Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kommentar Das Coronavirus wird die Deglobalisierung beschleunigen

Der heftige Konjunktureinbruch durch Corona wird vorbeigehen. Doch die langfristigen Folgen bleiben.
11.03.2020 - 13:32 Uhr Kommentieren
Das Coronavirus stellt die Weltwirtschaft vor ernste Herausforderungen. Quelle: dpa
Hamburger Hafen

Das Coronavirus stellt die Weltwirtschaft vor ernste Herausforderungen.

(Foto: dpa)

Die Corona-Epidemie wird kaum in einem Zusammenbruch der Weltwirtschaft münden, wie dies während der Weltfinanzkrise 2008/9 oder gar der Weltwirtschaftskrise 1929 geschah. Sehr wohl dürfte dieses Virus aber den vor zehn Jahren einsetzenden schleichenden Trend zur Deglobalisierung beschleunigen – und in naher Zukunft womöglich als ein neuer Wendepunkt in der Wirtschaftsgeschichte bezeichnet werden.

Der Begriff „Globalisierung“ wurde 1983 von US-Ökonom Theodore Levitt geprägt. Allerdings ist die grenzüberschreitende Verknüpfung von Warenströmen, Produktionsprozessen und Technologien sehr viel älter. Bereits die Feldzüge Alexanders des Großen beförderten den Austausch von Waren und Wissen zwischen dem griechisch-ägyptischen Kulturraum und dem Zentralasiens ungemein.

Der Startschuss zur Globalisierung, wie wir sie heute verstehen, fiel Anfang des 19. Jahrhunderts mit der Industrialisierung und der zeitgleich einsetzenden Ablösung des Merkantilismus durch die marktorientierte Laissez-faire-Philosophie eines Adam Smith, David Ricardo oder Jean-Baptiste Say.

Natürlich verlief diese Entwicklung nicht gleichförmig. So wurden immer wieder Phasen, in denen sich die Internationalisierung von Wertschöpfungsketten beschleunigte, von Zeiten abgelöst, in denen die Produktion renationalisiert wurde. Einen sehr herben Dämpfer erhielt die Globalisierung durch den Börsencrash 1929 und die anschließende Weltwirtschaftskrise. Diese größte globale ökonomische Krise des industriellen Zeitalters brachte das vorherrschende marktliberale Paradigma zu Fall. Weil der freie Markt zu Ungleichgewichten tendiert, bedarf es einer staatlichen Steuerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, um diese Schwankungen auszugleichen, lautete das neue, keynesianische Credo.

Spätestens mit den Angebotsschocks durch die Ölkrisen Anfang der 1970er-Jahre schwand der Glaube, mit kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen einen ewigen Aufschwung garantieren zu können. Der maßgeblich und mit Erfolg von Milton Friedman und Epigonen propagierte Glaube an die freien Märkte löste den Keynesianismus ab. Güter- und Finanzmärkte wurden liberalisiert, Arbeitsmärkte flexibilisiert und Sozialstandards ebenso wie Einkommen- und Vermögensteuern zur Wachstumsstimulierung gesenkt. Die Folge dieser Angebotspolitik: Von 1990 bis 2008/2009 kam es zum bislang kräftigsten Globalisierungsschub.

Das Dogma freier Märkte verlor in der globalen Finanzkrise 2008 an intellektueller Überzeugungskraft; die Realität widerlegte die Standardmodelle der Makroökonomie. Marktteilnehmer handeln keineswegs immer rational; vielmehr gibt es an den Finanzmärkten häufig Herdenverhalten. Zunächst werden Risiken lange Zeit ignoriert; kippt jedoch plötzlich die Stimmung, können, wie derzeit, Panik und Kettenreaktionen das System als Ganzes bedrohen.

Kampf um ökonomische Vormacht

Und so verlor die Globalisierung in der vergangenen Dekade an Dynamik – aus mehreren Gründen: Die Digitalisierung senkt die Relevanz der Lohnkosten bei Standortentscheidungen. Ferner ist der Handelsstreit zwischen den USA und China weit mehr als ein Streit um Außenhandelsbilanzen: Es ist der Kampf um die ökonomische Vormacht. Bereits unter US-Präsident Obama wurde der Kurs gegenüber China verschärft; Trump machte daraus sein plakatives „America first“. Und egal, wer die Präsidentschaftswahl im Herbst gewinnen wird: Eine Rückkehr zur alten Welthandelsdynamik gibt es nicht.

Weil die USA für viele Produkte der wichtigste Markt der Welt sind, dürfte jede US-Regierung immer mehr ausländische Firmen dazu drängen, wichtige Teile der Produktion in die USA zu verlagern. Im Gegenzug spinnt China mit seiner „Neuen Seidenstraße“ ein Netz aus Produktionsstandorten, Absatzmärkten und Kreditschuldnern, dessen Teilnehmer unterschiedlich stark von China abhängig sind.

Ferner werden die bald auftretenden Produktionsengpässe wegen fehlender Vorprodukte insbesondere aus China infolge von Corona ein Umdenken in den hoch arbeitsteilig organisierten Branchen bewirken; Teile von Wertschöpfungsketten dürften renationalisiert werden. Zudem wird die Abhängigkeit von China bei wichtigen Grundstoffen für Medikamente sowie bei Schutzkleidung den politischen Druck erhöhen, sich nicht mehr allein auf die Lieferfähigkeit ausländischer Partner zu verlassen.

Vermutlich wird die Welt noch im Laufe dieses Jahres Corona überstanden haben – mutmaßlich ohne Weltwirtschaftskrise. Doch die ökonomischen Langfristfolgen könnten die Welt entscheidend verändern. Davon profitieren dürften vorrangig die USA.

China kann den Verlust von Kunden in Europa und Nordamerika womöglich durch neue Kunden in Fernost, Zentralasien und Afrika ausgleichen. Europa und sein industrielles Kernland Deutschland sollten alles daransetzen, sich als Produktionsstandort zu revitalisieren, und die tiefe Skepsis gegenüber einer europäischen Industriepolitik überwinden.

Mehr: Alle Entwicklungen zum Coronavirus im Newsblog.

Startseite
Mehr zu: Kommentar - Das Coronavirus wird die Deglobalisierung beschleunigen
0 Kommentare zu "Kommentar: Das Coronavirus wird die Deglobalisierung beschleunigen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%