Kommentar: Der Vertrauensverlust der EZB gefährdet die Stabilität an den Märkten
Die Notenbank droht sich selbst in eine gefährliche Zwickmühle zu manövrieren.
Foto: dpaUnd sie bewegt sich doch – zumindest ein Stückchen. Die Chefin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, will nun im März noch einmal alle Daten auf den Tisch legen, um dann zu entscheiden, ob es nicht doch eine striktere Geldpolitik braucht.
Das ist eine neue Tonalität, aber immer noch zu vage. Die EZB ist mit dem größten Teuerungsschub seit Einführung des Euros und mit anziehenden Inflationserwartungen konfrontiert. Selbst wenn es gute Gründe für die Notenbank gibt, noch nicht zu handeln, macht sie sich doch einer kommunikativen Fehlleistung schuldig, und die kann genauso gefährlich sein.
Die EZB setzt ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel und geht ein sehr hohes Risiko ein.
In der Geldpolitik sind Worte fast genauso wichtig wie Taten. Mit gezielten verbalen Hinweisen lenken erfahrene Notenbanker die Märkte in die gewünschte Richtung, das hilft, die eigentlichen geldpolitischen Entscheidungen vorzubereiten und abzufedern.
Vorausgesetzt, die Investoren sind davon überzeugt, dass es sich niemals lohnt, gegen die Zentralbank zu wetten. Wird dieses Paradigma infrage gestellt, droht Chaos an den Märkten.
Damit stand der Verdacht im Raum, die Fed würde zu spät auf die Teuerung reagieren und später dann umso heftiger gegensteuern müssen, auch um ihre Glaubwürdigkeit im Kampf gegen die Inflation zu untermauern. Die Angst, dass auf ein Unterschätzen der Inflation eine Überreaktion der Geldpolitik folgen würde, reichte, um heftige Ausschläge an den Finanzmärkten auszulösen.
Viel zu lange hat auch Lagarde an ihrer Aussage festgehalten, es werde 2022 keine Zinserhöhung geben. Mit dieser Festlegung hat sich die EZB ihrer Flexibilität beraubt. Den Investoren fehlte längst vor Lagardes Relativierung nach der jüngsten EZB-Sitzung der Glaube an diese Botschaft. Viele rechnen angesichts der Inflationsdynamik mittlerweile sogar mit zwei Zinsschritten in diesem Jahr.
Jetzt steckt die Notenbank in einer schwierigen Lage. Eine zu schnelle Straffung der Geldpolitik würde die Stabilität der hochverschuldeten Euro-Länder gefährden, aber wenn die Hinhaltetaktik zu Verwerfungen an den Märkten führt, droht genau der gleiche Effekt.
Die EZB steht erst am Anfang eines waghalsigen Drahtseilakts – und hat sich bei den ersten Schritten bereits mehrere Wackler geleistet.