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Kommentar Am IPO-Markt gibt es keinen Grund für Übermut – im Gegenteil

Beim IPO des Online-Gebrauchtwagenhändlers Auto1 hat alles gepasst. Wenn bei den nächsten Kandidaten die Gier gewinnt, ist schnell wieder alles vorbei.
05.02.2021 - 16:50 Uhr Kommentieren
Finanzchef Markus Boser und die Firmengründer Christian Bertermann und Hakan Koc (v. l.): Die Verantwortlichen des Online-Gebrauchtwagenhändlers hatten allen Grund zur Freude. Quelle: Pressefoto
Erfolgreicher Börsengang

Finanzchef Markus Boser und die Firmengründer Christian Bertermann und Hakan Koc (v. l.): Die Verantwortlichen des Online-Gebrauchtwagenhändlers hatten allen Grund zur Freude.

(Foto: Pressefoto)

Besser hätte der Börsenjahrgang 2021 auf dem Frankfurter Parkett gar nicht starten können. Auto1, die Online-Plattform für Gebrauchtwagen, war ein Initial Public Offering (IPO) der Superlative.

45 Prozent Kursplus zur Eröffnung, elf Milliarden Euro Bewertung, die Nachfrage aus dem In- und Ausland übertraf das Angebot um das 15-Fache. Und auch zum Wochenschluss lag der Debütant mit gut 52 Euro noch deutlich über dem Ausgabepreis von 38 Euro.

Trotzdem gibt es überhaupt keinen Grund für Übermut. Im Gegenteil: Eher ist in den kommenden Monaten strenge Disziplin gefragt. Wenn die Berater, Investmentbanker und Top-Manager jetzt die Gier packt, dann ist die Aufholjagd gegenüber den anderen Börsenplätzen – vor allem der US-Technologiebörse Nasdaq und der Londoner Börse – schnell vorbei.

Zeitnah streben die Funktürme von Vodafone, der virtuelle Modeshop About You, das Softwarehaus Suse und auch der Wasserstoffspezialist Friedrich Vorwerk an die Börse – alles große Emissionen. Wenn die Investoren hier nach dem IPO richtig Geld verlieren, weil der Ausgabekurs zu hoch angesetzt wurde, dann werden sich die internationalen Adressen schnell wieder abwenden.

Momentan laufen nämlich rund um den Globus attraktive Emissionen. Niemand ist auf das Parkett in der Mainmetropole angewiesen. Die hiesige IPO-Kultur ist ein zartes Pflänzchen, Übertreibungen bekommen ihr nicht. Das Jahr 2020 war mit einem „echten“ IPO-Volumen – ohne den Spin-off von Siemens Energy – von rund einer Milliarde Euro im internationalen Vergleich ein Komplettausfall. Das darf man in der Euphorie nicht vergessen.

Neben dem Appell zum Maßhalten bleiben auch noch ungelöste strukturelle Probleme für den deutschen Aktienmarkt. Das Feld der Biotech-Börsengänge hat man in der Vergangenheit vollkommen aufgegeben. Das rächt sich jetzt, weil die Coronakrise zeigt, dass das Segment der Wachstumsbereich schlechthin ist. Man kann es nicht oft genug sagen: Die Impfstoffhoffnung Biontech wird an der Nasdaq gehandelt.

Man sollte sich über Spacs freuen – und sie nicht verteufeln

Auch den Boom mit den zunächst leeren Börsenmänteln (Spacs), die dann Unternehmen übernehmen, hat man verschlafen. Wenn jetzt erste Kandidaten in Deutschland auflaufen, dann sollten Politik und Wirtschaft diese Finanzinnovation begrüßen.

Vor allem aber muss wieder das Interesse der Kleinanleger geweckt werden. Bei Auto1 gingen gerade einmal drei Prozent an die privaten Investoren – ein Armutszeugnis. Die Unternehmen und Investmentbanken vernachlässigen die Retail-Nachfrage permanent, anstatt sie anzukurbeln.

Mit Kleinanlegern ist bei IPOs nicht das große Geld zu machen. Aber hier geht es um ein übergeordnetes Ziel: die Aktienkultur. Warum rührt man nicht im Vorfeld eines Börsengangs entsprechend die Werbetrommel? Das weckt womöglich ungute Erinnerungen an die T-Aktie – aber mal ehrlich: Das ist nun wirklich „history“.

Mehr: Das boomende Geschäft mit Börsenmänteln kommt nach Deutschland

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