Kolumne „Out of the box“: Von Paris lernen heißt siegen lernen
Seit ihrer Wiederbelebung durch Pierre de Coubertin 1894 sind die Olympischen Spiele die kostspieligste Form nationaler Selbstdarstellung geworden. Ein globaler Imagewettkampf, um den Ansehenswert für Land und Leute zu steigern. Geschätzte 15 Milliarden Euro (Paris) und 45 Milliarden Euro (Peking) kostet die Ausrichter dies Vergnügen. Genützt hat es meist wenig. Was ist der Welt im Kopf geblieben aus Tokio, aus Rio oder Beijing?
Die Images sind austauschbar. Eine Inszenierung des Ewiggleichen. Alle Jahre wieder dasselbe Muster: der farbenfrohe Einzug der Nationen im Rund des Stadions, die salbungsvollen Worte der Funktionäre und Präsidenten, die Flamme, die das Feuer entzündet. Das ist das Problem. Der Mut, aus bekannten Mustern auszubrechen und Neues zu wagen, lässt proportional zur Höhe der Investitionen nach – in Organisationen wie in Unternehmen.
Der Startschuss jedes Fortschritts ist die Befreiung aus etablierten Mustern. „Vive la liberté“ gedanklich und räumlich, auch für die Eröffnungszeremonie. Statt 60.000 Auserwählte wie die letzten hundert Jahre in ein Stadionrund zu pferchen, erklärte sich Paris selbst zur Spielstätte. Mitten im Herzen der Metropole hatten die medialen Stammspieler Eiffelturm, Versailles, Louvre, Seine und Co. ihren Auftritt.
So haben wir Olympia noch nie gesehen. Das zahlt sich aus. Mehr als zehnmal so viele Menschen konnten so live am Ort des Geschehens und Staunens dabei sein – dem strömenden Regen zum Trotz. In Deutschland verfolgten mehr als zehn Millionen TV-Zuschauer die Feier.
Dieser Auftakt war wagemutig und unkontrollierbar. Eine Inszenierung entlang der Seine öffnete mit der Vielzahl seiner Orte dem Chaos und der Unkalkulierbarkeit Tür und Tor. Das muss man sich erst einmal trauen. Risiko ist ein Zeichen für Veränderungskraft.
Mut zur Veränderung à la Pariser Art
Paris hat sich in unbekanntes Gewässer gewagt, hat Gesprächsstoff geschaffen und mit Dragqueens als da Vincis „Das letzte Abendmahl“ eine Welle der Empörung ausgelöst. Kreativität, die unsere gelernte Sichtweise verlässt, ruft in Sekundenschnelle Widerwillen hervor, meist aus der Ecke der Starrsinnigen – Donald Trump war wie erwartet vorne mit dabei.
Was als Shitstorm daherkommt, ist in diesem Fall eine Form von Wachstumsschmerz: das Vorstellungsvermögen wird gedehnt, so beginnt kultureller Fortschritt.
Kreative Schöpfungen auf öffentlicher Bühne werden liebend gern verrissen und erst Jahre später über den grünen Klee gelobt. Citizen Kane wurde bei den Oscars ignoriert, Johann Sebastian Bachs Musik erst ein Jahrhundert nach seinem Tod weltweit gefeiert, und Vincent Van Gogh verkaufte zu Lebzeiten genau ein Gemälde. Allein der Mut, dies vor den Augen der ganzen Welt live und ohne doppelten Boden gewagt und getan zu haben, hat eine Medaille verdient. Und es hat etwas bewegt.
Frankreich hat die Olympiade zu einem Erweckungserlebnis für die Sinne und den Sinn, den Menschen und die Kultur gemacht und der Welt eine kreative Lektion erteilt. Wir werden uns auch nach Paris an Paris erinnern.
Natürlich sind einige Dinge schiefgelaufen, der Fluss in der Mitte der Stadt ist nicht sauber geworden, und außer der Bürgermeisterin würde niemand freiwillig hineinspringen. Dennoch machen die investierten 1,4 Milliarden Euro zur Wasserqualität vermutlich einen nachhaltigeren Unterschied, als es jedes neue Schwimmbecken könnte.
Die Franzosen haben die Olympischen Spiele verändert, neue Gestaltungsräume geschaffen und nebenbei das olympische Feuer neu erfunden. Paris hat die große Bühne genutzt und mit menschlichen Momenten gefüllt, einem hundertjährigen Olympioniken, und den gelähmten paralympischen Tennisspieler Kevin Piette dank moderner Technologie namens Exoskelett als Fackelläufer gewonnen.
Sie haben die Spiele nicht nur in die Stadt, sondern zurück ins Leben geholt. Die Welt liebt Paris. Und selbst die revolutionsfreudigen Ureinwohner der Metropole blicken in diesen Tagen mit Freude auf ihre Stadt und die Spiele. Wir sehen Frankreich, Paris und die Spiele mit anderen Augen. Freiheit, Wagemut und Menschlichkeit sind das Motto, um Veränderung und Fortschritt zu schaffen – für Organisationen und Unternehmen. Paris hat dafür Gold verdient.