Lars Feld: Brandgefährliche Entwicklung für das globale Gleichgewicht
Die Welt wird erneut durch einen Krieg erschüttert. In Grunde ist es die Ausweitung des Krieges, den Israel nach dem Überfall der Hamas vom 7. Oktober 2023 gegen den Iran und seine Proxies im Nahen Osten führt. Bislang ist unklar, wie sich dieser Konflikt weiterentwickeln wird, welche Zielsetzung Israel tatsächlich hat, ob es um die Zerstörung des iranischen Atomwaffenpotenzials und eine wesentliche militärische Schwächung Irans oder gar um das Ende des Mullah-Regimes geht.
Jenseits dieser Spekulationen entwickeln sich Szenarien für die wirtschaftlichen Auswirkungen dieses Krieges. Der Ölpreis für ein Barrel der Sorte Brent lag am Montagmorgen bei rund 74 US-Dollar. Manche Beobachter gehen davon aus, dass der Preis in diesen Tagen über 80 US-Dollar je Barrel steigen könnte. Damit bliebe der Ölpreis zwar hinter seinem Hoch vom Sommer 2024 von rund 88 US-Dollar je Barrel zurück.
Gleichwohl wäre dies angesichts der aktuellen Schwäche der Weltwirtschaft ein weiterer konjunktureller Dämpfer. Spekulationen über eine Schließung der Straße von Hormus sind gemäß aktuellen Einschätzungen überzogen. Dennoch spielt diese Möglichkeit eine Rolle und hätte massive Auswirkungen auf die Märkte.
Konjunkturell bedeutet dieser Krieg eine weitere Schwächung der Weltwirtschaft:
- So dürfte die gerade erst leicht nach unten korrigierte Schätzung der Rezessionswahrscheinlichkeit für die USA wieder etwas höher ausfallen.
- Die leicht verbesserten konjunkturellen Aussichten für Deutschland und den Euro-Raum, die deutsche Wirtschaftsforschungsinstitute kürzlich mit ihren Projektionen dargelegt haben, könnten sich wieder eintrüben.
- China kämpft weiterhin mit internen Problemen; der Verfall der Immobilienpreise geht weiter, und der Zollkonflikt mit den USA trifft das Land empfindlich.
Hinzu treten Effekte auf den Kapitalmärkten, vor allem den Anleihemärkten. Japan importiert fast seinen gesamten Bedarf an Öl. Steigt der Ölpreis massiv an, wie etwa im Sommer 2008, dann dürften die Carry-Trades in japanischen Yen, also die Anlage von in einer Währung mit niedrigen Zinsen geliehenem Geld in Assets mit höherer Rendite im Ausland, abgewickelt werden. Dies hätte massive Folgen für japanische Staatsanleihen, die zuletzt sowieso unter Druck waren.
Jedenfalls trüben sich die Aussichten auf weitere Zinssenkungen der Federal Reserve, der Bank of England oder der Bank of Japan ein. Die Europäische Zentralbank wird ebenfalls kaum um einen vorläufigen Stopp der Zinssenkungen herumkommen.
Es bleibt abzuwarten, was diese Entwicklung für US-Staatsanleihen bedeutet, ob die USA ihre Funktion als sicherer Hafen für Anleger wahrnehmen können.
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Derzeit bewegt sich die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen der USA weiterhin um 4,5 Prozent. Die USA setzen allerdings, zuletzt mit der One Big Beautiful Bill, ihre schuldenfinanzierte Finanzpolitik fort.
Gefahr durch immer höhere Schulden
Diese massive Staatsverschuldung gefährdet zusammen mit der amerikanischen Handelspolitik den Status des Dollars als Reservewährung. Spiegelte angesichts der Staatsverschuldung ein höherer Zins für Treasury-Bonds mit Laufzeiten von zehn Jahren zuvor vor allem höhere Inflationserwartungen, so dürfte sich in der aktuellen Zinsentwicklung der USA schon die Wahrscheinlichkeit auf den Verlust des Status als Reservewährung zeigen. Die Entwicklung der Prämien für Kreditausfallversicherungen (CDS) stützen diese Sicht.
Deutschland gilt Anlegern weiterhin als sicherer Hafen. Zuletzt wurde die Top-Bonität deutscher Staatsanleihen von den führenden Ratingagenturen erneut mit stabilem Ausblick bestätigt. Ratingagenturen laufen nicht selten der Entwicklung auf den Anleihemärkten nach. Der Krieg zwischen Israel und Iran hat jüngst die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen (Bunds) auf rund 2,6 Prozent steigen lassen.
Nach der Ankündigung einer Grundgesetzänderung zur Lockerung der Schuldenbremse stieg der Zins auf rund drei Prozent. Selbst für Deutschland zeigt sich also, wenngleich gedämpft, die aktuelle Verunsicherung der Anleihemärkte.
Das Treffen der G7-Staaten ist vor diesem Hintergrund daher stärker als in früheren Jahren mit der Erwartung einer die Weltwirtschaft stabilisierenden Botschaft verbunden. Nicht nur der Zollkonflikt mit den USA wird im Zentrum der Gespräche stehen können. Es geht vielmehr darum, ob der Westen noch zusammensteht und in der Lage ist, auf die geostrategischen Herausforderungen in der Welt und ihren wirtschaftlichen Niederschlag angemessen zu reagieren. Die Zeichen stehen wohl auf weitere Verunsicherung.
