Newsletter Shift: Was man vom grünen „Bosch-Nachfolger“ lernen kann
Berlin. Volkswagen geht es schlecht, Bosch baut Stellen ab, und bei SAP wollten sogar mehr Beschäftigte den Konzern verlassen, als es Abfindungsangebote gab. Wer im vorigen Jahr Wirtschaftsnachrichten verfolgte, konnte den Eindruck gewinnen, dass in Deutschland eine Ära zu Ende geht. Ja, auch daran zweifeln, dass etwas Neues entsteht.
Aber es gibt auch Gegenbeispiele, und um eines soll es heute gehen. 1Komma5 Grad ist ein Start-up, von dem Sie vielleicht schon im Handelsblatt gelesen haben – und auf dem viele Hoffnungen ruhen.
Ja, auch 1Komma5 Grad bekommt die wirtschaftlich schwierige Lage zu spüren. Darum hat es seinen geplanten Börsengang noch mal verschoben auf nächstes Jahr.
Trotzdem gibt sich das Unternehmen optimistisch. Auch unsere Technologie-Redakteurin Nadine Schimroszik glaubt, dass die Firma groß werden kann. Wieso das so ist und was man von 1Komma5 Grad lernen kann, hat Sie mir kurz erklärt.
Nadine, erst mal ganz einfach gefragt: 1Komma5 Grad – was ist das?
Die machen als Firma alles rund um erneuerbare Energien für Dein Haus. Sprich: die Solaranlage aufs Dach, die Wärmepumpe in den Keller, den Anschluss fürs Elektroauto in die Garage. Inzwischen hilft die Firma auch beim Strom-Management. Sie will es Dir zum Beispiel ermöglichen, die Überproduktion von Strom zurück ins Netz zu speisen. Das ist in Deutschland so noch nicht möglich.
Warum gibt es so einen Hype um 1Komma5 Grad? Und vor allem: Ist der berechtigt?
Es fängt mit dem Gründer Philipp Schröder an, der von Tesla kommt und der weiß, wie Skalieren geht. Dann kommt hinzu, dass die Firma beständig an Marktanteilen gewinnt und führend ist, wenn es um grüne Technologien für den Haushalt geht. Zudem schafft es das mit mehr als einer Milliarde bewertete Start-up schon, an der Gewinnschwelle zu operieren.
Steht das stellvertretend für einen Trend?
Ja, auf jeden Fall. Es gibt ein anderes deutsches Unternehmen, Enpal, das ähnlich aufgestellt ist, aber mehr auf den Großhandel zielt. Und es kann gut sein, dass diese Art von grüner Technologie bald von Deutschland in die Welt exportiert wird. In Australien bietet 1Komma5 Grad inzwischen auch Klimaanlagen an. Langfristig will man außerdem in die USA expandieren, auch, weil dort der Markt noch nicht so weit entwickelt ist wie in Europa.
Sehen wir da quasi das Bosch 2.0 wachsen?
Man muss immer vorsichtig mit solchen Aussagen sein. Bisher ist die Firma erst knapp vier Jahre alt. Aber: Es sind inzwischen auch Pensionskassen investiert, und 1Komma5 Grad zieht immer mehr internationales Kapital an. Gerade hat das Unternehmen noch mal 150 Millionen Euro eingesammelt. Zudem ist Firmenchef Schröder bei seinen Zielen ganz klar: Ihm zufolge gehört die Firma an die Börse, und dafür tut er im Moment alles.
Was können denn andere von 1Komma5 Grad lernen?
Was an 1Komma5 Grad smart ist: dass sie sich getraut haben, groß zu denken und sich breit aufzustellen. Es ist eben nicht nur ein Anbieter von Wärmepumpen oder Solarpanelen, sondern eine Firma, die ein breites Set an Lösungen anbietet. Das hat zwei gute Effekte.
Die wären?
Zum einen ist das Unternehmen nicht so abhängig von einzelnen politischen Förderprogrammen. Ob und wie stark welche Maßnahme gefördert wird, ist egal, solange grundsätzlich der Markt für grüne Technologien wächst. Zum anderen ist es die Idee, dass die Konsumentin oder der Konsument eben am liebsten eine Lösung für alles hat, anstatt sich das einzeln zusammensuchen zu müssen.
Danke für das Gespräch, Nadine!
Und was denken Sie, liebe Leserinnen und Leser, über den Erfolg von 1Komma5 Grad? Steht das Start-up stellvertretend für das berühmte „Vorsprung durch Technik“? Wo gibt es weitere Positivbeispiele dafür, dass es in Deutschland vorangeht? Schreiben Sie uns an newsletter@handelsblatt.com. Und schreiben Sie uns vor allem auch, wenn Ihnen andere Erfolgsstorys „made in Germany“ einfallen.