Kommentar: Der Kapitalmarkt kann die Pflichtversicherung ersetzen

Nach jedem Hochwasser fordert die Politik eine Pflichtversicherung. Und die Versicherungswirtschaft ist jedes Mal dagegen. Ein Schlagabtausch, der den Geschädigten in den Flutgebieten nicht hilft. Dabei gibt es eine Lösung: Der Kapitalmarkt kann die Risiken übernehmen.
Die Lage in Süddeutschland ist immer noch angespannt. Allein die R+V Versicherung schätzt die Schäden ihrer Versicherten auf rund 100 Millionen Euro – der tatsächliche Schaden dürfte in die Milliarden gehen.
Die Flut im Ahrtal im Sommer 2021 kostete die Volkswirtschaft 46 Milliarden Euro. Nur rund 8,75 Milliarden davon waren versichert. Der Unterschied ist gewaltig – und eine Pflichtversicherung erscheint logisch, wie mein Kollege argumentiert. Sie ist aber nicht die richtige Lösung.
Wenn jeder Schaden am Haus automatisch von der Versichertengemeinschaft übernommen würde, dann würde dies Fehlverhalten fördern: Wichtige Renovierungen blieben aus, bis die Versicherung die Kosten übernimmt. Und Kommunen würden weiter munter Baugenehmigungen in Risikogebieten erteilen.
Es gibt längst eine Lösung, bei der sowohl das Risiko verteilt wird als auch der Druck auf Reformen aufrechterhalten bleibt: eine Katastrophenanleihe. Damit können institutionelle Investoren darauf wetten, ob ein Sturm oder eine Flut stattfindet oder nicht. Emittenten der Anleihen sind Kommunen, städtische Gesellschaften oder Versicherer selbst.
Immer mehr Kommunen und Regierungen nutzen Katastrophenanleihen gegen Naturkatastrophen
Das Prinzip: Bleibt die Katastrophe aus, winkt eine hohe Risikoprämie. Im Katastrophenfall ist das Geld jedoch weg und wird in den Wiederaufbau investiert. Investoren bekommen teils zweistellige Renditen, völlig unabhängig von anderen Entwicklungen an den Finanzmärkten.
Gleichzeitig würden Investoren nur dann investieren, wenn sie wissen, dass auch genug in Schutz und Prävention investiert wird. Damit würde einerseits das Risiko im Katastrophenfall übertragen. Andererseits bliebe der Druck auf Politik und Hausbesitzer aufrechterhalten, selbst in den Schutz zu investieren.
Die New Yorker U-Bahn-Gesellschaft MTA hat bereits mehrmals eine Katastrophenanleihe gegen das Risiko ausgegeben, dass durch Starkregen die Schächte der U-Bahn volllaufen. Die MTA wollte zuletzt dafür rund 75 Millionen US-Dollar einsammeln und war bereit, bis zu 6,25 Prozent Zinsen zu zahlen. Die Anleihe war so beliebt, dass die Gesellschaft 100 Millionen Dollar einsammelte und nur 5,75 Prozent zahlen muss.
Die Regierung des US-Außengebiets Puerto Rico in der Karibik hat sich damit gegen Hurrikan-Schäden abgesichert. Auch die Allianz hatte im Dezember eine 250 Millionen Euro schwere Katastrophenanleihe gegen Sturmrisiken in Europa begeben.
Allein im Mai wurden weltweit Katastrophenanleihen im Wert von über vier Milliarden US-Dollar begeben – ein Rekordwert. Schon der Vormonat lag nahe am Rekordhoch. Katastrophenanleihen werden beliebter. Und das sollte die Bundesregierung nutzen.
Naturkatastrophen werden zunehmen, auch in unseren Breiten. Und sie werden schlimmer und teurer. Alle aktuellen Wettermodelle deuten darauf hin. Die Lösung ist längst da – und der Bundesfinanzminister könnte schnell für Abhilfe sorgen.