Prüfers Kolumne: Warum wir unsere Online-Retouren nicht zurückschicken
Im Flur vieler Haushalte liegt ein Karton. Nicht besonders groß, nicht besonders schwer. Und doch offenbar schwer genug, um nicht bewegt zu werden. Der Karton enthält eine Hose, vielleicht ein Paar Schuhe, oder einen Zimmerbrunnen oder eine Käsereibe. Irgendetwas, das online bestellt wurde – und nicht passt. Oder erst gefallen hat, aber dann nicht mehr, als man es in der Hand hielt und sah, dass es gar nicht so schön aussah wie in der Werbung auf Instagram. Es müsste zurückgeschickt werden. Aber es bleibt liegen.
Knapp die Hälfte der deutschen Online-Shopper hat laut einer aktuellen Bitkom-Studie schon einmal ein Produkt behalten, weil ihnen der Rückgabeprozess zu kompliziert erschien. Die Schwelle zur Retoure ist nämlich erstaunlich hoch. Da muss man einen Retourenschein suchen, auf der Händlerseite die Retoure anmelden, die Verpackung wiederherstellen, ein Etikett ausdrucken, Öffnungszeiten des Paketshops recherchieren – und sich dann in eine Schlange mit all den anderen Kunden stellen, die auch etwas loswerden wollen.
Man steht oft länger als an der Kasse des Ladens, in dem man das Produkt hätte kaufen können. Und danach hätte man ein passendes Produkt in der Tasche gehabt. Nun aber muss man allerlei Aufwand betreiben und hat nachher bestenfalls nichts. All diese Schwierigkeiten stehen zwischen dem Produkt und seiner Rückreise. Dabei war der Kauf mit wenigen Klicks erledigt.
Durch E-Commerce sollte alles einfacher werden, aber das stimmt natürlich nicht. Die digitale Bestellstrecke ist eine Autobahn, der Rückweg aber ein Trampelpfad. Besonders bei internationalen Plattformen. Wer dort auf der Website nach dem Rückgabeformular sucht, kann auch gleich in den Sternen nach der Weltformel fahnden. Hat man da für 12,99 Euro einen Pullover kauft, verzichtet man auf die Rückgabe nicht aus Überzeugung, sondern aus Erschöpfung.
Früher kannten die Menschen das Wort Retoure gar nicht
Bevor es E-Commerce gab, kannten die Menschen das Wort Retoure gar nicht. Man hatte kaum ein unpassendes Produkt zu Hause, außer vielleicht an Weihnachten, all die furchtbaren Geschenke von Verwandten, die man danach wieder irgendwie loswerden musste. Nun sind wir zu uns selbst wie schreckliche Verwandte. Wir beschweren unser Leben mit unpassenden Produkten, mit Zeug, das wir gar nicht haben wollten, aber auch nicht wieder loswerden.
Vielleicht ist der liegen gelassene Karton das Sinnbild einer Zeit, in der Entscheidungen leicht getroffen, aber schwer korrigiert werden. Diese Kästen mit unpassenden Waren, die sich im Flur stapeln, sind uns ein täglich wachsendes Konsummahnmal. Sie machen uns ständig schlechte Laune und zerstören unser Selbstbewusstsein. Was sind wir nur für Jammerlappen, dass wir so einen läppischen Karton nicht vom Hof bekommen? „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, heißt es doch. Es kann sich aber nicht falscher anfühlen als das falsche Leben zwischen lauter Kartons mit falschen Waren.
Erstpublikation: 21.06.2025, 10:12 Uhr.