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Kommentar – Der ChefökonomKünstliche Intelligenz birgt Chancen auf ein besseres Gesundheitssystem

KI kann helfen, die Anzahl an gesunden Lebensjahren zu erhöhen. Doch nicht nur Behandlungsmethoden sind wichtig, wir müssen vor allem die Effizienz in der Verwaltung des Gesundheitssektors steigern.Bert Rürup 30.06.2023 - 04:10 Uhr
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Ein beachtliches Sparpotenzial werden KI-Systeme bei den Krankenversicherungen erschließen.

Foto: IMAGO/Zoonar

Nahezu 500 Milliarden Euro wurden in Deutschland im vergangenen Jahr für Gesundheitsleistungen ausgegeben. Dies entspricht etwa 13 Prozent des Bruttoinlandsproduktes oder 5900 Euro pro Einwohner. Die Verwaltungskosten der gesetzlichen Krankenkassen belaufen sich auf vier bis fünf Prozent ihrer Ausgaben. Bei den privaten Krankenversicherungen ist dieser Anteil nahezu doppelt so hoch.

Welche Beträge bei den Leistungsanbietern, also Ärzten, Therapeuten, Krankenhäusern und Apotheken für administrative Zwecke ausgegeben werden, lässt sich allenfalls grob schätzen. Unterstellt man eine gesamte Größenordnung von nur fünf Prozent, dann entspräche dies immerhin 25 Milliarden Euro pro Jahr.

Um das zweifellos stark eingespannte Gesundheitspersonal von Verwaltungsarbeiten zu entlasten, bieten sich digitale Tools an: Formulare können an Tablets ausgefüllt werden – mit dem Vorteil, dass Name und Adresse des Patienten nicht auf jedem Formular neu eingeben werden müssen. Termine können über Onlineportale oder Sprachcomputer vereinbart werden, und Abrechnungen sind automatisierbar.

Auf den ersten Blick mögen die damit verbundenen Einsparpotenziale überschaubar anmuten, aber irrelevant sind sie deshalb keineswegs. Gerade in Zeiten, in denen Fachkräfte im Gesundheitswesen knapp sind, sollten möglichst viele Routineaufgaben auf Maschinen ausgelagert werden – im Interesse von Kostensenkungen und Effizienzsteigerungen.

An dieser Stelle kommt die Künstliche Intelligenz (KI) ins Spiel. Nicht nur viele Ökonomen und Informatiker sehen darin eine neue Leittechnologie, welche die kommenden Dekaden prägen wird. So wie Dampfmaschine und Eisenbahn im 19. Jahrhundert oder die Elektrotechnik und die Chemie im 20. Jahrhundert viele Berufsbilder veränderten und neben neuen Produkten und Prozessen auch zahlreiche neue Berufe entstehen ließen, so sind auch Digitalisierung und KI mit einem hohen disruptiven Potenzial verbunden.

Mutmaßlich dürfte es in der Medizin nur wenige Teilbereiche geben, für die der KI-Einsatz keine Innovationen erwarten lässt. So gibt es beispielsweise in der Diagnostik bereits jetzt Software, die auf tomografischen Aufnahmen oder Röntgenbildern Tumoren und andere maligne Befunde identifizieren kann. Und Elektrokardiogramme können von Maschinen auf auffällige Werte hin gescannt werden – was mit signifikanten Erleichterungen des medizinischen Personals und besseren Behandlungschancen der Patienten verbunden ist.

Prinzip Versuch und Irrtum

Technikaffine Mediziner hegen Hoffnungen, dass das Zusammenspiel von großen Datenmengen, hoher Rechnerleistung und trainierter Software viele Erkrankungen früher und besser erkennen lässt. Es könnte bislang nicht gekannte Therapien ermöglichen sowie zur Entwicklung neuer Arzneimittel führen. Kurzum, sie setzen darauf, dass der KI-Einsatz zu einer relevanten Steigerung der Anzahl beschwerdefreier Lebensjahre führen wird.

Fakt ist jedoch, dass die meisten dieser Anwendungen noch in den Kinderschuhen stecken und wie bei allen neuen Technologien Trial-and-Error eine große Rolle spielen werden. Die große Hoffnung ist, dass KI helfen kann, zum Beispiel eine größere Trefferzahl etwa in der Krebsdiagnose zu generieren.

Eine zentrale Erfolgsbedingung für die KI-Forschung ist die Verfügbarkeit guter Datenbanken. Daher sollten die in den neuen elektronischen Patientenakten erfassten Daten für die Wissenschaft nutzbar gemacht werden.

