Beyond the obvious: Die nächste Finanzkrise geht von den Staatsschulden aus
Die Welt versinkt in Schulden. In den ersten drei Quartalen 2025 sind laut Global Debt Monitor des Institute of International Finance (IIF) die weltweiten Gesamtschulden um mehr als 26 Billionen US‑Dollar auf knapp 346 Billionen Dollar gestiegen, das entspricht rund 310 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Der Löwenanteil stammt aus den Industrieländern, allen voran die USA und China, aber auch Frankreich, Deutschland und Großbritannien tragen kräftig dazu bei.
Dabei treibt nicht der Privatsektor die Verschuldung, sondern die Staaten. Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) dürften die Staatsschulden der entwickelten Volkswirtschaften bis 2030 auf durchschnittlich knapp 120 Prozent des BIP steigen. Nicht wenige Staaten weisen schon heute Schuldenniveaus auf, die früher nur nach Kriegen erreicht wurden. Ohne echte Konsolidierung könnte die Staatsverschuldung in den Industrieländern bis 2050 auf rund 170 Prozent des BIP steigen – selbst unter der optimistischen Annahme, dass die Zinsen dauerhaft unter den Wachstumsraten liegen.
Dies allein spricht bereits für eine zunehmende Instabilität in den Finanzmärkten und der Realwirtschaft, vor allem aufgrund des unweigerlichen Drucks auf die Zentralbanken, die Staaten zu finanzieren.
Doch damit nicht genug. Ende November 2025 hat Pablo Hernández de Cos, Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in einer bemerkenswerten Rede vor einer neuen Finanzkrise gewarnt. Ursächlich ist eine grundlegende Verschiebung der Staatsfinanzierung seit der globalen Finanzkrise: Banken wurden nach 2008 deutlich strenger reguliert und kapitalisiert.
Bilanzintensive Aktivitäten wurden zurückgefahren, „bilanzleichte“ Intermediation bevorzugt. Doch irgendwer musste die stetig wachsende Flut an Staatsanleihen doch kaufen, vor allem auch deshalb, weil die Nachfrage von Notenbanken anderer Länder nach der Beschlagnahmung der Vermögenswerte der russischen Notenbank ebenfalls deutlich zurückging.
Finanzkrise reloaded
In die Lücke sprangen unter anderem Hedgefonds. Diese verfolgen etwa sogenannte „Relative-Value“-Strategien, bei denen sie Staatsanleihen kaufen und zugleich auf Termin verkaufen und die minimale Preisdifferenz mit extrem hoher Verschuldung „hebeln“. Solange die Refinanzierung gesichert ist, wirkt das wie ein risikoloses Zinsdifferenzgeschäft.
Genau hier liegt das systemische Risiko: Kommt es zu Marktstress, drehen sich die Parameter schlagartig: höhere Eigenmittelanforderungen und Rückzug der Kreditgeber. Die Folge sind Zwangsliquidationen, die gerade jene Märkte destabilisieren, die eigentlich als sicherer Anker gelten sollen – nämlich die Staatsanleihemärkte.
Eine bezeichnende Episode gab bereits im März 2020 einen Vorgeschmack: Höhere Eigenmittelanforderungen bei Termingeschäften mit US-Staatsanleihen zwangen Hedgefonds, Positionen abrupt abzubauen. Ausgerechnet US‑Staatsanleihen, der globale „sichere Hafen“, erlebten massive Turbulenzen. Die Notenbank musste einschreiten und den Markt mit Liquidität fluten, um den Kollaps zu verhindern.
Die klassische Antwort auf Marktstress – die Notenbank als „Lender of Last Resort“, als Kreditgeber letzter Instanz – wird zunehmend problematisch. Jede Rettungsaktion stabilisiert zwar kurzfristig, erhöht aber den Anreiz, noch höhere Risiken einzugehen und noch größere Hebel anzusetzen. Nun droht im Unterschied zu 2020 jede Intervention, das Inflationsrisiko zu erhöhen – und damit auch den Stress im Staatsanleihemarkt.
Die Finanzkrise 2008 ist ein Kindergeburtstag
Die BIZ fordert deshalb eine strengere Regulierung und einen Sanierungskurs für die Staatsfinanzen. Realistisch betrachtet ist jedoch wenig Bereitschaft zu erkennen, diesen Weg konsequent zu gehen. Steuererhöhungen sind unpopulär, Ausgabenkürzungen noch unpopulärer, echte Strukturreformen dauern länger als eine Legislaturperiode.
So könnte sich Geschichte auf tragische Weise wiederholen: In den Jahren vor der Finanzkrise warnte die BIZ ebenfalls und fand kein Gehör. Die Finanzkrise kam und ist ein wesentlicher Grund für schwächeres Wirtschaftswachstum und hohe Staatsverschuldung.
Eine erneute Finanzkrise, die ihren Ausgangspunkt in der Staats- und nicht wie damals in der Privatverschuldung hat, würde die Krise von 2008 wie einen Kindergeburtstag aussehen lassen.