Kommentar: Corona legt Deutschlands digitale Defizite schonungslos offen
Viel Alltägliches lässt sich in Zeiten des Shutdowns nur noch digital erledigen.
Foto: Imago/Westend61Es gibt einen Satz, den Politiker, Manager und Berater dieser Tage gern bemühen, nämlich, dass Deutschland durch die Krise einen Digitalisierungsschub erlebe. Eine Zwangsdigitalisierung sozusagen, weil sich viel Alltägliches in Zeiten des Shutdowns nur noch digital erledigen lässt.
Abertausende verbringen unzählige Stunden ihres Homeoffice-Alltags in Videokonferenzen, arbeiten virtuell gemeinsam an Dokumenten und bezahlen nun sogar beim Bäcker kontaktlos mit Kreditkarten – oder gleich mit dem Smartphone, wie es immer mehr Händler ausdrücklich fordern. Das ist bemerkenswert in einem Land, in dem es solche digitalen Technologien schwerer haben als anderswo.
Doch es ist naiv zu glauben, Deutschland werde allein dadurch digitaler, weil Millionen Menschen lernen, wie die Kamera ihres Rechners funktioniert. Was wir erleben, ist kein Digitalisierungsschub, es ist eine Pseudo-Digitalisierung des Alltags, bei der einige Tools aus Alternativlosigkeit in den Fokus geraten.
Der Videodienst Zoom ist so ein Beispiel oder das Kommunikationsprogramm Teams von Microsoft. Dagegen ist nichts einzuwenden. Die Dienste sind für viele gerade die einzige Verbindung zur Außenwelt.
Digitalisierung aber bedeutet mehr, als ein paar Instrumente von US-Anbietern zu nutzen: In der Regel steckt dahinter eine tief greifende Veränderung von Prozessen, Abläufen – und letztlich auch Geschäftsmodellen. Und in dieser Frage hat die Coronakrise vor allem die digitalen Defizite unseres Landes offengelegt.
Beispiel Verwaltung. Eigentlich wollte die Bundesregierung alle staatlichen Leistungen bis 2022 digitalisieren. Doch das Ziel liegt, wie nun viele merken, in weiter Ferne. Ausweis verlängern? Wegen Corona sind viele Ämter dicht, digitale Optionen gibt es meist nicht. In zahlreichen Städten können zudem nur schwer Autos angemeldet werden, was dem ohnehin eingebrochenen Fahrzeugabsatz einen weiteren Schlag versetzen dürfte.
Die Lage in den Justizbehörden ist kaum besser. Zwar sitzen auch dort viele Mitarbeiter im Homeoffice. Doch weil die Behörden etwa in Hamburg unzureichend sichere Datenleitungen haben und Akten zwischen Polizei und Gerichten oft nur in Papierform ausgetauscht werden können, müssen Fahrer die Mappen durch die Stadt transportieren.
Beispiel Gesundheit. Gerade in den Notaufnahmen der Kliniken geht es bei vielen Entscheidungen um Sekunden, vor allem bei der Kommunikation mit Rettungsdiensten. Doch viele dieser Prozesse kommen erst in Gang, wenn ein Fax eingegangen ist. Seit Jahren wird über elektronische Gesundheitsakten und Rezepte gesprochen – „tatsächlich aber hat das Faxgerät dort immer noch eine herausragende Bedeutung“, sagte der Chef der Essener Uniklinik, Jochen Werner, im Podcast Handelsblatt Disrupt. „Wenn wir das Gesundheitswesen konsequenter digitalisiert hätten, würde uns der Kampf gegen Corona jetzt leichter fallen.“
Unternehmen reagieren mit alten Krisenreflexen
Beispiel Bildung. Als die Schulen geschlossen wurden, war die Verwirrung groß: Viele Lehrer mussten sich erstmals damit auseinandersetzen, wie sie ihren Stoff auf digitalem Weg vermitteln können. Notdürftig behelfen sich viele mit dem Cloud-Dienst Dropbox, Youtube und Videokonferenzen.
Einige mussten sich von den Schülern allerdings erst einmal erklären lassen, wie sie ihre Webcam zum Laufen bringen. Die Bildungscloud, eine digitale Lehr- und Lernumgebung, an der das Hasso-Plattner-Institut seit Jahren arbeitet, hätte all das einfacher gemacht.
Und auch Unternehmen, die in den vergangenen Jahren allerhand digitale Projekte angekündigt haben, reagieren nun mit alten Krisenreflexen: der Konzentration auf das Kerngeschäft. Schon reduzieren erste Firmen die Mittel für ihre Zukunftslabors, in denen zum Beispiel die Beziehungen zu Start-ups gepflegt werden. Unter Renditegesichtspunkten verständlich, aber auch ein riskanter Kurs in einer Zeit, in der das Kerngeschäft in vielen Firmen von der digitalen Transformation auf den Kopf gestellt wird.
Dabei wäre eine konsequentere Digitalisierung der bessere Weg aus der Krise – in Unternehmen, Regierung und Verwaltung. Eine echte digitale Agenda. Die Bundesregierung sollte dafür mögliche Konjunkturpakete für die Zeit nach der Krise nicht vorrangig auf eine Förderung des Konsums ausrichten, wie sie es schon zu oft gemacht hat, sondern sie für Investitionen in den digitalen Wandel nutzen – durch Steuererleichterungen für Firmen etwa, die in Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz, Blockchain oder Quantencomputer investieren.
Zudem könnte die Schnittstelle zwischen Forschung und Unternehmen durch Förderprogramme gestärkt werden, damit Forschungsergebnisse schneller zu Geschäftsmodellen werden. Ein weiteres Element einer digitalen Agenda muss ein Milliardenprogramm zur Digitalisierung des öffentlichen Lebens sein. Behörden und Krankenhäuser können mithilfe digitaler Prozesse effizienter arbeiten und digital ertüchtigte Schulen den Nachwuchs besser auf eine digitale Zukunft vorbereiten.
All das hätte einen langfristigen Effekt. Die Coronakrise sorgt für eine schmerzliche Zäsur. Aber sie bietet auch die Chance, den Kurs zu ändern, hin zu einem tatsächlich digitaleren Land.