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Kolumne „Out of the box“Das Biden-Syndrom in der Wirtschaft

Viele Führungskräfte klammern sich trotz schwindender Fähigkeiten an die Macht. Das verwandelt ihre großen Erfolge in bittere Niederlagen, meint Frank Dopheide. 09.07.2024 - 16:57 Uhr
Frank Dopheide ist Gründer und Geschäftsführer der Unternehmensberatung human unlimited, die sich auf das Thema „Purpose“ spezialisiert hat. Zuvor war er unter anderem Sprecher der Geschäftsführung der Handelsblatt Media Group und Chairman von GREY Worldwide. Foto: Klawe Rzezcy, Getty Images

Joe Biden ist der 46. amtierende Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Mit 81 Jahren steht er vor dem Ende seiner Karriere und mit dem Rücken an der Wand. Im Kampf um das mächtigste Amt der Welt denkt er, trotz unübersehbarer Konzentrationsschwäche, nicht an Rückzug. „Nur Gott kann mich stoppen“, sagt Biden und verbreitet damit Entsetzen statt Zuversicht.

Diese Kombination aus Altersstarrsinn und schlechtem Timing raubt Parteifreunden und Unterstützern in aller Welt den Schlaf. Vermutlich schadet er damit seinem Land, seiner Partei, der Ukraine, der westlichen Welt und sich selbst.

Fünf Jahrzehnte politischer Lebensleistung verblassen unter seinem altersschwachen Ende. Biden führt gute Gründe für sein Beharren ins Feld. Er sei der Titelverteidiger, kenne das politische Geschäft besser als jeder andere und habe eine historische Aufgabe zu lösen: Donald Trump vom Weißen Haus fernzuhalten.

Sein Vermächtnis droht nun keine Erfolgsgeschichte, sondern ein Trauerspiel, im schlimmsten Fall eine Tragödie zu werden. Vierzig Jahre als Senator, acht Jahre als Vizepräsident und vier Jahre im mächtigsten Amt der Welt brennen sich weniger ins Gedächtnis ein als ein letzter müder CNN-Auftritt. Wie in der Literatur entscheidet das letzte Kapitel die Qualität der Geschichte. Das unterscheidet eine Biografie vom Bewerbungsschreiben: nicht der erste, sondern der letzte Eindruck zählt.

Mit seinem Beharrungswillen ist Joe Biden allerdings nicht allein in der Welt. Auf höchster Karrierestufe ist der Unterschied von Eigen- und Fremdwahrnehmung besonders ausgeprägt. Wie einst Josef Ackermann, ehemals Chef der Deutschen Bank, mir sagte: „Sie treffen immer zwei Flaschen in ihrem Leben – ihren Vorgänger und ihren Nachfolger“. Ein amüsantes Bonmot, das tiefe Wahrheit in sich trägt.

Der Preis des Nicht-Loslassens

Große Erfolgsgeschichten gehen im letzten Kapitel gründlich schief und verhageln die Lebensbilanz. Selbst Jogi Löw, Deutschlands höchster Sympathieträger, der das Land zum Weltmeistertitel führte, in ein Fahnenmeer verwandelte und dabei selbst die Kanzlerin auf den Rängen zu Freudensprüngen hinriss, musste später krampfhaft vom Spielfeld gedrängt werden.

Durch seine fehlende Auswechselbereitschaft ist die Mannschaft, der deutsche Fußball und die eigene Reputation in den Abstiegsstrudel geraten. Alle haben verloren. In der Welt der Wirtschaft ist dieses Verhalten ebenso bekannt. Besonders gefährdet scheinen hier die Familienunternehmen. Kaum ein*e Unternehmer*in, ob lokal oder Weltmarktführer*in, zieht sich zurück, wenn das gesetzliche Rentenalter erreicht ist.

