Kolumne „Out of the box“: Was Europa von Wölfen lernen kann
Wohin wir auch blicken, die Probleme scheinen uns über den Kopf zu wachsen. Je größer sie werden, desto kleiner fühlen wir uns. Akute Prokrastination, eine Form grassierender Aufschieberitis, ist die Folge. Wir beschäftigen uns mit Ersatzhandlungen, statt die unangenehmen Themen beherzt anzugehen.
Dabei unterschätzen wir die Veränderungskraft von Wenigen für das große Ganze. Eine wahre Geschichte: Der älteste Nationalpark der USA war aus dem Gleichgewicht geraten. Der letzte Wolf im Yellowstone Park war 1926 erlegt worden. Dies führte zu einer Störung im System, das Wild vermehrte sich, die Vegetation an den Flussufern litt und erodierte. 70 Jahre später entschied man, ein Rudel von 14 Wölfen im Park auszuwildern – einem Gebiet dreimal so groß wie das Saarland.
25 Jahre später trauten die Forscher ihren Augen kaum. Die 14 Wölfe hatten alles verändert: die Flora, die Fauna und selbst den Flusslauf. Der Yellowstone Nationalpark war zum artenreichsten Gebiet in ganz Nordamerika geworden.
Was war geschehen? Die Wölfe sorgten dafür, dass das Wild sein Verhalten änderte und sich vom Flussufer in die Wälder zurückzog. So konnten an diesen Freiflächen die Gräser und Flechten, die kleinen Büsche wieder Wurzeln schlagen; damit kamen die Insekten zurück und so auch die Singvögel.
Die Büsche und Weiden wuchsen, die Nagetiere siedelten sich an, und damit kamen auch Fuchs und Dachs zurück. Das Gehölz wuchs und lockte die Biber, die nun Dämme bauten, was den Wasserlauf verlangsamte und die Fische zurückbrachte, die wiederum die Raubvögel anlockten. Das Ufergebiet wurde fester und der Flusslauf veränderte sich. Die Fische fanden neue Laichplätze, und selbst die Bären konnten nun nicht länger widerstehen. 14 Wölfe veränderten das gesamte Ökosystem.
Wie wirkungsvoll das Prinzip der Wenigen ist, sehen wir – in seiner destruktiven Ausprägung – in Washington. Wer oben in der Nahrungskette steht, genießt große Aufmerksamkeit. Das Handeln hat direkten Einfluss auf das Verhalten aller anderen. Der US-Präsident und sein willfähriges Rudel sind ausgezogen, um Beute zu machen.
Eine Handvoll Menschen verändert das globale System in Tagen. Unablässig hat die Welt sie im Blick und passt ihr Verhalten an: Rechtspopulisten wagen sich aus dem Dickicht, Verbündete verfallen in Schockstarre, die Wirtschaft biedert sich an, und Despoten erfreuen sich am politischen Klimawechsel.
Doch das System der Wenigen kann eben auch in die andere Richtung wirken. Die verbündeten Staaten von Europa müssen sich aus dem Dickicht wagen und ihr Revier verteidigen. Es scheint, als hätten die Mühlen europäischer Bürokratie den Glauben an die eigene Stärke zermalmt. „In einer Welt der Fleischfresser haben es Vegetarier schwer“, beschreibt der ehemalige Außenminister Sigmar Gabriel die Situation. Dafür braucht es nicht alle – die Koalition der Willigen genügt.
Wenige können viel verändern. Nirgendwo wird das deutlicher als in der Wirtschaft. Die Gebrüder Wright hoben die Welt in die Luft, bei SAP genügten die glorreichen Fünf, um das wertvollste Unternehmen des Landes auf die Beine zu stellen, und der deutsche Mittelstand ist bis unters Dach voll von Erfolgsgeschichten der Wenigen, die auszogen und die Welt und ihre Industrie für alle Zeiten veränderten.
Dabei sind die Erkenntnisse der Biologie, der Wissenschaft von den Gesetzmäßigkeiten im Ablauf des Lebens, eindeutig. Anders als die heutige amerikanische Führung predigt, ist Diversität seit Beginn der Welt das Erfolgsmodell allen Lebens. Die Unterschiedlichkeit der Einzelnen definiert den Erfolg des Gesamtsystems.
Es sorgt nicht nur für Blüte und Lebendigkeit, sondern erhöht auch die Resilienz gegen Störungen aller Art. Mit Monokultur beginnt die Verarmung. Wenn der Appetit eines Bereichs zulasten eines anderen Bereichs geht, dann kippt das gesamte System, langsam, aber unaufhaltsam. Die Natur macht es uns vor, und am Ende hat sie immer recht.