Prüfers Kolumne: Die Informations-Atombombe
Ich habe gelesen, dass sich das Innenministerium bemüht, digitaler zu werden. Dazu gibt es das sogenannte Online-Zugangsgesetz (OZG). Allerdings geht die Digitalisierung offenbar schleppend voran.
Der Bundesrechnungshof warf dem Bundesinnenministerium laut „Welt am Sonntag“ teils planloses Vorgehen bei der Digitalisierungsoffensive vor. Die Zeitung zitierte außerdem aus einem 94 Seiten starken Report der staatseigenen Beratungsgesellschaft PD aus dem Jahr 2021.
Die Autoren hatten stichprobenartig Großaufträge für Beratungsunternehmen wie McKinsey und Init untersucht. Darin sei von „Folien-Lawinen“ die Rede. Das Wort war mir neu. Die Berater sollen Präsentationen mit mehr als 500 Folien an das Ministerium geliefert haben.
Das hat mich stark beeindruckt: 500 Folien. Das ist eine erhebliche Menge. Ich habe gelesen, dass ein Vortrag von einer Stunde etwa 30 Folien haben sollte. Alle zwei Minuten eine neue Folie, das sei eine gute Zahl. Dementsprechend müssten die Vorträge am Innenministerium eine Dauer von mehr als 16 Stunden gehabt haben.
Ich finde, eine 500-Folien-Präsentation ist kein Vortrag mehr, sondern eine Waffe. Wenn man jemanden mit 500 Folien bearbeitet, bleibt nichts mehr übrig. Es ist eine Art Informations-Atombombe.
Ein 500 Folien großes Problem
Mit einer 500-Folien-Präsentation könnte man auch Tiefen-Narkotisierungen für besonders schwierige Operationen durchführen. Die Patienten würden bestimmt nicht aufwachen wollen, auch nicht nach Stunden, schon aus Angst, die Präsentation sei noch nicht vorbei.
Ich habe mich gefragt, wie man ein Problem wie die Digitalisierung auf 500 Folien darstellen möchte. Und das dann als Beratungsleistung verkauft. Wenn man als Innenministerium eine 500-Folien-Präsentation geliefert bekommt, eine Bibel aus Folien, kann die Schlussfolgerung doch nur sein: Dieses Problem ist so gigantisch, wir können das unmöglich lösen. Wir müssen eigentlich nicht einmal anfangen, es zu lösen, es lohnt nicht einmal, darüber nachzudenken, denn man käme damit vielleicht bis Folie 12.
Man muss schon einen Sonderstab einrichten, damit man überhaupt mit dem Studium dieser Folien-Sintflut weiterkommt. Dass man dann irgendwann dazu käme, als Ministerium Dienstleistungen tatsächlich digital anbieten zu können – undenkbar.
Langsam verstehe ich, was Beratungsdienstleistungen eigentlich bedeuten. Die Berater lösen kein Problem, sondern liefern gute Argumente dafür, dass ein Problem tatsächlich unlösbar ist. Und das ist im Grunde unbezahlbar.
Damit sind die 136,7 Millionen, die das Ministerium bis 2023 für OZG-Dienstleistungen ausgegeben hat, gut investiert.