Kolumne „Out of the box“: Vorsicht, chronische Transformitis!
„If change is happening faster on the outside, than on the inside, the end is in sight“, warnte schon Managerikone Jack Welsh. Doch wenn sich die Welt im 5G-Tempo wandelt, wird „Change-Management“ zum Rattenrennen.
Eine Restrukturierung jagt die nächste, alles im laufenden Betrieb, jedoch mit weniger Personal. Die Chefetage erhöht den Takt, den Druck und die Anzahl der Projekte. Es kommt zu chronischer Transformitis. Das bedeutet: Das Unternehmen ist erschöpft und „lost in transformation“.
Verschärfend kommt hinzu, Manager und Mitarbeitende leben in unterschiedlichen Zeitzonen. Was in Excel auf Tastendruck schnell geändert ist, dauert in der Realität ewig. Die Wirklichkeit läuft den Plänen stets hinterher. Die Schaltzentrale erhöht den Druck, was unmittelbar zu mehr Gegendruck der operativen Ebene führt. Man reibt sich aneinander auf. Das Vertrauen bröckelt und rieselt als Sand ins Getriebe. Jetzt wird es mühsam. Es kommt zum Ermüdungsbruch.
Die erste Bruchstelle einer funktionierenden Chef- und Mitarbeiterbeziehung ist meist der gesunde Menschenverstand. Die obere Etage rechnet sich die Zukunft schön und wechselt für die Planung in den Bereich der theoretischen Mathematik. Zielvorgabe und Realitätssinn begegnen sich nicht mehr.
Die Mitarbeitenden nehmen die Vorgaben kopfschüttelnd zur Kenntnis, aber nicht länger ernst. In diesem Moment wechselt der Fokus von Umsetzungswillen zur Trickkiste. Wenn die Pläne unerreichbar scheinen, wird die Energie auf das Werfen von Nebelbomben und Diskussionen um Zuständigkeiten verlagert.
Die Organisation, so scheint es, konzentriert sich mit Vorliebe auf die Produktion von Problemen. Leiden ist leichter als Handeln. Transformation führt nicht zur Verbesserung, sondern zur Verkrampfung.
Nur was hilft, damit Veränderungswille und -tempo hoch bleiben?
Sie sollten sich dafür Ihr Unternehmen nicht als Dampfmaschine vorstellen, die viel Druck im Kessel braucht, sondern als ein lebendiges Wesen. Die entscheidende Fähigkeit ist nicht die Kraft, sondern die Fitness. Die schnelle Erholungsfähigkeit nach Belastung macht den Unterschied.
Im Sport und im Unternehmen gilt: Für jede Form der Leistungssteigerung muss man raus aus der Komfortzone. Erst das Agieren im roten Bereich sendet die Wachstumsimpulse an den Organismus: Die Stärke, die Ausdauer und die Beweglichkeit nehmen zu.
Der Weg zu unternehmerischer Fitness
Was allerdings im Unternehmen oft übersehen wird: Der Muskelaufbau und Trainingsfortschritt finden in der Ruhephase statt. Eine zu hohe Taktung führt zu Leistungsverschlechterung und Verletzungen. Permanente energetische Überforderung kann Unternehmen auslaugen und energetisch gesehen ihren Verfall beschleunigen.
Um das Tempo zu erhöhen, müssen Unternehmen an ihrer Fitness arbeiten.
Die mentale Fitness macht dabei den Anfang. Es ist erfolgversprechender, Mitarbeiter hinter sich zu versammeln, als vor sich herzutreiben. Dafür braucht es den Sinn, das gemeinsame innere Anliegen um den Kampfgeist und den Durchhaltewillen zu stärken. Der Sinn ist übrigens keine Zahl.
Dann braucht es ein Krafttraining vor allem auf der Führungsebene und die Fähigkeit, die Stopptaste zu drücken. In jedem Unternehmen gibt es zahllose Projektzombies, die in den Tiefen der Organisation ungesehen ihr Dasein fristen und eine Menge Zeit und Energie fressen.
Hier braucht es die Kraft der finalen Entscheidung, die Stärke, um die Hand zu heben und vor aller Augen zu sagen: „Das war und wird nichts, darum beenden wir es.“ Diese Fähigkeit ist wenig trainiert, wirkt aber wie eine Sauerstoffdusche – alle atmen auf.
Etablieren Sie ein regelmäßiges Ausdauertraining für alle Mitarbeitenden.
Das wiederkehrende Dokumentieren und Zelebrieren des zurückgelegten Wegs und der erreichten Erfolge. Die kleinen Fortschritte machen die großen Energieschübe – wie jeder weiß, der schon mal drei Kilo abgenommen hat. Das Sichtbarmachen durch Zahlen, Fakten, Grafiken und vor allem „Signature Stories“ von glücklichen Kunden und vorbildlichen Kolleg*innen stärkt den Glauben und den Durchhaltewillen auf jeder Ebene.
Und zu guter Letzt stärken Sie die Resilienz jedes Mitarbeitenden. Hilfe zur Selbsthilfe. Ein paar wenige Übungen und Techniken genügen, um Mensch und Organisation widerstandfähiger zu machen. Kleinigkeiten wie die richtige Atmung, Momente der Stille und der Inspiration. Digital Detox, Schlaftracker und Co. machen einen spürbaren Unterschied, wenn sie im täglichen Miteinander ritualisiert und praktiziert werden.
Fangen Sie am besten gleich damit an, denn auch für Unternehmen gilt: „Mens sana in corpore sano“ – ein ausgeruhter und gesunder Körper ist das Fundament für einen optimal funktionierenden Geist.