Weit fortgeschrittener ist die Entwicklung intelligenter Systeme für den Einsatz in der Verwaltung. Ein KI-trainierter Algorithmus findet sofort das richtige Formular für die Anmeldung und stellt keine irrelevanten Fragen. So lernt ein gutes Formulartool schnell, welche Fragen bei Bluthochdruck von Interesse sind, bei Atemnot aber nicht.

Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats sowie Berater mehrerer Bundesregierungen und ausländischer Regierungen. Mehr zu seiner Arbeit und seinem Team unter research.handelsblatt.com.

Foto: Handelsblatt

Auch KI-organisierte Terminbuchungsportale werden zunehmend besser darin, Fremdsprachen zu verstehen. Werden Sprechstundenhilfen von Routineaufgaben entlastet, steht ihnen mehr Zeit für medizinisch Vorrangiges zur Verfügung, also etwa für Beratungsgespräche oder die Hilfe bei Untersuchungen – für das, was letztlich nur Menschen können.

Dies allein schon wäre ein Qualitätsgewinn. Denkbar wäre zudem eine Software, die automatisch eine schriftliche Zusammenfassung von dem erstellt, was im Arztzimmer besprochen wurde. Schließlich fällt es viele Menschen schwer, sich zu merken, was genau ihnen von Ärztin oder Arzt mitgeteilt wurde.

In Krankenhäusern können KI-Systeme das Management unterstützen, Effizienzpotenzial zu heben, etwa, indem die Auslastung von Operationssälen und Belegbetten optimiert wird. Ähnliches gilt für den Personaleinsatz. Ferner ist es mithilfe von Datenanalysen deutlich einfacher, die Gründe für Erfolge und Misserfolge bei Behandlungen zu ermitteln.

Viel Geld im System der Krankenkassen

Ein beachtliches Sparpotenzial werden KI-Systeme auch bei den Krankenversicherungen erschließen. Algorithmen können autonom Erstattungsanträge und Abrechnungen bearbeiten und auf Plausibilität prüfen, um Betrugsversuche aufzudecken. Ein wichtiges Einsatzgebiet ist zudem das Prognostizieren der Behandlungsfortschritte.

Heute gibt es nicht selten zeitliche Lücken, etwa zwischen dem Klinik- und Reha-Aufenthalt. Oft stehen Hilfsmittel nicht termingerecht zur Verfügung, und es gibt Schwierigkeiten, Kontrolltermine zu finden. Ein KI-System kann hingegen schon anhand weniger Parameter den Behandlungsverlauf prognostizieren und den zweckmäßigen Therapiepfad planen und organisieren.

Die skizzierten Bereiche zeigen, dass es mit dem Einsatz von KI gelingen kann, die Effizienz des Gesundheitssystems zu erhöhen. Patienten können besser und kostengünstiger behandelt werden – und gewinnen womöglich gesunde Lebensjahre hinzu.
Allerdings gelten viele Leistungsanbieter im Gesundheitssektor als wenig technikaffin und hegen Vorbehalte gegenüber Digitalisierung und KI.

Zudem sind die Datenschutzanforderungen an digitale Neuerungen sehr hoch – wenngleich auch unter Status-quo-Bedingungen Gesundheitsdaten verloren gehen können oder gar bewusster Missbrauch mit ihnen betrieben werden kann. Es gilt also auch, Überzeugungsarbeit zu leisten und Ängste abzubauen.

Zudem ist das deutsche Gesundheitssystem keineswegs so gut, wie es oft von der Politik und den Leistungsanbietern proklamiert wird. So ist die Lebenserwartung in Deutschland niedriger als in den anderen westeuropäischen Ländern: Im Vergleich dieser 16 Länder belegt Deutschland bei den Männern Platz 15 und bei den Frauen Platz 14. Gleichzeitig ist das deutsche Gesundheitswesen eines der teuersten in Europa, wenn nicht weltweit. Digitalisierung und KI könnten an dieser Stelle nur zu Verbesserungen führen.

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Leistungsfähige KI-Systeme können nicht nur Leben retten oder helfen, Leben zu verlängern. Sie können auch einen wichtigen Beitrag zur Vermeidung von Fehlallokationen und damit zur Dämpfung der Kostendynamik leisten.

Zeit abzuwarten bleibt nicht. Denn dem Gesundheitssystem steht eine massive Bewährungsprobe bevor: die immensen Kostensteigerungen als Folge der Bevölkerungsalterung und des medizinischen Fortschritts. Diese Ausgabendynamik lässt sich ohne Leistungseinschränkungen nur durch eine Hebung von Einsparpotenzialen abfedern.

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