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FührungWas sich die Chefetage von den Geisteswissenschaften abschauen sollte

Führungskräfte müssen menschlich sein – doch Pädagogen fehlen in Chefetagen. Mangelndes Menschenverständnis kostet. Wir müssen die Ausbildung der Führungsetagen neu denken, meint Frank Dopheide. 05.08.2025 - 18:24 Uhr Artikel anhören
Frank Dopheide ist Gründer und Geschäftsführer der Unternehmensberatung human unlimited, die sich auf das Thema „Purpose“ spezialisiert hat. Zuvor war er unter anderem Sprecher der Geschäftsführung der Handelsblatt Media Group und Chairman von GREY Worldwide. Foto: Klawe Rzezcy, Getty Images

Die Führungsetagen sind vornehmlich drei Berufsgruppen vorbehalten: den Betriebswissenschaftlern, den Ingenieuren und den Juristen. Wie es scheint, haben Pädagogen auf der obersten Führungsebene Aufenthaltsverbot. Was überrascht, könnte man doch meinen, Führung hat in erster Linie etwas mit Menschen zu tun.

Doch mit der Industrialisierung wurde der Mitarbeitende zum kleinen Rädchen im großen Getriebe und die Führungskraft zur Stellschraube, um den Druck und die Taktung hochzudrehen. Der engagierte Mitarbeiter strampelt sich durch fachliches Können nach oben und wird über Nacht zum Vorgesetzten mit Verantwortung für eine Handvoll Untergebene.

Da fängt das Problem schon an und setzt sich bis auf die oberste Ebene fort. Das Thema ist nicht neu, aber es gewinnt an Dramatik. Fehlendes Menschenverständnis kommt die Unternehmen und den Menschen teuer zu stehen.

Der Arbeitsausfall wegen psychischer Erkrankungen hat in Deutschland laut einer Krankenkasse stark zugenommen. Laut DAK-Gesundheit verursachten psychische Erkrankungen 342 Fehltage pro 100 Beschäftigte. Ganz vorne die Depression. Zwischen 37 Prozent (McKinsey) und 57 Prozent (DDI) der Mitarbeitenden kündigen wegen ihres Vorgesetzen. Auf 105 Milliarden Euro Produktivitätsverlust durch „innere“ Kündigung hat Gallup den wirtschaftlichen Schaden berechnet. Von allen Hebeln zur unternehmerischen Wertsteigerung ist der menschliche offensichtlich der Größte.

Nun wird unübersehbar, was immer schon erkennbar war: das tiefgreifende Unverständnis von Menschen und Pädagogik der Wirtschaftshochschulen und Ausbildungsstätten.
Ihr Eifer richtet sich darauf, Marktnachfrage zu schaffen, Trends zu bedienen und das Prestige zu wahren. Dabei haben sie vergessen, dass Bildung kein Toolset ist und Führung mehr als Management verlangt.

Statt Menschen zu entwickeln, die zu Weisheit, persönlicher Verantwortung und ethischer Urteilsfähigkeit fähig sind, produziert das Managementtraining engagierte Technokraten.

Menschenentwicklung ist eine höhere Form der Ausbildung. Es geht um Charakter, Formung, das menschliche Vermögen. Doch das bekommt keine Chance zu reifen. Dabei ist Persönlichkeitsentwicklung der Schlüssel für jede Form von Führung. Die bekannten Beratungen sehen das mechanistischer: „Leadership Pipelines“ und „Workforce Readiness“ sind ihr Verkaufsschlager. Human Resources als Legebatterie des Unternehmens.

Statt Menschen zu entwickeln, die zu Weisheit, persönlicher Verantwortung und ethischer Urteilsfähigkeit fähig sind, produziert das Managementtraining engagierte Technokraten. Funktionsträger, die darauf trainiert sind, Systeme zu optimieren, die sie weder in ihrer Tiefe durchdringen noch hinterfragen. Sie spielen das Spiel mit, geben Gas und den Druck nach unten weiter.

Die Ausbildung der Führungsmannschaft muss menschlicher werden. Sie darf nicht an Institute und Experten outgesourct werden, die nicht pädagogisch geschult sind und Humanwissenschaften für „weiche“ Qualitäten halten.

Ihre Konzepte wurden nicht entwickelt, um den Menschen zu stärken, sondern um Geschäfte zu machen, die Effizienzschraube zu überdrehen und Urkunden zu verteilen wie Trostpflaster. Sie versprechen „Resilienz“, ohne Trauma zu verstehen. Sie trainieren „Innovation“, ohne je eine eigene Idee gehabt zu haben. Sie verkaufen „Purpose“, ohne den Sinn und die Sinnlichkeit des täglichen Tuns je am eigenen Leib gespürt zu haben.

Kolumne „Out of the box“

Es ist nicht der unbeliebte Chef, der am Ende gewinnt

Die Wirtschaft blickt lächelnd auf die Geisteswissenschaften herab. Jene Denkschulen, die Reflexion, Geschichte, Nuancen, Widersprüche lehren, die menschliche moralische Vorstellungskraft kultivieren. Auf der Karriereleiter sind sie irrelevant, weil sie schwer messbar und nicht skalierbar sind. Was für ein Irrtum. Nichts ist für Führung relevanter
als das menschliche Vermögen, kritisch und kreativ zu denken, moralisch zu handeln und sinnhaft zu agieren.

Unternehmen können Unsummen einsparen, wenn die Führungskräfte ihre menschlichen Qualitäten schulen, die Fluktuation senken und die Identifikation stärken. Die KI und die Fähigkeit, Prompts zu schreiben, sind im Augenblick hoch im Kurs. Doch selbst aus Sicht des World Economic Forum werden die menschlich-kreativen Fähigkeiten zum zukunftsentscheidenden Faktor für die Unternehmen. Zu denken und zu arbeiten wie eine Maschine, macht in Zukunft die Maschine.

Die Führungskräfte haben eine größere Aufgabe. In einer Welt, in der sich Unternehmen in Raum und Zeit auflösen – ist es der Mensch, der den Laden und sein Team zusammenhält, den Einzelnen und das Unternehmen beflügelt. Je besser Sie als Mensch darauf vorbereitet sind, desto gesünder für alle – den Mitarbeiter, die Wirtschaft und die Gesellschaft. Wir sollten damit beginnen.

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