Sie haben eine Reihe guter Gründe dafür. Der Laden läuft. Man kennt das Geschäft aus dem Effeff und fühlt sich körperlich fit. Und überhaupt, was ist ein Leben ohne die Lebensaufgabe? Wer will sich schon mit dem eigenen Ende beschäftigen? Sich selbst aus dem Spiel zu nehmen, war nie Teil des Plans.

Ihr Lebensweg hat sie anders konditioniert. Dieser war steinig und nur durch maximalen Einsatzwillen und Durchhaltewillen zu bewältigen. Oben angekommen haben sie gelernt, dem ständigen Gegenwind selbst bei Orkanstärke und Blitzeinschlägen zu trotzen. Disziplin und Resilienz halfen, auf Flughöhe zu bleiben und nicht ins Trudeln zu geraten. Das Landemanöver war nie Teil des täglichen Denkens. Nur Gott kann sie stoppen.

Wenn die Welt und die Märkte verrücktspielen, helfen die Erfolgsrezepte von gestern nicht weiter – sie werden zu einer Gefahr.
Frank Dopheide
Unternehmensberater

Wer bereitet die Vorzeigeunternehmer*innen auf die Landung vor? Gerade in einem Umfeld, in dem Loyalität und Integrität das höchste Gut sind. Wer hat die Kraft und das Vertrauen, das schwierigste aller Themen auf den Tisch zu bringen, ohne den eigenen Kopf in die Schlinge zu hängen? Ob Demokraten, DFB oder der Beirat, dieses Thema scheint unaussprechlich.

So ist der Amtsinhaber nicht gut auf seinen Abgang vorbereitet, weder mental noch handwerklich. Je unantastbarer die Personen und je unaussprechlicher der Gedanke, desto größer die Gefahr und der Kollateralschaden. Wir erinnern uns an die Hängepartie um die Nachfolge des achtzigjährigen Vorzeigeunternehmers Hasso Plattner – Jahr für Jahr für Jahr.

In einer Zeit, in der die Märkte, die Bedürfnisse der Zielgruppe und die Vertriebswege stabil sind, helfen Erfahrung und alte Netzwerke. Wenn jedoch die Welt und die Märkte verrücktspielen, helfen die Erfolgsrezepte von gestern nicht weiter. Im Gegenteil, sie werden zu einer Gefahr. Dann braucht es auch auf dem Chefsessel einen Gedankensprung.

Steve Ballmer hat nach 34 Jahren Microsoft seinen Chefsessel freiwillig geräumt, die Zahlen und die Entscheidungen waren mit den Jahren schlechter geworden. Satya Nadella übernahm und brachte frischen Wind und frisches Denken in den Konzern. Er öffnete die Vorstellungskraft und Türen.

Plötzlich stand Microsoft Office nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses, sondern die Cloud-Lösungen. Plötzlich waren neben Microsoft auch andere Marken im Konzern denkbar: Skype, LinkedIn und Xbox. Künstliche Intelligenz und OpenAI halfen, neue Fantasie in die Geschichte und an die Börse zu bringen. Microsoft überholte Apple und wurde zum wertvollsten Unternehmen der Welt.

Im Sport ist es offensichtlich, Schnelligkeit und Beweglichkeit lassen nach, das Spielsystem ändert sich, die Höchstleistung ist nicht mehr abrufbar. Gleiches gilt in der Wirtschaft. Hier hilft kein Blick auf die Stoppuhr, sondern in den Spiegel, von außen und in die Gesichter der engsten Vertrauten. Das gilt für Nationaltrainer, Manager und sogar den Papst, wie wir bei Benedikt gesehen haben.

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Die Entscheidung liegt ganz bei ihnen. Spitzenkräfte, die den Leistungsabfall erkennen, sichern sich einen Vorteil: Sie behalten den Stift in der Hand, um ihr Schlusskapitel selbst zu schreiben. Sie sorgen eigenhändig dafür, dass ihr Leben als Erfolg in die Geschichte eingeht. Ende gut, alles gut.

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