Kommentar: Das Investorentreffen in Riad entlarvt die Scheinheiligkeit des globalen Kapitalismus
Auch 2021 gleicht die Konferenz einem Lackmustest: Welche Manager meinen es ernst mit ihren Bekenntnissen zu Ökologie und Menschenrechten?
Foto: ReutersAn 363 Tagen im Jahr trägt der moderne Kapitalismus sein grünes Einstecktüchlein in der Brusttasche und die dezente Amnesty-International-Nadel am Revers. An den beiden übrigen Tagen tummeln sich seine Vertreter beim Treffen der „Future Investment Initiative“ (FII) im saudischen Riad. Corona-bedingt finden die meisten Panels und Diskussionsrunden in diesem Jahr nur virtuell statt.
Aber auch 2021 gleicht die Konferenz einem Lackmustest: Welche Manager meinen es ernst mit ihren Bekenntnissen zu Ökologie und Menschenrechten? Und wem sind im Zweifel gute Geschäfte mit dem Petro-Regime wichtiger?
Larry Fink zum Beispiel. Der Vorstandschef von Blackrock, dem größten Vermögensverwalter der Welt, spricht in seinen Aktionärsbriefen gerne von der Verantwortung, die große Unternehmen für den Klimawandel tragen. Unternehmen, die weiterhin auf fossile Energiequellen setzen, droht Fink von der Kapitalzufuhr abzuschneiden.
Nun lässt sich zwar das gesamte Geschäftsmodell Saudi-Arabiens mit zwei Worten umreißen: billiges Öl. Das hindert Fink aber nicht daran, den Saudis seine Aufwartung zu machen. Beim Eröffnungspanel räsoniert er laut Programmheft über die „Neo-Renaissance: Wie werden Investitionen die Wiedergeburt der globalen Wirtschaft beeinflussen?“ In der Ankündigung von Finks Panel kam das Wort Klimaschutz nicht vor, in der Diskussion selbst wurde er immerhin erwähnt.
Das Thema Menschenrechte hingegen nicht. Vor drei Jahren gab es in der Beliebtheit des IIF mal einen kurzen Knick. Damals war herausgekommen, dass saudische Geheimdienstschergen den Regimekritiker Jamal Kashoggi in Istanbul ermordet und zerstückelt hatten. Doch das ist offenbar vergeben und vergessen.
Neben Fink treten laut Programm auch die Chefs von Goldman Sachs, Total, Softbank, der Credit Suisse und vielen weiteren Konzernen bei der FII auf. Welche Rechtfertigung kann es für einen Manager geben, das Regime von Riad durch seine Präsenz aufzuwerten? Na klar, natürlich die Überzeugung, „dass Engagement und öffentlicher Dialog Saudi-Arabien auf seinem Weg der Reformen bestärken“. So zumindest die Sprachregelung, die Blackrock auf Anfrage der „New York Times“ mitteilte.
Vielleicht denken sich die Machthaber in Riad aber auch: Solange wir foltern und morden lassen können und trotzdem von der internationalen Finanzelite hofiert werden, lässt sich der Reformdruck gerade noch aushalten.
Zyniker wiederum könnten sagen: Wenn die Manager mit Riad nicht mehr kuscheln dürfen, dann dürften sie ja eigentlich auch zu den Arbeitslagern in China nicht mehr schweigen. Und mal ehrlich, wo kämen wir denn da hin?