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GastkommentarZwang zur energetischen Sanierung beruht auf falscher Annahme

Die aufwendige Isolierung von Gebäuden bringt in der Praxis kaum Energieeinsparung, weil die Rechnung ohne das Heizverhalten der Bewohner gemacht wird, erläutert Daniel Stelter. 17.04.2024 - 15:00 Uhr
Gebäudedämmung: Teure Sanierung. Foto: imago/Rainer Weisflog

Die Regierenden in Brüssel und Berlin gefallen sich in der Rolle der Gestalter, der Manager von Wirtschaft und Gesellschaft. Ihr Selbstverständnis ist, dass nur sie in der Lage sind, die Transformation zur Klimaneutralität zu gestalten. Sie misstrauen dem Markt und meinen, Bürger und Unternehmen könnten oder wollten die Konsequenzen ihrer Entscheidungen nicht überblicken.

Statt auf Preissignale zu setzen – wie einen planmäßig steigenden Preis für CO2-Emissionen – setzt man auf Vorschriften und Verbote: Verbrenner dürfen demnächst nicht mehr verkauft werden, Häuser sind mit Wärmepumpe zu beheizen und Gebäude auf ein festgelegtes energetisches Niveau zu sanieren. Ganz so, als könnten die Betroffenen nicht rechnen und würden mutwillig Geld verbrennen und das Klima schädigen.

Nach den Vorstellungen des EU-Parlaments soll der Energieverbrauch von Wohngebäuden durch die neue „Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden“ (EPBD) bis 2030 im Schnitt um 16 Prozent und bis 2035 um 20 bis 22 Prozent sinken. Erreicht werden soll dieses Ziel durch eine Sanierung der 16 Prozent ineffizientesten Gebäude eines Landes, die in der sogenannten Energieeffizienzklasse „G“ eingestuft sind.

Der Autor: Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums beyond the obvious, Unternehmensberater und Autor. Jeden Sonntag geht auf www.think-bto.com sein Podcast online. Foto: Robert Recker/ Berlin

Man unterstellt, dass durch eine solche Sanierung – inwiefern diese freiwillig bleibt, ist noch unklar – der Energieverbrauch und damit der CO2-Ausstoß des Gebäudesektors deutlich sinkt. Die Realität könnte anders aussehen. Eine Reihe von Studien hat sich mit der Frage befasst, wie es um den tatsächlichen Energieverbrauch von Gebäuden steht. Die Erkenntnis: Es gibt einen erheblichen Unterschied zwischen dem gemäß Energieeffizienzklasse modellierten Energieverbrauch, der davon ausgeht, dass alle Häuser auf eine bestimmte Innentemperatur beheizt werden, und dem tatsächlich gemessenen Energieverbrauch.

Es zeigt sich:

  • Erstens ist der modellierte Energieverbrauch insgesamt höher als der gemessene tatsächliche Energieverbrauch.
  • Zweitens verbrauchen die energieeffizientesten Häuser häufig mehr Energie als vorhergesagt.
  • Drittens verbrauchen die am wenigsten energieeffizienten Häuser sehr viel weniger Energie als unterstellt.

Die Kombination des zweiten und dritten Punktes bedeutet, dass der Unterschied im tatsächlichen Energieverbrauch zwischen gut und schlecht isolierten Häusern viel geringer ist als bei den Berechnungen zum Nutzen von energetischer Sanierung unterstellt.

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Abspielen 01:34:38

Im Vereinigten Königreich beispielsweise haben Studien gezeigt, dass der gemessene Gasverbrauch über alle Energieeffizienzklassen hinweg fast immer innerhalb des für Klasse C unterstellten Bereichs liegt. Besonders deutlich ist der Unterschied zwischen modelliertem und tatsächlichem Verbrauch in der schlechtesten Energieklasse. Der tatsächliche Energieverbrauch der Klasse G liegt ungefähr auf dem Niveau der Klasse C und nur wenig höher als in den Klassen A und B. Erzwingt man hier also eine Sanierung, dürfte sich am Energieverbrauch wenig ändern.

Offenbar sind sich die Bewohner von Wohnungen mit sehr schlechter Energieeffizienz durchaus bewusst, dass es extrem teuer wäre, ihre Wohnungen auf eine mollige Temperatur zu bringen. Sie tragen stattdessen einen dickeren Pullover als Bewohner von gut isolierten Wohnungen. Sie nutzen und heizen vielleicht auch im Winter nicht alle Räume.

Würden es die Bewohner oder Eigentümer für sinnvoll erachten, stattdessen das Haus besser zu isolieren oder die Heizung zu tauschen, würden sie es wohl auch tun, so sie es sich leisten können. Dann würden sie aber auch den Thermostat höher drehen, sich weniger warm anziehen und durchgängig alle Räume heizen. Diese Erkenntnis spricht im übrigen dafür, auf eine Beteiligung der Vermieter an den Kosten des CO2-Preises zu verzichten, damit der Anreiz zum Energiesparen erhalten bleibt.

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Klarer kann man nicht zeigen, dass der Markt gerade beim Thema Klimaschutz funktioniert. Planbarer CO2-Preis, Steuersenkung und Klimageld würden zur Zielerreichung genügen. Zugleich entfielen Bürokratie und komplizierte Gesetze. Ganz zu schweigen von vielen sinnlosen Talkshows, in denen über noch sinnlosere Einzelmaßnahmen und -vorschriften diskutiert wird.

Erstpublikation: 14.04.2024, 12:02 Uhr.

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