Pulse-Newsletter: Streik, Stau, Sperrungen: Was mich auf ein Ende des Wahnsinns hoffen lässt
Liebe Leserinnen und Leser,
schön, dass Sie bei der neuen Ausgabe meines pulse-Newsletters dabei sind!
Kennen Sie Lasse Stolley? Ich bin letztens in der „Bild“ an der Geschichte über den 17-Jährigen hängen geblieben (ja, bild.de gehört neben vielen anderen Medienportalen zu meiner täglichen Lektüre). Der Programmierer und Besitzer einer Bahncard 100 lebt seit Sommer 2022 nicht mehr in seinem Elternhaus, sondern in den ICE-Zügen der Deutschen Bahn. Er ist quasi im Fernverkehr zu Hause.
Zwei (für mich wesentliche) Fragen beantwortet der Artikel allerdings nicht. Erstens: Wie steht es bei Lasse Stolley um die Hygienefaktoren? Und damit meine ich nicht sein Gehalt.
Und zweitens: Wie erträgt er diesen ganzen Ärger, den man als Bahnfahrer in Deutschland so hat?
In meiner Wohnung gibt es jedenfalls eher wenige Verzögerungen im Betriebsablauf, die Toilette funktioniert zuverlässig, es ist selten zu heiß oder zu kalt in einem Zimmer und in geänderter Reihung steht da auch nichts herum. Und vor allem reicht der lange Arm von Claus Weselsky nicht hinein.
Ich bin vermutlich nicht die Einzige, die starke Gefühle gegenüber dem Chef der Lokführergewerkschaft GDL entwickelt hat. Aber ich muss es noch mal sagen: Ich habe für fast alle Störungen im deutschen Straßen- und Schienenverkehr Verständnis. Wenn ich aber sein Ziel höre, „die Eisenbahn ist kein zuverlässiges Verkehrsmittel mehr“, dann spüre ich Wut.
Natürlich würde ich lieber darüber lachen. Zumal Weselsky der einzige Mensch zu sein scheint, der „die Bahn“ noch „Eisenbahn“ nennt.
Aber spätestens, wenn ich morgens im Berufsverkehr mit dem Auto auf der A40, der Hauptschlagader des Ruhrgebiets, in der größten Blechlawine Nordrhein-Westfalens stehe, vergeht mir der Spaß. Erst recht an regnerischen Bahnstreik-Tagen, an denen ich gern mal für 15 Kilometer eine Stunde brauche.
Dann frage ich mich, das schlechte Gewissen im Nacken mit Blick auf die Auspuffschwaden und Deutschlands Klimaziele, wie wir diesen ganzen Verkehrswahnsinn jemals in den Griff kriegen wollen. Und ob ich das noch erleben werde ...
Beim Blick auf diverse Zahlen bessert sich nämlich so gut wie gar nichts gerade.
- Laut Statistischem Bundesamt kamen 2022 auf 1000 Einwohnerinnen und Einwohner in Deutschland 583 Pkw. Ein Rekord. Die Zahl der Autos nahm deutlich stärker zu als die Bevölkerung, was am Trend zum Zweit- oder Drittwagen liegt. Aber auch daran, dass Busse und Bahnen in vielen Ecken des Landes gar nicht oder nur rudimentär fahren – oder eben ausfallen wegen Streiks, Personalmangels oder massiver Verspätung.
- Insgesamt zählte der ADAC im vergangenen Jahr 504.000 Staus und stockenden Verkehr auf Deutschlands Straßen. Die Dauer der Verkehrsstörungen summierte sich auf 427.000 Stunden. Zwischen 800 und 1500 gleichzeitige (!) Baustellen wurden gemeldet (2022 waren es zwischen 600 und 1000). Und wenn ich dann jeden Morgen dieselbe Meldung im Radio höre – Stichworte: A45, Talbrücke Rahmede, Lüdenscheid – und weiß, dass ich sie noch Jahre hören werde, dann könnte ich manchmal wirklich ins Lenkrad beißen.
- Im vergangenen Jahr war jeder dritte Fernzug der Deutschen Bahn unpünktlich. Die Pünktlichkeitsquote im Fernverkehr lag damit bei mageren 64 Prozent. Zur Begründung nennt die DB vor allem das marode Schienennetz und die vielen Baustellen. Oder es sind Personen im Gleis, so wie zwischen Köln und Troisdorf in diesem Moment, in dem ich im ICE sitze und schreibe.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Jahrzehnte hat sich niemand um die Infrastruktur in Deutschland gekümmert. Wir haben von der Substanz gelebt, obwohl Geld da gewesen wäre. Es ist gut, dass nun in Straßen, Brücken, Gleise, Weichen und Co. investiert wird.
Wir befinden uns gerade im „Tal der Tränen“
Ich bin auch bereit, an die Besserung, die das alles bringt, fest zu glauben, wenn ich morgens mal wieder im Stau stecke. Und ich halte es auch aus, wenn ich in der zweiten Jahreshälfte auf dem Weg nach München oder Stuttgart mit der Bahn große Umwege fahren muss, weil wegen Generalüberholung die wichtigste Fernverkehrsstrecke zwischen Frankfurt und Mannheim (über die jede siebte Reise im deutschen Fernverkehr führt) gesperrt wird.
Was ich aber nur schwer aushalte, ist das Zusammentreffen von Sanierung und Streiks. Ja, es ist das Recht jeder Gewerkschaft, für höhere Löhne zu streiken. Aber keine, egal wen sie vertritt, hat das Recht, dies in einer derart neuralgischen Phase auszureizen. Da stimmt es mich versöhnlich, dass zumindest Bahn und GDL nun wieder verhandeln – und sich angeblich sogar eine Einigung abzeichnet.
Alles aussichtslos also? Nun, ganz so schlimm ist es vielleicht doch nicht. Wie ich darauf angesichts all der genannten Zahlen und meines alltäglichen Pendlerfrusts komme? Ich habe mich da an eine sehr lebensnahe Theorie aus einem Seminar erinnert: die Change-Kurve nach Elisabeth Kübler-Ross und später Richard K. Streich.
Demnach befinden wir uns nämlich gerade im „Tal der Tränen“. Die Geduld vieler ist am Ende. So zumindest geht es mir im Stau oder wenn die Bahn mal wieder „außerplanmäßig zum Halt“ kommt wie jetzt in Montabaur.
Doch auf diesen tiefsten Punkt im Veränderungsprozess folgt bekanntlich die Wende zum Besseren: Ich rege mich zwar immer noch auf, merke aber, dass das Leben selbst Stoßstange an Stoßstange und bei Streckensperrung weitergeht, arrangiere mich mit der Situation und akzeptiere sie. Und schließlich öffnen wir uns für Neues: eine zuverlässige Bahn, ein dichtes Nahverkehrsnetz, freie Autobahnen, genügend Ladestationen für Elektroautos.
Dann bin ich wieder optimistisch! Vielleicht erlebe ich es doch noch: das Ende allen Verkehrsärgers und eine echte Mobilitätswende.
Ich freue mich, wenn ich Sie in zwei Wochen wieder begrüßen darf!
Herzliche Grüße
Ihre
Kirsten Ludowig
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