Gastkommentar – Global Challenges: Europa hat seine Abhängigkeit bei Rohstoffen selbst verschuldet
Europas Abhängigkeit bei kritischen Rohstoffen ist zu hoch – und das liegt nicht allein an fehlenden Vorkommen. Die Lieferketten sind zu einseitig, die Verarbeitungskapazitäten zu weit von den eigenen Produktionsstandorten entfernt.
Über 90 Prozent des weltweit verarbeiteten Lithiumhydroxids aus Hartgestein stammen aus China. Das ist kein Zufall. Europa hat die Verarbeitung jahrzehntelang ausgelagert: aus Kostengründen, aus Bequemlichkeit und aus mangelndem strategischem Weitblick. Dabei hat Europa in vielen Fällen gar kein Rohstoffproblem, sondern ein Verarbeitungsvakuum. Für Batterien, Energiespeicher, Datenzentren und zunehmend den Verteidigungssektor ist das ein strategisches Risiko.
Mit dem RESourceEU Action Plan setzt die EU ein klares Zeichen: Europa will seine Rohstoffsouveränität sichern – und zwar schnell. Drei Milliarden Euro für strategische Projekte, beschleunigte Genehmigungen und ein European Critical Raw Materials Centre sind richtige Schritte. Entscheidend ist die klare Priorisierung von Projekten, die bis 2029 operativ werden können.
Europa kann diese Transformation nicht allein stemmen. Der von Kanada neu initiierte G7 Global Critical Minerals Action Plan schafft erstmals einen internationalen Rahmen für diversifizierte Lieferketten. Deutschland und Kanada – seit 2022 strategische Rohstoffpartner – haben hier eine besondere Rolle: Kanadas Ressourcen und Bergbaukompetenz treffen auf europäische Technologie und starke Abnehmerindustrien. Diese Partnerschaft muss jetzt in integrierte transatlantische Wertschöpfungsstrukturen überführt werden.
China versucht neue Anbieter auszubremsen
Gleichzeitig ersetzt keine internationale Kooperation den Aufbau eigener Kapazitäten. Die USA priorisieren bereits ihre heimische Versorgung. Und die derzeit niedrigen Lithiumpreise sind nicht Ausdruck eines entspannten Marktes im Gleichgewicht, sondern Folge gezielter chinesischer Überkapazitäten, die neue Anbieter ausbremsen und eine langfristige Marktdominanz sichern sollen. Wer jetzt nicht handelt, steht in wenigen Jahren ohne strategische Alternativen da.
Rock Tech Lithium ist eines der 47 strategischen Rohstoffprojekte der EU, die kurzfristig Entlastung schaffen können. Unsere Lithiumhydroxid‑Raffinerie im brandenburgischen Guben ist vollständig genehmigt, technologisch einsatzbereit und hat Abnahmevereinbarungen mit Partnern geschlossen. Parallel entwickeln wir in Ontario eine Mine und eine zweite Raffinerie. Zwei Standorte, die Europa und Nordamerika kurzfristig versorgungssicherer machen und als schnell skalierbare Blaupausen für weitere Projekte dienen.
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Die größten Hürden für Vorhaben wie unseres sind nicht Genehmigungen oder Technologie, sondern die Finanzierung und die Preisvolatilität. Länder wie China und die USA unterstützen ihre Rohstoffindustrien massiv und schaffen damit einen strukturellen Wettbewerbsvorteil. Solange gleiche Wettbewerbsbedingungen fehlen und zugleich komplexe Vorgaben und Genehmigungsprozesse Planungssicherheit beeinträchtigen, geraten europäische Projekte strukturell ins Hintertreffen. Europa muss hier steuernd eingreifen.
Europa muss jetzt handeln
Was jetzt passieren muss:
Erstens: Die angekündigten Finanzierungsinstrumente müssen schnell operativ werden. Die Industrie braucht Kapitalzusagen und planbare Verfahren.
Zweitens: Die deutsch-kanadische Zusammenarbeit gehört auf eine verbindlichere Grundlage. Der G7 Global Critical Minerals Action Plan bietet den passenden Rahmen.
Drittens: Ein Plan wird erst dann wirklich wirksam, wenn Industrie und Staat handeln: Unternehmen müssen konkreten Bedarf zeigen, während Regierungen diesen gezielt unterstützen.
Viertens: Europa braucht schnell zusätzliche Recyclingkapazitäten. Das Ziel von 25 Prozent recycelten strategischen Rohstoffen bis 2030 ist erreichbar – wenn der Markt die Produkte auch abnimmt.
Europa hat gezeigt, dass entschlossenes Handeln möglich ist – etwa beim Bau der LNG-Terminals nach dem russischen Angriffskrieg 2022. Bei kritischen Rohstoffen brauchen wir jetzt dieselbe Geschwindigkeit. Die Technologie ist etabliert, die Projekte sind bereit, die Nachfrage ist da.
Europa steht vor einer klaren Entscheidung: Jetzt handeln oder die strategische Abhängigkeit dauerhaft zementieren. Eine dritte Option gibt es nicht.
Der Autor: Mirco Wojnarowicz ist CEO von Rock Tech Lithium mit Sitz in Kanada und Deutschland.