Kommentar: China zeigt der deutschen Ingenieurskunst ihre Grenzen auf

3,871 Millionen. Die Zahl wird man sich in Wolfsburg, München und Stuttgart merken. Es sind die Verkaufszahlen der deutschen Autobauer für 2025 in China. Und sie sind so niedrig wie seit 2012 nicht mehr.
Wie konnte es so weit kommen?
Der Absturz hat viel damit zu tun, dass in China andere Spielregeln gelten als in Europa. Da sind massive staatliche Subventionen für Zukunftstechnologien, vor denen europäische Regierungen zurückschrecken.
Da ist ein Markt mit mehr als 100 Anbietern, die sich in einem ruinösen Preiskampf gegenseitig unterbieten – während man in Europa noch grübelt, wie ein Elektroauto für 20.000 Euro überhaupt möglich sein soll.
Und da ist – der wohl wichtigste Punkt – eine Industrie, die die lokalen Kundenbedürfnisse wirklich verstanden hat und dafür die passende Technologie liefert.
Schon heute gelten Fahrzeuge von Volkswagen, Mercedes oder BMW für einen Großteil der städtischen Bevölkerung in China als nicht mehr wettbewerbsfähig. Sie sind gebaut worden mit der Brille eines um die 50 Jahre alten deutschen Ingenieurs – für Käufer, die hierzulande ebenfalls erst mit um die 50 ihren ersten Neuwagen erwerben.
In China ist der typische Neuwagenkäufer Mitte 30. Spaltmaße, Materialqualität und mechanische Perfektion sind in diesem Alter nette Features. Entscheidend ist aber, wie nahtlos sich das Auto in das digitale Leben einfügt. Und das bedeutet weit mehr, als sein Smartphone per USB-Kabel mit der Bordelektronik zu koppeln.
Die zentralen Kaufkriterien heißen automatisiertes Fahren, Software, Vernetzung und digitale Nutzererfahrung. Disziplinen, in denen die deutschen Hersteller lange nur begrenzt überzeugt haben – auch wenn sie aufholen.
Ingenieurskunst ist nicht mehr alles
Deutschlands Autobauer betrachteten China zu lange als Markt, der deutsche Ingenieurskunst bewundert und kopiert. Tatsächlich wollte China nie nur aufholen – sondern überholen. Der Staat flankierte und finanzierte diese Ambition, die Industrie lieferte. Das Ergebnis zeigt sich heute in bröckelnden Marktanteilen.
Klassische Markenstärke reicht dabei nicht mehr aus. Gekauft wird, wer die bessere Technologie bietet. Dass VW, BMW und Mercedes inzwischen Partnerschaften mit chinesischen Tech-Anbietern eingehen, zeigt Lernfähigkeit. Es zeigt aber auch, dass die Autonation Nummer eins im wichtigsten Automarkt der Welt allein nicht mehr mithalten kann.
Noch ist China für die deutschen Autobauer nicht verloren. Doch der Weg zurück führt nicht über Nostalgie oder Ingenieursstolz, sondern über radikales Umdenken. Die ersten Autobauer gehen diesen Weg. Vielleicht hat das am Ende sogar einen angenehmen Nebeneffekt – nämlich Autos, in denen auch hierzulande USB-Kabel endgültig der Vergangenheit angehören.