Deepseek: Stargate? Deepseek? Jetzt kommt die französische KI-Revolution!

Es fehlt nicht viel und Emmanuel Macron macht die Welt glauben, das Wahrzeichen von Paris hieße AI-ffelturm. Bei seinem globalen KI-Gipfel bringt er Investoren dazu, Hunderte Milliarden für Start-ups und Rechenzentren zu versprechen. Entweder hat er die Stadt der Liebe kurzum in die Stadt der KI verwandelt. Oder das gesamte achte Arrondissement ist während des „AI Action Summits“ ein riesiges „Reality Distortion Field“.
Dieses Phänomen kennt die Technologiewelt seit der Ära von Steve Jobs. Der Apple-Gründer hatte die Fähigkeit, sich und andere von fast allem zu überzeugen: Mit Charisma, Übertreibung und Nachdruck konnte er ein Realitätsverzerrungsfeld erzeugen, in dem seine Entwickler nahezu unüberwindbare Herausforderungen für machbar hielten. Wer Macrons globalen KI-Gipfel besucht, dem ergeht es genauso.
Gerade noch schien es, als hätten die Vereinigten Staaten im KI-Rennen alle anderen abgehängt. Die USA hatten dank OpenAI und Nvidia nicht nur die besten KI-Modelle und die leistungsfähigsten Chips. Präsident Donald Trump hatte mit Stargate auch ein 500 Milliarden Dollar schweres Supercomputerprojekt angekündigt, das schon in seiner Größenordnung zumindest für Europa unerreichbar schien. Dann stellte die chinesische Firma Deepseek mit effizienteren Modellen und Tricks bei der Hardware-Nutzung diese US-Übermacht infrage.
Auch das hilft Macron, das bisherige Narrativ umzudrehen. Manch einer seiner Gäste erwartet nun nicht weniger als eine französische Revolution.
Die Ankündigung von neuen französischen Rechenzentren im Wert von 109 Milliarden Euro bezeichnet Macron angesichts der Größe seines Landes als „Äquivalent“ zu Stargate. Ausreichend günstiger Atomstrom für den Betrieb sei in Frankreich schon vorhanden, anders als bei den US-Tech-Konzernen. Und die KI des französischen Start-ups Mistral sei die effizienteste der Welt. Da wäre es doch verrückt, wenn europäische Unternehmen ihre KI woanders kauften.
Die Welt mit Sam Altman anzulocken, war eine Finte
Wahrscheinlich sind viele Staats- und Regierungschefs sowie Vorstände europäischer Konzerne nach Paris gereist, weil Sam Altman da ist. Der OpenAI-Chef zählt neben Alphabet-Chef Sundar Pichai und AMD-Chefin Lisa Su zu den Stars, mit denen Macron seine Gäste geködert hat. Am Rande des AI Action Summits haben sie auch die Gelegenheit, den neuen US-Vizepräsidenten J. D. Vance auf seiner ersten Auslandsreise zu treffen. Aber am Ende wirkt all das ein bisschen wie eine Finte.
Macron nutzt jede Gelegenheit, die Aufmerksamkeit auf Mistral-Chef Arthur Mensch und andere Vorzeigegründer zu lenken. Das nützt nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa, das plötzlich wieder auf Stärken statt auf Schwächen blickt.
Zumal Macron auch andere Politikerinnen und Politiker unter Zugzwang setzt. Bundeskanzler Olaf Scholz, so hört man, wurde sein Redeslot mehr oder weniger einfach zugeteilt. Letztendlich sagte er beim Dinner im Präsidentenpalast, Europa müsse seine Stärken in der KI-Forschung besser in Anwendungen überführen und kommerzialisieren. Die von ihm selbst aufgeworfene Frage, wie das zu erreichen sei, beantwortete er schon fast lehrbuchmäßig mit „Wagniskapital und weniger Bürokratie“ als Schlüsselfaktoren. Das klingt noch nicht nach einer formidablen Motivationsrede à la Macron, aber so, als wäre Scholz auch dabei.
Nicht überliefert ist, wann EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen von Macrons Ankündigung erfahren hat, dass sie am Dienstag die KI-Strategie der EU erläutern soll. Nur sollte ihr klar sein, dass damit nicht der EU AI Act gemeint sein kann, der seit Anfang Februar die Regeln für KI in Europa bestimmt. Denn innerhalb des „Reality Distortion Fields“ sind sich alle einig: In der EU ist deutlich weniger Regulierung vonnöten.
Es wäre wünschenswert, dass Europa auch nach dem Gipfel weiter an sich glaubt. Und dass die Gäste den Ehrgeiz entwickeln, nicht nur bewundernd auf Emmanuel Macron und Arthur Mensch zu schauen. Auch London, Berlin, Madrid und Brüssel sollten sich im KI-Rennen an die Ambitionen und das Tempo von Paris anpassen. Dann hat Europa vielleicht wirklich eine Chance.
Erstpublikation: 11.02.2025, 04:23 Uhr.