Asia Techonomics: Vier Faktoren begünstigen das Börsenmärchen von Seoul
Es ist nicht der US-amerikanische, nicht der chinesische, nicht der indische: Der mit Abstand heißeste Aktienmarkt 2025 weltweit ist der Südkoreas. Präsident Lee Jae-myung ließ es sich Anfang November nicht nehmen, die gute Börsenkursentwicklung in seiner Haushaltsrede zu erwähnen. „Wir haben den Krisenstatus hinter uns gelassen“, sagte Lee.
Der südkoreanische Aktienindex Kospi ist in diesem Jahr um mehr als 60 Prozent gestiegen. Dagegen erscheinen die Kursgewinne im S&P 500, im Dax oder beim Nikkei-Index in Japan geradezu bescheiden.
Dass der Index in den vergangenen Tagen wieder unter die Marke von 4000 Punkten gefallen ist, deren Überspringen Präsident Lee in seiner Rede noch feierte, tut der überdurchschnittlichen Entwicklung südkoreanischer Aktien keinen Abbruch.
Vier Faktoren sorgen für die gute Kursentwicklung, die erst im Mai dieses Jahres so richtig begonnen hat – und ihre Analyse ist zur Klärung der Frage zentral, ob das Seouler Börsenmärchen seinen Höhepunkt bereits erreicht hat oder nicht.
Erstens: KI-Boom auf südkoreanisch
Südkoreas Unternehmen haben traditionell in der Chipfertigung einen Schwerpunkt – und im Sog des Booms um Künstliche Intelligenz (KI) werden die Aktien von Chipherstellern auf neue Kurshöhen gehoben. Das beste Beispiel dafür ist SK Hynix. Der Börsenkurs des Halbleiterunternehmens hat sich seit Jahresbeginn mehr als verdreifacht. Ein bemerkenswerter Anstieg, nachdem die Aktie über Jahre vor sich hingedümpelt hat. SK Hynix wird unter anderem OpenAI mit Chips für dessen Stargate-Rechenzentrumsprojekt beliefern.
Auch Südkoreas Marktführer Samsung Electronics beliefert OpenAI und profitiert vom KI-Boom. Die Aktie ist seit Jahresbeginn um mehr als 80 Prozent gestiegen. Samsung Electronics und SK Hynix machen fast ein Drittel des Kospi aus – und ziehen auch den Gesamtindex nach oben.
Finanzmarktexperten wie Dina Ting von Franklin Templeton sehen in der großen Nachfrage nach KI-Infrastruktur einen der Haupttreiber für die Kursrally in Südkorea. Beschleunigt wurde die Kursentwicklung, nachdem klar geworden war, dass südkoreanische Exporte in die USA keinem Zollsatz von 100 Prozent unterliegen, wie zunächst befürchtet. Mit einer goldenen Krone als Gastgeschenk versuchte Präsident Lee unlängst US-Präsident Donald Trump weiter gütig zu stimmen.
Auch Batteriehersteller wie Samsung SDI und LG Energy Solution profitieren vom Energiehunger der KI-Anbieter. Die Aktie von LG Energy Solution hat erst vor wenigen Wochen in diesem Zug stark zugelegt. Auf Jahressicht ist sie um gut 25 Prozent gestiegen.
Künstliche Intelligenz und Halbleiter gehören für die südkoreanische Regierung zu den zentralen Branchen, die sie unterstützen will, um die Wirtschaft für die Zukunft zu stärken.
Zweitens: Sicherheit als Topthema an der Börse
Was Europa derzeit mit Rüstungsaktien erlebt, geschieht auch in Südkorea. Denn das Land hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Rüstungsexporteure der Welt entwickelt. Die Aktie von Hanwha Aerospace etwa ist seit Jahresbeginn um fast 180 Prozent gestiegen, der Kurs von LIG Nex 1 um mehr als 80 Prozent.
Auch der koreanische Schiffbau, eine weitere Kernbranche der Wirtschaft, auch aus strategischer Sicht der koreanischen Regierung, profitiert von der weltweiten Aufrüstung. Insbesondere der Ausbau der US-Marineflotte wird als Chance gesehen. Anbieter HD Korea Shipbuilding & Offshore Engineering hat seinen Börsenkurs seit Jahresbeginn um mehr als 80 Prozent gesteigert, Samsung Heavy Industries sogar um mehr als 120 Prozent.
Drittens: Koreanische Aktien als Schnäppchen
Die enormen Kursgewinne in diesem Jahr erklären sich aber auch daraus, dass koreanische Aktien im internationalen Vergleich enorm niedrig bewertet waren. In den vergangenen Jahren notierten die Aktien im Kospi im Schnitt sogar unter dem Buchwert der Unternehmen.
Auch nach dem rasanten Kursanstieg liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis im Kospi noch bei unter 15, was moderat ist, gerade im Vergleich zu US-Börsen.
Viertens: Regierung stärkt Aktionärsrechte
Das laufende Jahr war zudem eines, in dem die südkoreanische Regierung durch Reformen der Regeln für gute Unternehmensführung (Corporate Governance) und Gesetzesänderungen die Rechte von Aktionären stärkte. Das war auch nötig. Unter anderem sollen Minderheitsaktionäre, die in Südkorea lange als benachteiligt galten, eine bessere Stellung bekommen. Auch die Steuer auf Dividendeneinnahmen soll gesenkt werden. In Japan haben ähnliche Verbesserungen der Corporate Governance dem Aktienmarkt auch langfristigen Auftrieb gegeben.
Schaut man sich diese Gründe an, scheint die jüngste Börsenrally recht nachvollziehbar. Optimisten führen an, dass bisher fast ausschließlich institutionelle Investoren hinter den Aktienkäufen stehen. Privatinvestoren seien noch gar nicht recht aufgesprungen auf die Rally. Zudem sehen sie die weltweite Aufrüstung als mittelfristigen Unterstützungsfaktor für die Aktienkurse.
Wer sich für südkoreanische Aktien interessiert, sollte allerdings berücksichtigen, dass vor allem der KI-Boom für die Kursentwicklung als verantwortlich gilt. In den vergangenen Tagen sind die Kurse deutlich gefallen und die Volatilität deutlich gestiegen. Und wenn sich die Stimmung am Aktienmarkt dreht, könnte dies dem Börsenmärchen von Seoul eine böse Wendung geben.