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EditorialPragmatismus statt Pessimismus – was sich von Griechenland lernen lässt

Viele haben noch heute das Bild von den „Pleite-Griechen“ im Kopf. Dabei hat Griechenland die größte Not längst hinter sich gelassen – und überrascht mit praktischen Reformen.Kirsten Ludowig 15.08.2025 - 09:55 Uhr
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Handelsblatt-Vizechefredakteurin Kirsten Ludowig. Foto: Max Brunnert

Es war vor gut zehn Jahren, da drohte dem hochverschuldeten Griechenland die Staatspleite. Euro-Austritt, Sparauflagen, Massenproteste und milliardenschwere Hilfsprogramme beherrschten die Schlagzeilen – und die bange Frage, ob die Griechen ganz Europa in die Krise stürzen.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe noch heute das Bild von den „Pleite-Griechen“ im Kopf. Dabei hat Griechenland, wie unser Korrespondent Gerd Höhler zuletzt mehrfach berichtet hat, die größte Not längst hinter sich gelassen.

Das Land erwirtschaftet Haushaltsüberschüsse, die hohe Schuldenquote geht zurück, die Wirtschaft wächst doppelt so schnell wie im EU-Durchschnitt. Zwar gibt es zu viele Arbeitslose und zu wenige Fachkräfte, auch sind die Einkommen niedrig und die Investitionen gering. Aber die griechische Regierung treibt vieles voran.

Da wäre zum Beispiel Arbeits- und Sozialministerin Niki Kerameos. Sie plant ein Gesetz, das flexiblere Arbeitszeiten und je nach Bedarf mehr und weniger Arbeit in bestimmten Wochen ermöglicht. Auch die Viertagewoche soll kommen, allerdings anders als in Deutschland. Das griechische Modell sieht vor, dass die Regelarbeitszeit von 40 Stunden pro Woche auf vier Tage zu je zehn Stunden verteilt werden kann.

Kerameos spricht von einem „Gesetz, das aus der Praxis kommt“. Es seien viele Anregungen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern aufgegriffen worden. Man komme damit nicht nur Branchen wie dem Tourismus entgegen, sagt die Ministerin, sondern auch berufstätigen Eltern, die bei gleicher Arbeitszeit einen weiteren freien Tag für die Familie haben möchten.

Niki Kerameos im Jahr 2023: Die griechische Ministerin will Arbeitszeiten flexibilisieren. Foto: IMAGO/ANE Edition

Ein „Gesetz, das aus der Praxis kommt“ – allein das klingt schon wohltuend in meinen Ohren. Entsteht doch leider immer wieder der Eindruck, dass Gesetze, insbesondere aus Brüssel, vorbeigehen an der Realität und den tatsächlichen Bedürfnissen derer, die sie betreffen.

Vor einer Woche habe ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, gefragt: Was würden Sie ändern, wenn Sie anstelle von Friedrich Merz aus der Sommerpause zurück ins Kanzleramt kämen?

Editorial

Deutschland muss sich entscheiden zwischen Aufbruch und Arbeitskreis

Kirsten Ludowig

Mich haben mehr als 75 Zuschriften mit Reformvorschlägen zu Bildung, Bürokratie, Energie, Gesundheit, Haushalt, Klima, Rente, Steuern, Verkehr, Wohnen und Zuwanderung erreicht. Von Jüngeren wie Älteren. Mal nüchtern-analytisch, mal ausführlich-engagiert, mal mit persönlichen Einblicken – so gut wie alle konstruktiv.

Appelle gehen aber nicht nur an die Politik, sondern auch an die Verantwortung jedes und jeder Einzelnen. Die einen wünschen sich mehr persönliche und unternehmerische Freiheit, die anderen weniger Staat. Dazu Pragmatismus und Mut zu Entscheidungen, auch wenn sie falsch sein können.

„Veränderung ohne Risiken ist unmöglich“, schrieb ein Leser. Das ist so trivial wie wahr. Fehler passieren überall – entscheidend ist, wie man mit ihnen umgeht.

Vielen Menschen liegt etwas an Deutschland. Sie glauben, dass ein Neustart möglich ist, und sind bereit anzupacken.

Und nicht wenige haben betont, dass wir uns öfter vor Augen führen sollten, was alles nach wie vor gut läuft in Deutschland. Nach dem Motto eines Lesers: „Sagen, was wir Tolles haben und wie wir es noch toller machen können!“

Das stimmt mich zuversichtlich, denn es zeigt: Vielen Menschen liegt etwas an Deutschland. Sie glauben, dass ein Neustart möglich ist, und sind bereit anzupacken – für ein Land, das sich wandeln und etwas bewegen will und in dem sich Entschlossenheit und Einsatz auszahlen. Oder um einen Leser zu zitieren: „Kleinmut ist das Letzte, was wir brauchen.“

Bundeskanzler Friedrich Merz: Kommt der Herbst der Reformen? Foto: Michael Kappeler/dpa

Deshalb hoffe ich auf den vom Kanzler angekündigten „Herbst der Reformen“ – gern auch mit Verlängerung in den Winter und Frühling. Wer weiß, vielleicht geht so viel voran in Deutschland, dass wir das Sommerloch 2026 wieder mit Tiergeschichten füllen möchten statt mit solchen über Milliardenlöcher im Sozialsystem. Ein kreativer Leser brachte „verirrte Delfine in der Spree“ ins Spiel. Das wäre doch was!

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Übrigens: Hunderttausende überwiegend junge, gut ausgebildete Griechinnen und Griechen sahen damals in der Krise keine Zukunft mehr für ihr Land – und für sich in ihrem Land. Sie wanderten aus. Die meisten gingen nach Großbritannien und Deutschland. Unter den Folgen des Exodus leidet Griechenland noch heute.

Deswegen bemüht sich die griechische Regierung, sie mit Steuervergünstigungen und Lohnzuschüssen zur Rückkehr zu bewegen. Tatsächlich kommen immer mehr Ausgewanderte zurück, allerdings weniger des Geldes wegen. Eine nicht unwichtige Rolle spielt Heimweh. Auch ihnen liegt offenbar viel an ihrem Land.

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