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Asia TechonomicsAuf dem Smartphone sind China und der Westen bereits entkoppelte Welten

Hinter Chinas „Great Firewall“ funktionieren viele Apps aus dem Silicon Valley nicht. Wer hier digital gesellschaftsfähig sein will, ist ohne eine Anwendung völlig aufgeschmissen: Wechat.Sabine Gusbeth 16.03.2022 - 11:23 Uhr Artikel anhören

In der wöchentlichen Kolumne schreiben Handelsblatt-Korrespondenten im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in Asien.

Foto: Klawe Rzeczy

Wer als Ausländer nach China kommt, braucht einige Wochen, um digital gesellschaftsfähig zu werden. Viele Apps, die im Westen tagtäglich verwendet werden, sind in China gesperrt: Google und Google Maps, Facebook, Instagram, Twitter und Youtube, WhatsApp und andere Messengerdienste, ebenso wie viele Nachrichten-Apps etwa die des Handelsblatts. Amazon und Uber gibt es in China ebenso wenig.

Hier werden Baidu statt Google, Taobao und JD.com statt Amazon, Weibo statt Twitter genutzt. Um Videos oder Livestreams auf dem Smartphone zu gucken, verwenden viele Chinesen Bilibili, Kuaishou, oder Youku. Tiktok heißt hier Douyin, beide gehören dem chinesischen Mutterkonzern Bytedance. Für Spiele ist der Tencent App Store besonders beliebt. Die meistgenutzten Essenlieferplattformen sind Meituan und Eleme.

Auf dem Smartphone ist die Entkopplung der digitalen Welten zwischen China und dem Westen bereits Realität. Dies gibt einen Vorgeschmack darauf, welche Folgen das weitere Decoupling im Alltag haben kann. Wer von der einen Welt in die andere reist, so wie ich, braucht einige Zeit, um in der neuen digitalen Umgebung zurechtzukommen. Zumal sich viele der chinesischen Apps nur mit Schriftzeichen richtig gut bedienen lassen.

Die mit Abstand wichtigste App ist Weixin (Wechat). Ursprünglich handelte es sich dabei um eine Messenger-App ähnlich wie WhatsApp. Inzwischen ist es jedoch eine Art Super-App, ohne die der Alltag in China sehr viel komplizierter ist. Mit Wechat wird bestellt, bezahlt, eingecheckt, kommuniziert, sich informiert. In der App können zahllose weiterer sogenannter Miniprogramme installiert werden.

Doch es genügt nicht, sich Wechat herunterzuladen. Wer die App neu installieren will, braucht mindestens einen bestehenden Nutzer, der die Identität des Neulings bestätigt. Neben der Kommunikationsfunktion sind die wichtigsten Anwendungen das Bezahlen mit Wechat Pay und – seit Covid – das Einchecken mit dem Corona-Gesundheitscode in Geschäften, Restaurants, Büros und Wohngebäuden.

Ohne den digitalen Geldbeutel geht fast nichts mehr

Jeder, der derzeit nach Peking kommt, braucht in Wechat das Miniprogramm Beijing Health Kit. Wer aus dem Ausland einreist, muss 22 Tage Quarantäne in einem Hotelzimmer fernab der Hauptstadt absitzen, bis das Health Kit auf Grün springt („no abnormal conditions“).

Ohne sie geht in China wenig.

Foto: Reuters

Bei mir klappte das zwar bei der Abreise nach Peking. Doch kaum angekommen, funktionierte der Healthcode nicht mehr. Vermutlich, wegen der neu eingetragenen chinesischen Handynummer. Es dauerte knapp zehn Tage bis er wieder auf grün sprang.

Die nächste Herausforderung: Einrichtung der Bezahlfunktion Wechat Pay. Ohne den digitalen Geldbeutel geht fast nichts mehr. Denn im Alltag wird in China kaum noch mit Bargeld bezahlt. Wer in ein Restaurant geht, scannt einen QR-Code auf dem Tisch. Es öffnet sich ein Miniprogramm in Wechat mit der Speisekarte. Man wählt die Speisen, bestellt und bezahlt mit wenigen Klicks.

Doch, um die Wechat-Bezahlfunktion ohne Probleme zu nutzen, braucht man idealerweise ein chinesisches Bankkonto. Die Konkurrenz-App Alipay lässt sich zwar auch mit einer ausländischen Kreditkarte verknüpfen, doch das funktioniert nicht immer.

Im Alltag wird in China kaum noch mit Bargeld bezahlt, Alipay und Wechat Pay sind der Standard.

Foto: Reuters

Zwar kann man notfalls auch bar bezahlen. Doch dafür erntet man mitunter mitleidige Blicke, so als käme man direkt aus der Steinzeit, verbunden mit der Bitte doch passend zu bezahlen. Denn Wechselgeld haben nicht mehr alle parat.

Seit Freitag, knapp sechs Wochen nach meiner Einreise, ist es nun so weit. Ich habe eine chinesische Handynummer, ein chinesisches Bankkonto und Wechat Pay, kann Essen und Taxis bestellen, ein Fahrrad mieten, online einkaufen und bezahlen. Ich habe inzwischen knapp 20 weitere Miniprogramme in meiner Wechat-App installiert.

Was davon man wirklich braucht und was nur dazu dient Daten abzugreifen, muss ich noch herausfinden. Es wird noch einige Zeit dauern, sich in der neuen digitalen Welt zurechtzufinden. Immerhin: Mein Health Kit ist grün.

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In der Kolumne Asia Techonomics schreiben Nicole Bastian, Sabine Gusbeth, Dana Heide, Martin Kölling und Mathias Peer im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in der dynamischsten Region der Welt.

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