Gastkommentar – Homo oeconomicus: Mehr Frauen am Arbeitsmarkt gibt es nur gegen Entlastung bei der Hausarbeit
Der Fachkräftemangel zieht sich durch zahlreiche Branchen.
Foto: E+/Getty ImagesDie Bundesregierung hat kürzlich ihre Strategie zum Umgang mit der gravierenden Fachkräftelücke vorgestellt. Bis 2035 werden danach insgesamt über sieben Millionen Arbeitskräfte fehlen. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, sieht das größte Potenzial, um diese Lücke zu schließen, darin, die in Deutschland lebenden Frauen für den Arbeitsmarkt zu gewinnen.
Würden allein die zurzeit nicht erwerbstätigen Mütter mit Kindern unter sechs Jahren gemäß ihren Arbeitszeitwünschen zumindest in Teilzeit wieder einsteigen, würde das laut Prognose ein Plus von knapp 840.000 Personen bedeuten, die am Arbeitsmarkt verfügbar wären.
Insgesamt sind fast fünf Millionen Frauen im erwerbsfähigen Alter überhaupt nicht erwerbstätig und suchen auch keinen Job. Es sind zumeist Mütter, Töchter, Schwiegertöchter und Ehefrauen, die für Kinder, Ehemänner oder pflegebedürftige Angehörige sorgen. Ihre Woche ist mit 40 und mehr Stunden unbezahlter Care-Arbeit ausgefüllt.
Folglich bleiben viele dieser Frauen weit unter ihren beruflichen Möglichkeiten oder verzichten ganz darauf, als Lehrerin, IT-Spezialistin oder Krankenpflegerin zu arbeiten.
Diese Suppe hat sich Deutschland selbst eingebrockt. Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze bescheinigt Deutschland, bis heute einem „Industrie-Fetisch“ verhaftet zu sein und dagegen Dienstleistungen zu vernachlässigen. In den vergangenen Jahrzehnten wurde gern mit der ökonomischen Blindflugthese argumentiert, dass nur Industrie und Handwerk Wertschöpfung erzeugen, soziale Dienstleistungen dagegen Geld verschlingen.
Uta Meier-Gräwe war bis 2018 Inhaberin des Lehrstuhls für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Beraterin der Bundesregierung. Ihr aktuelles Buch mit Ina Praetorius „Um-Care: Wie Sorgearbeit die Wirtschaft revolutioniert“ basiert teilweise auf den Homo-oeconomicus-Kolumnen der Autorinnen im Handelsblatt.
Foto: Gleichstellungsbüro FreiburgAuch deshalb ist bisher die Professionalisierung von haushalts- und personenbezogenen Dienstleistungen jenseits von Schwarzarbeit nie proaktiv betrieben worden. Der massive Modernisierungsrückstand Deutschlands zeigt sich keineswegs nur bei den fehlenden Kita- und Hortplätzen.
Denn: „Hausarbeit schränkt die Erwerbsbeteiligung von Müttern stärker ein als Kinderbetreuung“, stellte 2022 das DIW fest. Seit Jahren steigt die Nachfrage nach Alltagsdiensten rund um den Haushalt. Für viele Normalverdiener sind sie jedoch nicht bezahlbar. Die, die sie nutzen, melden diese Jobs zu 90 Prozent nicht an.
Auch aus diesen Gründen hatte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) im Januar 2022 angekündigt, staatlich subventionierte Gutscheine einzuführen. Diese soll es zunächst für Familien und pflegende Angehörige mit einem jährlichen Bonus von maximal 2000 Euro, später für alle Haushalte geben.
Die Gutscheine lassen jedoch bis heute auf sich warten. Aber genau solch ein nachfrageorientierter Impuls für mehr Beschäftigung, Entlastung und Wertschöpfung fehlt.
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„Wenn wir jetzt nicht alle Register ziehen, wird Fachkräftemangel zur dauerhaften Wachstumsbremse“, sagte Heil bei der Vorstellung der Fachkräftestrategie am 20. Januar im Bundestag. Diesen Worten müssen endlich Taten folgen.