Prüfers Kolumne: Warum die Verdummung der Menschheit kein Grund zur Sorge ist
Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.
Foto: HandelsblattIch habe gelesen, dass Intelligenz zwar teilweise genetisch bedingt, aber nicht ohne Weiteres erblich ist. Es liegt daran, dass es kein Intelligenz-Gen gibt. Stattdessen tragen verschiedene genetische Konstellationen zur Intelligenz bei. Und diese werden von Generation zu Generation immer wieder neu gemischt.
Wer intelligent ist, der kann also einige Faktoren vererben, andere vielleicht nicht. Das führt dazu, dass Eltern mit eher durchschnittlicher Intelligenz hochintelligente Kinder haben können. Gleichzeitig können hochintelligente Eltern an ihrem minderbegabten Nachwuchs verzweifeln.
Dies geschieht wohl immer öfter, denn der IQ nimmt zurzeit mit jeder neuen Generation ab. Diesen Befund mag die junge Generation anmaßend finden, er ist aber reine Wissenschaft.
Während die Intelligenz im vergangenen Jahrhundert stetig zugenommen hat, stagniert sie nun und geht sogar leicht zurück. Das deckt sich eigentlich mit allen Annahmen, dass kein unbegrenztes Wachstum möglich ist. Die Menschen können nicht einfach noch intelligenter und noch intelligenter werden. So wie sie nicht einfach immer größer und größer werden können.
Es gibt offenbar aber auch gesellschaftliche Faktoren. Während das 20. Jahrhundert davon geprägt war, dass aufgrund der Wohlstandsentwicklung viele Menschen neue Bildungsmöglichkeiten hatten, stieg die Intelligenz rasch an. Nun ist eine gewisse Plateau-Phase in der Bildung eingetreten, die durch den Gebrauch von Smartphones nicht gerade besser gemacht wird.
Das Problem ist: Wenn man weniger im Kopf rechnen muss, weil man eine Taschenrechner-App hat und sich auch keine Telefonnummern merken muss, werden diese Fähigkeiten nicht mehr trainiert. Das ist kein Problem – bis man eben mal einen Intelligenztest ausfüllen muss.
Es wurde nun schon öfters versucht, mangelnde Intelligenz bestimmten gesellschaftlichen Gruppen zuzuweisen. Dabei verbuchen jene, die sich auf die abendländischen Traditionen berufen, gerne für sich, intelligenter zu sein. Es gibt allerdings auch Forschungen, die gegenteilige Schlüsse nahelegen: So hat der Psychologe Satoshi Kanazawa etwa ermittelt, dass Konservative einen geringeren IQ haben.
Der Forscher von der London School of Economics and Political Science hatte eine Befragung von US-amerikanischen Jugendlichen ausgewertet, bei der sie die eigene Religiosität einschätzen sollten. Die Jugendlichen, die sich selbst als progressiv einschätzten, hatte mit 106 den höchsten Intelligenzquotienten, die sehr konservativen hatten durchschnittlich einen IQ von 95. Nun muss man sagen, dass 106 auch kein IQ nahe der Hochbegabung ist.
Derselbe Forscher hat übrigens auch ermittelt, dass Leute, die Alkohol trinken, intelligenter sind als Antialkoholiker. Was tröstlich für alle ist: Der IQ ist eigentlich ziemlich egal. Denn das Einzige, was statistisch mit einem höheren IQ zusammenhängt, ist die Chance auf einen besseren Schul- oder Studienabschluss.
Ansonsten hängt der Intelligenzquotient weder mit Karriere, Kreativität noch mit Erfolg in der Liebe zusammen. Solange wir also erfolgreich, glücklich und kreativ bleiben, muss uns nicht stören, dass wir stetig verdummen.