Kommentar: Das hohe Gehaltsplus für Konzernchefs ist das falsche Signal zur falschen Zeit
Der Linde-Chef ist Topverdiener unter den Dax-Konzernchefs.
Foto: ReutersFast 20 Millionen Euro: So viel verdiente Linde-Chef Steve Angel im abgelaufenen Jahr. Es ist eine Zahl, die innehalten lassen sollte, eine Zahl, die ein falsches Signal in die Wirtschaft und vor allem die Gesellschaft sendet. Angel hat 2021 gut 40 Prozent mehr Vergütung erhalten als im Jahr zuvor. Er ist damit Topverdiener unter den Vorstandschefs der Dax-Konzerne. Im Durchschnitt erhielten die Spitzenmanager 24 Prozent mehr Bezüge als im Vorjahr und kamen auf rund sechs Millionen Euro Gehalt, wie eine am Mittwoch präsentierte Studie ermittelt hat.
Die Konzerngewinne im vergangenen Jahr stiegen allerdings deutlich stärker – im Dax durchschnittlich um 122 Prozent und bei Linde um 52 Prozent. Und auch die Bewertungen an der Börse legten zu. Der Industriegaseriese Linde schaffte es sogar, den Softwarehersteller SAP als wertvollsten Dax-Konzern abzulösen.
Gemessen an der Gewinnentwicklung und den gestiegenen Börsenwerten, könnten die erhöhten Chef-Gehälter also gerechtfertigt erscheinen. Zumal die Vergütungssysteme in den vergangenen Jahren auf politischen und gesellschaftlichen Druck dahingehend geändert wurden, dass finanzielle Zielgrößen in der variablen Vergütung stärker verankert wurden.
Sprich: Die Vorstände werden zunehmend nach Leistung bezahlt, und die wird gemessen an Kennzahlen wie Aktienkursen und Rendite auf eingesetztes Kapital.
Auch lässt sich das Gehalt des Amerikaners Angel relativieren: Im Vergleich zu seinem Landsmann Pat Gelsinger, CEO des Chipkonzerns Intel, ist er nahezu Geringverdiener. Gelsinger erhielt 2021 laut Berechnungen der Studie rund 92 Millionen Euro und damit fast das Fünffache von Angel.
Dax-Chefs verdienen ein Vielfaches ihrer Mitarbeiter
Doch von den starken Zahlen in den Bilanzen und an den Börsen profitierten 2021 anscheinend nur die Dax-Chefs. Die Bruttogehälter in Deutschland insgesamt legten nur um 3,7 Prozent zu. Zweistellige Gehaltssteigerungen innerhalb eines Jahres setzten nicht einmal die selbstbewusstesten Gewerkschaftsbosse durch.
Hinzu kommt: Die Vorstände der großen börsennotierten Konzerne verdienen ein Vielfaches der Bezüge ihrer Belegschaft. Ihr Vorstandsgehalt war 53-mal höher als das ihres durchschnittlichen Mitarbeiters. 2020 war es „nur“ das 47-Fache.
In einem Land oder besser gesagt einer westlichen Wirtschaftswelt, die unter Rekordenergiepreisen, Coronapandemie und hoher Inflation leidet, erscheinen solche Gehaltssprünge nicht akzeptabel. 2020 hatten einige Vorstände angesichts der Coronapandemie auf ihre Boni verzichtet.
Es wäre gut gewesen, und es wäre noch besser angekommen – Stichwort: Neiddebatte –, wenn sie sich auch 2021 etwas mehr in Bescheidenheit geübt hätten. Weniger ist manchmal mehr.