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Kolumne „Out of the box“Die Steigerung von Effizienz heißt Ende

Um den Börsenkurs zu steigern, legen viele Unternehmen den Fokus auf Effizienz – doch nicht nur Boeing ist damit zuletzt gescheitert. So geraten sie in ihre eigene Kostenoptimierungsfalle, beschreibt Frank Dopheide. 14.05.2024 - 16:54 Uhr
Frank Dopheide ist Gründer und Geschäftsführer der Unternehmensberatung Human Unlimited.  Foto: Klawe Rzezcy, Getty Images

Unsere Ressourcen sind begrenzt, als Mensch, als Unternehmen und auch als Himmelskörper. Da ist es im Interesse aller, höchst effizient zu agieren bei allem, was wir so tun. Folgerichtig ist das Effizienzstreben zum intellektuellen Lieblingssport von Managern geworden.

Unablässig drehen sie an der Schraube, um die Mitarbeiter, die Produktion oder den Einkauf zu optimieren – meist mit dem Ziel, die Profitabilität zu steigern. Doch Vorsicht! Wir können die Effizienzschraube auch überdrehen, wie uns Boeing lehrt. Ein Absturz auf höchstem Börsenniveau.

Dabei hätte gerade ein Flugzeugbauer das vorhersehen können. Denn in der Luftfahrt lauert die verhängnisvolle „Coffin Corner“. Sie ist ein Naturgesetz und sehr tückisch. Sie besagt: Mit steigender Flughöhe wird die Luft dünner, damit sinkt der Luftwiderstand. Und das rechnet sich für Flugunternehmen gleich doppelt: Die Maschine braucht weniger Kerosin und sie fliegt schneller. Je höher, desto effizienter, eigentlich eine einfache Formel.

Aber mit der Höhe wird auch der Auftrieb geringer. Um das Flugzeug am Himmel zu halten, muss der Pilot die Geschwindigkeit deutlich steigern, sonst drohen Strömungsabriss und Absturz. Das Risiko steigt überproportional. Es gibt kaum eine Möglichkeit, auf unvorhergesehene Ereignisse zu reagieren.

Dieses Prinzip gilt auch bei der Unternehmenssteuerung, wie uns Boeing auf dramatische Weise vor Augen führt. Mit der Übernahme von McDonnell Douglas mussten die Ingenieure ihre Vorstandssessel für die Finanzexperten räumen. Diese übernahmen die Steuerknüppel, trieben die Kosten nach unten und die Unternehmensergebnisse nach oben.

Boeings schneller Fall, der lange anhält

Statt Produktentwicklung kam vor allem die Kursentwicklung auf den Radar. Der Weg hieß: maximale Effizienz. Alles konnte mit deutlich weniger Aufwand betrieben werden. Mit jeder Entscheidung wurden die Unterlegscheiben, die Luft und die Personaldecke dünner. Statt der üblichen fünfzehn Sicherheitsbeauftragten war bald nur noch einer pro Schicht in der Halle zu finden. Die Warnungen der Ingenieure wurden ignoriert und unter Starrsinn verbucht. Die Qualität war im Sinkflug, die Aktienkurse stiegen.

Dann brachte der Wettbewerber Airbus seinen Bestseller A320 auf den Markt. Statt diesem ein neu entwickeltes Modell entgegenzusetzen, entschied sich das Boeing-Management, spritsparende Turbinen unter das bewährte Modell 737 zu schrauben. Das war schneller und günstiger. Allerdings war dieser Flugzeugtyp nicht für derart große und schwere Antriebe konzipiert.

Hundertprozentige Sicherheit ist eine kostspielige Sache. Vermutlich kam die Konzernleitung zu dem Schluss, 97 Prozent sicher sei sicher genug. Und schickte die 737 Max in die Lüfte, wohl wissend, dass alle zwei Jahre eines dieser Flugzeuge in akute Probleme und Absturzgefahr geraten könnte, wie interne Dokumente zeigen.

Es geschah wie vorausberechnet. 2018 und 2019 stürzten zwei 737 Max ab. 346 Menschen kamen zu Tode. Der Konzern wurde mit Flugverboten und einer Zwei-Milliarden-Dollar-Strafe belegt. Eine Lawine nicht enden wollender Probleme und Prozesse rollte über das Unternehmen. Fünf Jahre später steckt Boeing immer noch in Turbulenzen.

Erst vor ein paar Wochen brach eine türgroße Abdeckung kurz nach dem Start aus dem Rumpf heraus und die 737 Max musste umkehren. Das Foto ging um die Welt. Der Vertrauensverlust bei Airlines, Flugpersonal und Passagieren ist kaum zu kalkulieren. Bei ihrer Erfolgsformel Effizienzsteigerung gleich Gewinnsteigerung hatte Boeing Optimum mit Maximum vertauscht.

Dabei ist Boeing ein besonders schwerer Fall, aber durchaus kein Einzelfall. Effizienzsteigerung zur Profitmaximierung gehört auch in Deutschlands Unternehmen zum Tagesgeschäft. Mitarbeiterabbau, Outsourcing, Cost-Cutting sind bewährte Manöver, um den Börsenkurs in neue Höhen zu treiben. So haben die Konzerne der ersten, zweiten und dritten Börsenliga kürzlich ihre Anteilseigner mit der höchsten Dividendenausschüttung aller Zeiten erfreut. Knapp 63 Milliarden Euro wurden ausgeschüttet.

Der Fokus auf Effizienz hat akute Kurzsichtigkeit zur Folge.
Frank Dopheide
Unternehmensberater

Gleichzeitig haben die Konzerne ihre Rückstellungen für Rechtsrisiken erhöht. Auf dem Weg zu immer neuen Gewinnsteigerungen wird die Luft dünner. Volkswagen ist eine Woche, nachdem das Unternehmen der größte Automobilhersteller der Welt wurde, in die Dieselabgasfalle geraten. Höchst effiziente Tricksereien haben VW viel Geld gespart, bis dies an die Öffentlichkeit geriet. Mehr als 30 Milliarden Euro Strafe und Entschädigungen  wurden bisher bezahlt – einige Prozesse stehen noch aus. Auch für den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden.

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Der Fokus auf Effizienz hat akute Kurzsichtigkeit zur Folge. So sind die Unternehmen in ihre selbst gebaute Kostenoptimierungsfalle geraten. Effizienz beschreibt das Drehen an den kleinen Rädchen, um das Ziel mit wenig Aufwand möglichst wirtschaftlich zu erreichen.

Der große Bruder, die Effektivität, ist dabei aus dem Blickfeld geraten. Zu Unrecht. Der Effektivität geht es darum, das große Rad zu drehen. Es gilt, das Ziel möglichst wirkungsvoll und vollständig zu erreichen. Die richtigen Dinge zu tun ist wichtiger, als die Dinge möglichst richtig und wirtschaftlich zu tun. Es rechnet sich auf lange Sicht immer.

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