Globale Trends: Stau im Welthandel löst sich langsam auf – wenn Omikron nicht dazwischen kommt
Handelsblatt-International-Correspondent Torsten Riecke analysiert jede Woche in seiner Kolumne interessante Daten und Trends aus aller Welt. Sie erreichen ihn unter riecke@handelsblatt.com.
Foto: Klawe RzeczyWer die Lage des Welthandels am Zustand der Welthandelsorganisation misst, könnte leicht in eine Dauerdepression verfallen: Die WTO hat gerade ihr für diese Woche geplantes Ministertreffen erneut verschoben. Wie bereits im Juni vergangenen Jahres machte die Coronapandemie der Genfer Organisation auch jetzt wieder einen dicken Strich durch die Anreisepläne der Vertreter der 164 Mitgliedsländer.
Damit bleibt die WTO auch weiterhin eine Dauerbaustelle mit all den ungelösten Problemen vom Streit über die Impfstoffpatente über die blockierten Schiedsgerichte bis hin zum schwelenden Konflikt über einen CO2-Grenzausgleich zum Klimaschutz.
Die WTO ist gelähmt, der Welthandel ist es nicht. Nach zwei Jahren Pandemie zweit sich der internationale Warenaustausch viel robuster, als viele Experten das angesichts der globalen Lieferengpässe befürchtet hatten: Der internationale Güterverkehr ist nach Berechnungen der Welthandelsorganisation auf dem besten Wege, auf seinen Aufwärtstrend vor der Pandemie zurückzukehren.
Der Welthandel erholt sich damit schneller als die globale Produktion. Und auch die Flaschenhälse der globalen Lieferketten öffnen sich langsam. „Die Engpässe haben immer noch ein hohes Niveau, aber wir haben das Schlimmste hinter uns“, sagt Stephan Kooths, Ökonom und Leiter des Prognosezentrums im Kieler Institut für Weltwirtschaft. Der vom IfW monatlich herausgegebene „Kiel Trade Indicator“ bestätigt den Aufwärtstrend.
Tatsächlich mehren sich die Anzeichen dafür, dass sich der Stau im Welthandel in den nächsten Monaten auflösen könnte. Die Wartezeiten vor den großen Seehäfen der Weltwirtschaft werden kürzer. Die Kosten für einen Containertransport über den Pazifik sind innerhalb von einer Woche um ein Viertel gefallen.
Auch auf den anderen Weltmeeren zeigt der Preistrend nach unten. Die meisten Läger des Einzelhandels sind zu Beginn der Weihnachtssaison gut gefüllt, auch wenn es bei einzelnen Produkten noch immer zu Engpässen kommen kann. Wir tun deshalb gut daran, angesichts den neuen Corona-Variante nicht gleich in Panik zu verfallen.
„Es wird Druck vom Preisventil genommen
Zumal die Weltwirtschaft vom Handelsfluss profitiert: „Es wird Druck vom Preisventil genommen“, sagt der IfW-Ökonom Kooths, „das verringert auch den Inflationsschub.“ Und noch eines lässt sich aus den Statistiken des Warenverkehrs ablesen: Die Pandemie hat zwar das Tempo der Globalisierung verringert, die befürchtete De-Globalisierung ist bislang jedoch ausgeblieben.
Die meisten Unternehmen halten an der internationalen Arbeitsteilung fest. Das heißt nicht, dass die aktuellen Handelskonflikte und die politischen Forderungen nach strategischer Autonomie bis hin zum „Decoupling“ nur leere Drohungen sind. Es dauert nur viel länger als gedacht, bis sich solche strukturellen Änderungen in den Statistiken zeigen.
Von einer Normalisierung ist der Welthandel allerdings noch ein gutes Stück entfernt. Weitere acht Monate könne es dauern, bis sich die Engpässe bei den globalen Lieferketten aufgelöst haben, sagt Ökonom Kooths voraus. Bei Nahrungsmitteln, Metallen und Textilien könnte es etwas schneller gehen, Chemie- und Automobilkonzerne müssen vermutlich noch etwas länger warten. Die Frachtraten für Container im Überseeverkehr werden nach Voraussage der Marktforscher von Sea-Intelligence in Kopenhagen sogar erst in zwei Jahren wieder auf das Niveau vor der Pandemie gesunken sein.
Beitragen zur langsamen Erholung dürfte auch, dass die Verbraucher voraussichtlich im kommenden Jahr zu ihrem normalen Konsumverhalten zurückkehren. Während der Pandemie hat sich die private Nachfrage stark auf langlebige Konsumgüter verschoben. Der Wunsch nach Dienstleistungen wie etwa Reisen, Restaurant- und Kulturbesuche musste im Lockdown warten. Dieser Nachfrageschwenk hat nicht nur die Lieferengpässe bei langlebigen Konsumgütern verstärkt, sondern auch deren Preise stark in die Höhe getrieben. „Wir rechnen auch hier mit einer Normalisierung“, sagt Kooths. Auch in der Inflationsdebatte sollte man deshalb genau hinschauen, welche Güter warum teurer geworden sind.
Blick auf Container im Hafen von Liverpool. Derzeit bestehen im Welthandel zahlreiche Engpässe, die sich überwiegend auf die Corona-Pandemie zurückführen lassen.
Foto: dpaDer IfW-Forscher und andere Ökonomen warnen allerdings vor Rückschlägen. Eine Verlängerung der Pandemie durch die jetzt aufgetauchte Omikron-Variante könnte auch die Erholung des Welthandels und die Staus in den Häfen weiter in die Länge ziehen. Die Volkswirte der britischen Großbank HSBC rechnen für diesen Fall frühestens Ende nächsten Jahres mit einer Besserung bei den Lieferketten.
Die Welthandelsorganisation wagt inzwischen gar keine Prognose mehr. Sie ließ die Frage, wann das jetzt abgesagte Ministertreffen der WTO nachgeholt werden soll, einfach offen.