumne
Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.

Das Virus Sars-CoV-2 ist gerade erst in Berlin angekommen, es gibt die ersten Infizierten, einzelne Schulen bleiben geschlossen, Großveranstaltungen werden abgesagt. Noch ist niemand gestorben.

Die Büros sind aber alle offenbar schon komplett durchseucht. Bei Geschäftskontakten gilt nun: höflich ohne Hände. Man winkt einander irgendwie verkrampft lächelnd zu. Schließlich ist jeder Kollege oder Geschäftspartner ein potenzieller Infektionsherd.

Auf manche Mitarbeiter scheint es allerdings wie eine Befreiung zu wirken, dass sie endlich ihre Mitmenschen nicht mehr berühren müssen. Vielleicht konnten sie Menschen noch nie leiden. Sie halten sich auf sechs Meter Abstand von allen anderen Organismen und würden sich auch einen ABC-Schutzanzug anlegen, wenn die nicht ausverkauft wären.

Eine heute auch sehr geläufige Geste: wenn der Nebenmann hustet, wortlos aufzustehen und sich einen neuen Platz zu suchen. Was früher als ein Zeichen höchster Verachtung galt, das höchstens angebracht war, wenn der Nebenmann erklärt hatte, eine große Sympathie für Adolf Hitler zu hegen, gehört nun zum normalen Verhaltensrepertoire.

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    Menschen, die mit vielen anderen Menschen Kontakt haben, die vielleicht sogar Kinder haben, die auf Grundschulen gehen, sind ohnehin höchst verdächtig. Es wird nicht mehr lange dauern, da wird man Passanten wegen eines Hustenanfalls lynchen.

    Dabei muss man sich fragen: Was ist denn nun so fundamental anders als früher? Es gab doch auch zuvor schon äußerst ansteckende, potenziell gefährliche Krankheiten, die Grippe etwa. Demnach war infektionsschutzmäßig also das moderne Sozialverhalten schon immer eine Katastrophe: das ganze Händeschütteln, Umarmen, Küsschen-Küsschen und Chichi.

    Vielleicht ist nach der Coronawelle dann Schluss damit und wir können uns auf eine Kultur der distanzierten Kälte vorbereiten. Oder es wird bald Frühling und der Spuk ist vorbei.

    Dann gäbe es auch wieder etwas zu essen. In Berlin sahen die Supermärkte zeitweise aus wie zu Zeiten der DDR. Irgendwie gab es nix. Bekanntlich sind vor allem Nudeln oft ausverkauft. Wahrscheinlich gibt es bald erste Meldungen, dass einzelne Spaghetti zu Wucherpreisen auf Ebay gehandelt werden. Wir haben, was Pasta betrifft, also eine Sonderkonjunktur, was erfreulich für die italienische Wirtschaft sein dürfte, die ja gerade unter dem Virus so stark leidet. 

    Ich bin allerdings erstaunt, welche Lagerkapazitäten es offenbar in deutschen Haushalten gibt. Wo bekommen die Leute das alles unter? Ich hätte für Hamsterkäufe gar keinen Platz in meiner Wohnung. Alles redet über Wohnraumknappheit in den Großstädten, aber ein paar Paletten Barilla einzulagern scheint kein Problem zu sein. 

    Die Frage ist nur, ob diese Unmassen an Nudeln nun als eiserne Reserve für den Zusammenbruch genutzt werden – oder aber ob sie nun alle aufgegessen werden. Dann gäbe es in Deutschland in den nächsten Wochen nur noch Teigwaren auf dem Tisch.

    Ernährungsexperten sehen eine solche Diät sehr kritisch: Wer hauptsächlich Nudeln isst, muss das Ganze mit Ballaststoffen und frischer vitaminhaltiger Kost begleiten. Ansonsten drohen nämlich Mangelerscheinungen. Am Ende wird noch jemand krank.

    Mehr: Wir sollten der Wirtschaft dankbar sein, dass sie anziehend für Fieslinge ist, meint Tillmann Prüfer.

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