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Kolumne „Out of the box“Wir haben auf alles eine Antwort – leider

Lautstärke ersetzt Argumente, Debatten werden zu Glaubenskämpfen. Doch echte Diskussionen enden nicht im Schlagabtausch, meint Frank Dopheide. Warum Fragen mächtiger sein können als Antworten. 19.02.2025 - 15:47 Uhr Artikel anhören
Frank Dopheide ist Gründer und Geschäftsführer der Unternehmensberatung human unlimited, die sich auf das Thema „Purpose“ spezialisiert hat. Zuvor war er unter anderem Sprecher der Geschäftsführung der Handelsblatt Media Group und Chairman von GREY Worldwide. Foto: Klawe Rzezcy, Getty Images

Werden die Zeiten härter, wird es die Sprache und das Miteinander auch. Ein Trugschluss, denn der Mechanismus funktioniert andersherum, zuerst verroht die Sprache und dann die Welt. „Eine andere Sprache führt zu einem anderen Leben“, beschrieb es der Regisseur Frederico Fellini.

Es hört sich an, als wären wir auf dem Weg in ein kälteres, unmenschlicheres Leben. Die Lautsprecher gewinnen die Oberhand. Sie setzen Sprache nicht zur Verständigung ein, sondern als Baseballschläger, um Forderungen Nachdruck zu verleihen. Der Lauteste und Aggressivste gewinnt, zumindest schon mal das Wahrnehmungsduell.

Der frisch wiedergewählte amerikanische Präsident und sein Kabinett der Gefügigen sind auf Angriff gepolt und werden zum globalen Rolemodel. Das bleibt nicht ohne Wirkung. Selbst im Deutschen Bundestag, dem sogenannten Hohen Haus, gehört der Schlagabtausch mit unsportlichen Treffern unter die Gürtellinie mittlerweile zum Standardrepertoire.

Dabei gilt, keine Scheu vor Banalitäten. Trivialität ist Trumpf. Je simpler Sprache und Bilder, desto höher der Erregungsfaktor, das hält die sozialen Medien in Schwung. Und so verschiebt sich der Fokus. Nicht die großen Herausforderungen finden Gehör, sondern die Themen, die das Potenzial haben, die Gesellschaft zu spalten: Gendersternchen, Homeoffice, Spitzensteuersatz oder die Currywurst in der Kantine.

Die anschwellende Lautstärke führt allerdings nicht zu einem dicken (Trommel)Fell, sondern zu einer neuen Form von Hypochonderismus, einer ungesunden Form sprachlicher Hypersensibilität. Das „Prinzessin auf der Erbse“-Syndrom, irgendwas nervt immer. Ein Gendersternchen genügt, um Menschen auf die Barrikaden zu bringen und das große Ganze aus dem Blick zu verlieren. „When the barbarians are at the gate, we'll debating what gender pronouns to call them”, bringt es US-Moderator Dave Rubin auf den Punkt.

Diese Showkämpfe führen nicht zu klugen Lösungen, tiefem Verständnis oder besseren Entscheidungen, sondern zu Spaltung und Unversöhnlichkeit. Im bewertungsfreien Raum Gedanken und Ideen freien Lauf zu lassen, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, Kompromisse zu machen oder gar Verständnis für das Gegenüber zu entwickeln, wird zur Todsünde erklärt. Wer heute etwas auf sich hält, ist Aktivist. Ein Typus Mensch, den Karl Popper einst durch seine Abneigung des passiven Hinnehmens definierte.

Dies genügt jedoch nicht mehr. Wer nicht dogmatisch ist, nimmt die Sache nicht ernst genug. Aktivisten mutieren zu Hooligans. Jede abweichende Meinung wird als willkommene Aufforderung zur Auseinandersetzung genutzt. Aus Gesprächspartnern werden Glaubenskrieger. So wird jede Form der Verständigung im Lärm oder im Schweigen erstickt. Darüber haben wir nicht nur die Sprache, sondern auch den Willen zum Sprechen verloren.

Wir unterliegen dabei dem Irrglauben, wer die die meisten Likes oder die besseren Umfragewerte hat, hat recht. Doch die Fähigkeit, Probleme zu lösen, und die Fähigkeit, sich im medialen Raum durchzusetzen, sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Für die meisten Probleme gibt es nicht die eine richtige Antwort.

Debatten sind kein Schlagabtausch, bei dem es darum geht, sein Gegenüber niederzuringen, sondern ein Instrument der Gedankenschärfung und des Erkenntnisgewinns.
Frank Dopheide
Unternehmensberater

Überraschenderweise ist die Welt der Wirtschaft die beste Arena, um den konstruktiven Umgang mit unterschiedlichen Sichtweisen zu trainieren. Millionen Menschen verbringen dort acht Stunden täglich in endlosen Meetings. Das ideale Trainingslager, um den Umgang mit konträren Standpunkten zu trainieren und zelebrieren.

Wir haben auf alles eine Antwort. Da fängt das Problem schon an. Nicht das reflexhafte Gefecht um das schlagende Argument, sondern die Suche nach der entscheidenden Frage bringt den Fortschritt und die gemeinsame Erkenntnis. Die Frage ist das verbindende Element. Es braucht Frei- und Spielräume, um Gedanken freien Lauf zu lassen, es braucht das Wechselspiel von Befürworter und Kritiker, um andere Sichtweisen einzunehmen und zu begreifen. Die Empathie, nicht die Apathie ist der erfolgskritische Faktor.

Debatten sind kein Schlagabtausch, bei dem es darum geht, sein Gegenüber niederzuringen, sondern ein Instrument der Gedankenschärfung und des Erkenntnisgewinns. Anders als im Boxring ist der wahre Erfolg, dass alle Beteiligten neue Einsichten gewinnen und als Sieger aus dem Raum gehen. Ein Meeting, das sie nicht klüger macht, ist verlorene Zeit.

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